Armut in der Großstadt:Problemviertel am Harthof

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Hinter ihr, an der Pinnwand, hängt ein Bewerbungsbogen für eine Kleinwohnung. Ein Mechaniker, deutsch, verheiratet, ein Kind, hat um eine Wohnung nachgesucht, die 180 Mark gekostet hat, Reichsmark. 1947 war das, und wahrscheinlich war der Mann genauso froh um den Zuschlag wie es heute viele sind.

1939 hat die GWG auf dem ehemaligen Gutshof zu bauen begonnen - Wohnungen für Rüstungsarbeiter - hat später weiter gebaut und gebaut, heute gehören der städtischen Gesellschaft 3300 Wohnungen im Quartier, darunter gut 1100 in den ältesten Blöcken.

Klein sind sie und billiger als Sozialwohnungen, zwei bis vier Euro kostet der Quadratmeter, im ganzen Viertel liegt der Schnitt bei fünf Euro - stadtweit beim Doppelten. Ausgestattet sind diese ,,Schlichtwohnungen'' mit einer Heizquelle und einer Kloschüssel, sonst nichts.

Es ist Unruhe ins Viertel gekommen, seit die GWG den Abriss der Altbauten innerhalb der nächsten 20 Jahre angekündigt hat. Man will neu bauen und dann die Bewohnerschaft stärker durchmischen. Viele fürchten, dass ihnen das Geld nicht mehr reicht, denn die neue Wohnung kann leicht das Doppelte kosten. Was nutzt es da, wenn sie größer und schöner ist und ein Bad hat? Bei vielen reicht's jetzt schon hinten und vorne nicht.

Auf 200 schätzen Daniel und Benad die Zahl der fristlosen Kündigungen pro Jahr wegen Mietschulden, dazu zehn, zwanzig Zwangsräumungen. Am schlimmsten, sagt Frau Daniel, ist es nach dem Sommer, wenn die Leute im Urlaub waren und ihr weniges Geld dort gelassen haben.

Da kommt die Sozialpädagogin auf die Konsumgewohnheiten ihrer Mieter zu sprechen und lacht ein bitteres Lachen. Kennt sie doch Bewohner, die einen Plasma-Bildschirm an der Wand hängen haben - aber kein Geld für die Miete.

Für solche Unvernunft hätte Frau Fischer bestimmt gar kein Verständnis. Wir treffen sie in der Dientzenhoferstraße, 71 ist sie, und schimpfen kann sie wie ein Rohrspatz. Über Unverschämtes und Unordentliches im Harthof. Und jetzt, im April, muss sie ausziehen, nach 47 Jahren.

Noch wohnt sie in einem der graugrünen Häuser, der Möbelwagen parkt auf der Wiese davor, ein Nachbar geht heute schon: ,,Mir tut das so weh.'' In den Humannweg soll sie ziehen, das ist gleich um die Ecke, aber doch was ganz anderes, und ihren Garten wird sie verlieren.

Winzig sind sie, die unzähligen Mietergärten zwischen den Häusern, aber doch groß genug für ein Gartenhäuschen, ein Beet, ein wenig Wiese und einen Liegestuhl. Sie werden Tiefgaragen weichen. ,,Ich kann mir das gar nicht vorstellen'', sagt Frau Fischer.

Bleiben werden ihr die Treffen ,,Unter den Arkaden''. So heißt das Haus, das früher Versorgungshaus war mit einem Kramer- und einem Milchladen unten drin, und das seit dem Besuch von Familienministerin von der Leyen im Februar ,,Mehrgenerationenhaus'' heißt. Hier gehen Menschen wie Katharina Fischer ein und aus.

Oder Ursula Quack, die Künstlerin und Übersetzerin, die hier Deutsch lehrt, zwei Töchter hat und froh ist über die Toleranz im Viertel. Oder Aiqun Lü, die studierte Chinesin, die ihrem Mann nach Deutschland gefolgt ist, nun Deutsch lernt und eine Stelle sucht. Oder Karina Amendolara de Drum, geboren in Peru, die früher Besucherin war, dann hinter der Theke für fünf Euro die Stunde Kaffee ausgeschenkt hat und inzwischen die Kinder der anderen Mütter betreut.

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