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"Arge Freie München":Eine Stimme für die Schwachen

Julia Sterzer, Geschäftsführerin AWO München Stadt

Als neue Sprecherin der sechs Münchner Wohlfahrtsverbände muss Julia Sterzer Menschen Gehör verschaffen, auf die sonst niemand hört.

(Foto: Robert Haas)

Julia Sterzer ist die neue Sprecherin der Wohlfahrtsverbände. Sie brennt für ihre Aufgabe - und prescht gleich zu Beginn schneller vor, als manchem lieb ist

Von Thomas Anlauf

Es ist eine stille Stabübergabe. Julia Sterzer, Oberbürgermeister Dieter Reiter und Andrea Betz stehen an einem Dezembertag coronabedingt mit Masken vor den Gesichtern im Münchner Rathaus und halten symbolisch einen schwarz-gelben Staffelstab. 14 Monate lang war Andrea Betz Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der sechs Münchner Wohlfahrtsverbände (Arge Freie München). Das Amt hatte die 40-Jährige während der üblicherweise dreijährigen Amtszeit von ihrem damaligen Chef Günther Bauer von der Inneren Mission übernommen, nun übernimmt für die kommenden drei Jahre Julia Sterzer die Sprecherrolle. Die 53-Jährige ist seit November 2018 gemeinsam mit Hans Kopp Geschäftsführerin bei der Arbeiterwohlfahrt Awo. Der turnusmäßige Wechsel wird womöglich auch sozialpolitische Veränderungen mit sich bringen. Während die Innere Mission für die Evangelische Kirche steht, ist die Awo traditionell SPD-nah.

Tatsächlich hat Julia Sterzer im vergangenen Jahr für die SPD im Münchner Stadtrat kandidiert - wenngleich auf dem hintersten Listenplatz. Natürlich liegen ihr die sozialen Themen schon von Berufs wegen besonders am Herzen. So ist sie als Geschäftsführerin zuständig für die Bereiche Kindertagesbetreuung, Jugend- und Wohnungslosenhilfe, den Bereich Migration und Flüchtlingsarbeit sowie die Abteilung Personal. Als neue Sprecherin der Wohlfahrtsverbände werde sie sich "für den Erhalt unserer solidarischen Stadtgesellschaft einsetzen, die sicherstellt, dass alle, die dringend Unterstützung benötigen, diese auch weiterhin bekommen", sagt die gebürtige Münchnerin. Ihrer neuen Aufgabe sieht sie "mit Freude - aber durchaus auch mit Respekt entgegen. Die drei Jahre unserer Federführung werden sicherlich durch die Nachwirkungen der Pandemie geprägt sein".

Bereits in den ersten Tagen in ihrer Rolle als Sprecherin hat sie schon das Corona-Thema eingeholt. Da ging es um die verschärfte Maskenpflicht - und Julia Sterzer verständigte sich schnell mit der Stadtpolitik, wie die Versorgung der Ärmeren mit FFP-2-Masken funktionieren soll: "Ganz frisch aus unserem heutigen Gespräch mit der SPD-Fraktion", schrieb sie auf Facebook. "Es soll für alle Personen mit München-Pass je 5 kostenlose Masken oder ggf. das Geld dafür geben." Der Vorgang stieß bei den Wohlfahrtsverbänden auf Irritationen, denn er war offenbar nicht mit den jeweiligen Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern abgestimmt, was sonst üblich ist. Zudem gilt es als ungeschriebenes Gesetz, mit allen maßgeblichen Stadtratsfraktionen zu reden und nicht nur mit einer Partei. "Es musste schnell gehen", sagt Julia Sterzer heute. Mittlerweile ist der Facebook-Eintrag gelöscht.

Doch daran ist zu erkennen, dass Sterzer für ihre Aufgabe brennt. Nach einem kleinen beruflichen Umweg in ihrer Jugend, als sie Modedesignerin werden wollte und zunächst eine Ausbildung als Handweberin machte, holte sie nach der Geburt ihrer heute 32-jährigen Tochter die Fachhochschulreife nach und studierte Sozialpädagogik. Vor 25 Jahren begann sie bei der Awo im Sozialdienst. Später erhielt sie den Anruf aus ihrer Geschäftsstelle, das Referat für Kindertagesbetreuung bei der Arbeiterwohlfahrt zu übernehmen. Ihren neuen Bereich baute sie kontinuierlich aus, mittlerweile hat die Awo in ihren mehr als 50 Kindertageseinrichtungen etwa 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Jetzt muss sie natürlich neben ihrer Arbeit als Geschäftsführerin vor allem ein Augenmerk auf die Folgen der Corona-Krise haben. "Es ist schon ein großer Schwerpunkt, unter Corona-Bedingungen die sozialen Leistungen aufrecht zu erhalten", sagt Sterzer. Für sie wirkt die Pandemie wie ein Brennglas der Gesellschaft. Die Armut verschärfe sich und auch die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen nehme zu. Dazu kommt, dass die Haushaltslage in München wegen der Corona-Krise zunehmend angespannt ist. "Ich habe schon Sorge, wie es mit dem städtischen Haushalt weitergeht", sagt sie. Bislang hat der Stadtrat weitreichende Unterstützung für soziale Einrichtungen, für die Mitarbeiter der Verbände und Organisationen und auch für Bedürftige zugesichert. Aber wie lange kann sich das die Stadt noch leisten?

Deshalb ist die Arbeit als Sprecherin der Wohlfahrtsverbände so wichtig. Sie muss sich Gehör verschaffen, auf Augenhöhe mit den Entscheidungsträgern reden. Am wichtigsten sind die regelmäßigen Treffen der Geschäftsführer der Wohlfahrtsverbände. Dort wird abgestimmt, wie die Haltung und die Forderung der sozialen Träger in bestimmten politischen Fragen ist. Daneben gibt es regelmäßige Spitzengespräche, vor allem im Sozialreferat, aber auch mit dem Oberbürgermeister. Der versprach bei der Stabübergabe: Es sei auch in Zukunft sichergestellt, "dass alle, die dringend Unterstützung benötigen, diese auch weiterhin bekommen".

© SZ vom 20.01.2021
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