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Alternatives Stadtmagazin:"Anarchie ist kein Steckerleis"

Humor kann auch weh tun: Das "Gaudiblatt", ein Heft für subversiven Spaß, existiert seit zehn Jahren. Für die Jubiläumsausgabe wurde das "Blatt", Münchens erstes Stadtmagazin, wiederbelebt - ein Gespräch mit den Herausgebern über redaktionelle Freiheit, Provokationen und den Geist der 68er

Michael Wladarsch, Olli Nauerz und Lutz Olbrich (von links) teilen das Bedürfnis, "sich frei und unzensiert zu äußern".

(Foto: Catherina Hess)

Das Blatt, das 1973 in München gegründet wurde, war das erste Stadtmagazin Westdeutschlands. Lutz Olbrich, 71, arbeitete beim Blatt - und war außerdem in seinem Leben unter anderem: Architekturstudent, Schauspieler, Lkw-Fahrer und EDV-Berater. Das Gaudiblatt gibt es seit 2009. Es ist kostenlos, hat eine Auflage von 2500 Exemplaren und liegt in Münchner Kneipen, Cafés und kulturellen Einrichtungen aus. "Überall da, wo wir Subkultur vermuten", sagt Michael Wladarsch, 57, Grafikdesigner und Kulturaktivist, der zusammen mit Olli Nauerz zum harten Kern der Gaudiblatt-Macher gehört. Nauerz, 48, ist Pflegeassistent und Musiker bei der Band Einstürzende Musikantenstadl.

SZ: Sie geben in dieser Woche eine Doppelnummer heraus, bestehend aus dem "Gaudiblatt", das Zehnjähriges feiert, und dem Vorgänger-Magazin "Blatt", das zwischen 1973 und 1984 existierte.

Olli Nauerz: Für uns schließt sich hier ein Kreis. Als wir 2009 das Gaudiblatt gründeten und einen Namen suchten, wollte ich das Wort "Gaudi" dabei haben - in Anlehnung an das legendäre Januar-Manifest der Münchner Gruppe Spur ...

... ein Künstler-Manifest, in dem es unter anderem hieß, es gebe keine künstlerische Freiheit ohne die Macht der Gaudi.

Nauerz: Ich war also für das Wort Gaudi. Und der Mitgründer Carl-Ludwig Reichert sagte, er fände es gut, wenn "Blatt" vorkommen würde - wegen des ersten Stadtmagazins in München.

Michael Wladarsch: Ich war bei der Gründung zwar nicht dabei, aber bei der Produktion der ersten Nummer.

Nauerz: Das gilt auch.

Wladarsch: Was ich sagen wollte: Einer sagt Gaudi, der andere Blatt und - bumm - haben wir das Gaudiblatt. Das ist für mich das Faszinierende - andere brauchen dafür 47 Sitzungen und dann werden die Namen 300 mal verworfen. Dass es bei uns immer einfach geht, zieht sich durch die ganzen zehn Jahre.

Nauerz: Das ist schon einmalig, wie das immer flutscht. Wir sind sehr ergebnisorientiert.

Wladarsch: Ich muss noch ein Zitat los werden: Das Gaudiblatt wird nicht gemacht, das Gaudiblatt passiert.

Wer macht das Gaudiblatt, wie ist der Ton, welche Themen gibt es?

Nauerz: Das Team besteht im Kern aus drei Leuten, aus Michael, Carl-Ludwig Reichert und mir. Darüber hinaus arbeitet ein großer Kreis mit, wir hatten zum Beispiel mal einen Artikel von Hans Well. Manchmal kommen auch Leute auf uns zu und fragen, ob sie mitarbeiten können. Wir haben ja einen ganz guten Namen. Meistens machen wir Themenhefte ...

... es gab welche über Karl Valentin, über Heimat, über Musik.

Nauerz: Und wir behandeln oft aktuelle Themen. Es gab ein Heft über Religion, als der Kirchentag in München stattfand und die Schwachköpfe sich hier getroffen haben. Oder jetzt hatten wir eines über die Räterepublik in München vor 100 Jahren. Wir haben auch mal eine Oktoberfestausgabe gemacht und dazu den Autor Ulrich Chaussy interviewt, der ja die Einzeltäterthese beim Attentat 1980 in Frage stellt.

Wladarsch: Das Gaudiblatt ist aber auch eine Plattform, die andere nutzen können. Wir stellen schon mal zwei Seiten zur Verfügung, die gefüllt werden können - etwa von der Polizeiklasse der Kunstakademie, die kreativ gegen das Polizeiaufgabengesetz protestiert. Oder für den selbstverwalteten Kunst- und Kulturraum iRRland, der neue Räume sucht. Es ist auch unsere Aufgabe, dass diese Gruppen in die Öffentlichkeit treten können. Wir sind schon für die Subkultur, für die Brache in unserer Stadt da. Es gibt ja in München keine Nischen für Kunst, alles ist durchorganisiert. Dass ein Haus leer steht, Leute reingehen und etwas machen - das gibt es hier nicht.

Das sind schon ernste Themen. Wo ist die Gaudi in Ihrem Gaudiblatt?

Wladarsch: Keiner vergisst bei uns in den Texten und den Zeichnungen die Selbstironie und das Augenzwinkern. Es ist schon ernst, aber nicht zu ernst.

Nauerz: Wir nehmen uns selbst nicht zu ernst. Wir können herzlich über uns selber lachen. Wir sind nicht linksdogmatisch.

Wladarsch: Aber wir sind schon spitz und provokant und politisch unkorrekt. Wir haben nicht nur Freunde.

Nauerz: Carl-Ludwig Reichert sagt: Anarchie ist kein Steckerleis, man muss sie leben, und das tut auch mal weh.

Schon mal scharfe Reaktionen oder gar Drohungen erhalten?

Nauerz: Selten. Manchmal in den sozialen Medien. Einmal habe ich einen Anruf von einem Mann bekommen, der sagte, er rufe aus der Polizeiinspektion an. Es stellte sich aber schnell heraus, dass er ein Fundamentalchrist war. Er hat sich über eine Tanzaktion von uns aufgeregt: Wir haben mal an einem Karfreitag am Marienplatz getanzt.

Wladarsch: Solche Fundamentalgläubigen sind am empfindlichsten. Wir machen ja auch viel gegen Nazis, aber die melden sich nicht. Die sind es wohl gewohnt, wenn man auf sie einschlägt. Heute ist es ohnehin schwer, jemanden zu provozieren. Viele sind zu stumpf. Hauptsache, der Porsche fährt. Wir haben aber auch keine Mission. Wir wollen schon ein bisschen umgraben und Denkanstöße liefern, die auch mal weh tun können. Aber die Welt verbessern? Das muss schon jeder selber tun.

Das "Gaudiblatt" ist kostenlos. Wie geht das?

Wladarsch: Alle arbeiten ohne Geld, wir haben nur die Druckkosten. Die kriegen wir über Anzeigen rein. Ein paar Kneipen inserieren bei uns, das Werkstattkino, das Valentin-Musäum, die Galerie der Kirchenkritik oder der Bund für Geistesfreiheit, dessen Vorsitzender ich bin.

Nauerz: Alle passen zum Gaudiblatt. Wir sind deshalb unabhängig. Wir haben keine BMW-Werbung.

Wie oft erscheint das Gaudiblatt?

Wladarsch: Wir haben keinen festen Turnus. Nach dem Erscheinen eines Gaudiblattes treffen wir uns und denken über das nächste nach.

Nauerz: Im Schnitt erscheinen wir alle drei, vier, fünf Monate. Es soll kein Stress sein. In zehn Jahren haben wir 30 Nummern heraus gegeben.

Das "Blatt" erschien zwischen 1973 und 1984 etwa alle zwei Wochen und kam auf 274 Ausgaben; es war das erste Stadtmagazin Westdeutschlands und damit Vorbild für viele, die folgten. Waren sie von Anfang an dabei, Herr Olbrich?

Lutz Olbrich : Nein, ich kam 1977 nach München und stieg 1978 ein, zunächst als Setzer. Die Idee für das Blatt hatte Chief Horti.

Wer?

Olbrich: Er wurde so genannt. Eigentlich hieß er Gerd Hortmeyer. Chief Horti hatte so ein Stadtmagazin mal in London gesehen und wollte es in München ausprobieren.

Es war die Zeit, als der Geist der 68er ...

Olbrich: ... ja, das war die zugrunde liegende Gesinnung des Magazins.

Dafür mussten Sie viel einstecken, der CSU-nahe "Bayernkurier" etwa schrieb über die Blatt-Macher: "Sie hetzen, predigen Gewalt und gebärden sich als unbelehrbare Leistungsverweigerer ... Und längst haben sie die etablierten kommunistischen Systeme so weit links überholt, daß sie heute auch im Osten als nicht geheuer gelten."

Olbrich ( lächelt): Wir haben das gelesen und sehr darüber gelacht. Wir waren nicht dogmatisch, null Komma null. Wir haben Kommunisten mal rausgeschmissen, als die hier waren. Wir waren an Gedankenfreiheit interessiert.

Wladarsch: Das gilt zu 100 Prozent auch für das Gaudiblatt. Wenn man tolerant ist, kann man nicht dogmatisch sein. Blatt und Gaudiblatt teilen das Bedürfnis, sich frei und unzensiert zu äußern.

Olbrich: Wir wollten, dass man über alles reden durfte, auch was die RAF anging, über die nur negativ berichtet wurde. Wir haben Unterstützer in unserem Blatt zu Wort kommen lassen - einfach, damit differenziert darüber geredet werden konnte. Etwa: Warum machen die das von der RAF?

Wie stand das "Blatt" zur RAF?

Olbrich: Wir haben schon mit ihr sympathisiert, aber aktive Unterstützer gab es meines Wissens nicht.

Wie standen die "Blatt"-Macher zur Gewalt? Die RAF hat Menschen getötet, alleine 1977 Buback, Schleyer und Ponto.

Olbrich: Gewalt gegen Sachen konnte man sich eher vorstellen. Gewalt gegen Menschen nicht.

Im sogenannten Deutschen Herbst im Jahr 1977, zur Hochzeit der RAF, hatte das "Blatt" eine Auflage von 24 000 Stück. Es war ein kommerzielles Produkt?

Olbrich: Ja, wir haben Geld verlangt, die Ausgabe hatte mal 64, mal 80 Seiten. Die erste Hälfte war redaktionell, die zweite Hälfte ein Veranstaltungskalender mit Kleinanzeigen. Es waren fünf bis acht Leute, die beim sogenannten Blatt-Kollektiv gearbeitet haben. Sie bekamen alle ein Taschengeld, anfangs 250 Mark, zu meiner Zeit 400 Mark. Außerdem wurde ihre Miete bezahlt. Wir haben uns durch den Verkauf und die Anzeigen finanziert - nach langem, erbitterten Streit war auch Zigarettenwerbung dabei ( lacht).

Der bekannte Zeichner Gerhard Seyfried war auch beim "Blatt".

Olbrich: Vor meiner Zeit. Er ging dann nach Berlin. Aber er war schon eine optisch prägende Figur des Blattes, er hat auch viele Cover gemacht. Wir haben jetzt sämtliche Titelbilder fotografiert und digitalisiert - ich staune, wie frech und lustig wir waren.

Erzählen Sie doch bitte einige Anekdoten aus der Zeit des Blattes.

Olbrich (lacht): Da könnte ich drei Tage reden.

Eine.

Olbrich ( überlegt kurz): Einmal haben wir ein Bayern-Blatt gemacht. Da durften nur Bayern mitmachen, ich also nicht. Und einmal haben wir ein Frauen-Blatt gemacht. Da durften nur Frauen mitmachen, ich also nicht. Ich wollte dann ein Schwulen-Blatt machen, aber da wollte außer mir keiner mitmachen - die Schwulen haben einfach nicht mitgezogen, weder innerhalb des Blattes noch außerhalb.

An diesem Freitag, 22. März, findet im Keller des Designbüros ghz84 in der Georgenstraße 84 eine Party statt. Gaudiblatt-Gründungsmitglied Carl-Ludwig Reichert macht die Musik. Das Fest beginnt um 19 Uhr.