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Abgelehntes Kunstwerk:Zu sperrig für Schrobenhausen

"Eskalierende Geschmacksfrage" vom 5./6. Juli:

Nein, es ist eben keine Geschmacksfrage, einen Aufenthaltsplatz für Bürger zu installieren. Es ist vielmehr eine Frage der Einfühlung. Und wenn, wie in diesem Fall (Lenbachplatz, Schrobenhausen) Kollegin Susi Gelb das Rennen macht, ist bürgerlicher Unmut programmiert. Denn Susi Gelb schert sich nicht um Geschmacksfragen, sie ist konzeptuell, zerebral, elitär und (bewusst?) schwer verständlich. Auch in Deutschland kommuniziert sie ihr Werk im Web ausschließlich in Englisch, übersetzt von einem hippen kanadischen Übersetzungsbüro, spezialisiert auch gerne auf sperrige Kunsttexte. Das ist Kunst für den White Cube und den im Augenblick über sein eigenes Bein stolpernden, selbsterkenntlich "elitären" Museumsbetrieb, der durch Events mühsam versucht, Publikum für solcherart abgehobene Positionen zu finden. Eine kleinstädtische, künstlerische Platzgestaltung, die Treffpunkt für alle Bürger und nicht vorwiegend Diskussionsraum für Kunstbesucher sein will, bedarf ein wenig mehr Hinwendung.

Um nicht missverstanden zu werden: Unser Atelier hat sich an diesem Wettbewerb nicht beteiligt. Aber wenn Susi Gelb (oder auch Lutz-Rainer Müller und Stian Adlansvik oder andere Kollegen) von den Schrobenhauser Bürgern begrüßt werden möchten, genügen Zitate an einen "minimalistischen Maibaum" und "Wellenlinien der Spargelfelder" nicht, wenn sie sich dem sehenden Blick partout nicht erschließen. Eine ganze Platzgestaltung für deutsche Kleinstädte, die jeglicher Gemessenheit entbehrt, sollten Künstler, die ganz den eigenen Kunstbegriff im Sinne haben, lieber unterlassen. Der geforderte thematische Bezug zu Schrobenhausen kann in so einem Fall eben kein verquaster, rein intellektuell-konzeptueller Ansatz sein, das sollten auch Juroren wissen. Sven Mueller, Eggenthal

© SZ vom 17.07.2020
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