Profil:Eckardt Heukamp

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(Foto: David Klammer/oh)

Letzter Bauer in Lützerath und ungewollter Held der Klima-Bewegung.

Von Christian Wernicke, Lützerath

Die letzte Weizenernte ist eingefahren. Vor einer Woche hat Eckardt Heukamp seine Äcker endgültig abtreten müssen an den Energiekonzern RWE - zur "bergbaulichen Nutzung". So heißt das, wenn die Schaufelradbagger näher rücken, die Erde aufreißen und nach Braunkohle graben. Heukamp ist nun ein Bauer fast ohne Land. Geblieben sind ihm nur Haus und Hof. Und dahinter die Wiese neben dem kleinen Wald, wo Klima-Aktivisten ihre Zelte aufgeschlagen haben und an ihren Baumhäusern zimmern. Der kräftige Mann mit den strubbeligen Locken steht draußen vorm Hoftor, seine schmalen Augen blicken über die Felder ins Leere. Er sagt: "Ich würde gerne hierbleiben."

350 Jahre alt ist das Gehöft, draußen an der verwitterten Ziegelmauer prangt ein riesiges Plakat: "1,5° Grad heißt: Lützerath bleibt!" Die Umwelt-Bewegung hat den Weiler im Rheinischen Kohlerevier zur neuen Frontlinie erklärt: Wer hier Kohle abbaue, verletzte die UN-Klimaschutzziele von Paris. Eckardt Heukamp, der 57-jährige Landwirt, spielt in diesem Konflikt die zentrale Rolle: Er ist der einzig verbliebene Bewohner von Lützerath, der sein Eigentum nicht verkauft hat an RWE. Er wehrt sich, er klagte gegen die "vorzeitige Besitzanweisung", mit der das Energieunternehmen den Bauern aus dem Weg schaffen wollte. Spätestens am 7. Januar 2022 wird das Oberverwaltungsgericht Münster entscheiden. Bis zum Urteil, so hat RWE zugesagt, wird das Dorf nicht geräumt.

"Eckardt, der Letzte" heißt ein Lied, das Heukamps Kampf beschreibt. Der Song, wie auch die Protest-Hymne "Lützi bleibt", erschallte Ende Oktober, als 5000 Menschen vor Heukamps Hof für einen Stopp des Tagebaus demonstrierten. Dem Bauern ist das eher peinlich: "Ich hab' ein Problem, wenn ich so heroisiert werde."

Heukamp ist stur. Aber er denkt pragmatisch. Er verweist auf die Verhandlungen der Ampel-Koalition und den neuen NRW-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst, die nun unisono einen Kohleausstieg schon 2030 anstreben. Auf dem Gartentisch im Innenhof breitet er die Karte eines Gutachters aus, die zeigt, wie die Bagger sogar bis 2038 um Lützerath herumgraben und sein Stück Heimat bewahren könnten. "Was bedeutet heute Gemeinwohl", fragt er und schüttelt den Kopf, "Energieversorgung per Braunkohle - oder Klimaschutz?"

Sein Leben lang hat Heukamp im Schatten der Kohle gelebt: "Das Sterben der Dörfer ist Teil unseres Lebens hier." Keyenberg, der Ort seiner Kindheit, liegt dreieinhalb Kilometer nördlich von Lützerath und soll in wenigen Jahren ebenfalls fallen. So wie 2017 schon Borschemich, das Nachbardorf, in dem er 15 Jahre lang geackert hatte. Auch da war er einer der Letzten, der den Baggern wich. Heukamp flüchtete zurück auf den familiären Hof in Lützerath - und sah mit an, wie 2018 nebenan in Immerath die Kirche fiel. Vom Friedhof hat er den Grabstein seiner Vorfahren gerettet, der steht jetzt neben seiner Haustür.

Eckardt Heukamp ist kein Revoluzzer. Er spielt ab und an Tennis, schaut gern Autorennen auf dem Nürburgring. Bei der Bundestagswahl gab er der grünen Direktkandidatin seine Stimme, aber Bio-Bauer war er nie. "Ich denke bürgerlich-konservativ", sagt er von sich, "also wertebeständig, aber nicht von gestern." Die genaue Zahl der meist jungen Menschen, die er hinter seinem Hof campieren lässt, kennt er nicht: "200, vielleicht auch 300." Dass zugereiste Protestler kürzlich zwei leere Häuser in Lützerath besetzten, nervt ihn: "Ich will keine Eskalation." Und von deren Forderung, neben der Kohle gleich den ganzen Kapitalismus abzuschaffen, hält Heukamp auch nichts. Dennoch, man komme gut miteinander aus.

"Wir können hier nicht die Welt retten", sagt er nüchtern. Um dann bauernklug einen Satz nachzuschieben: "Aber wir können damit anfangen." Was aus ihm selbst wird, falls Lützerath fällt? Heukamp zuckt mit den Achseln: "Ich habe keinen Plan B."

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