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Missbrauch:Kirche im Dunkeln

Im Skandal um massenhaften Missbrauch in der katholischen Kirche versagt der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, auf erschütternde Weise. Geld allein genügt nicht, um die Kirche als moralische Instanz überleben zu lassen. Alles muss jetzt ausgeleuchtet werden. Und auch Bischöfe müssen gehen.

Von Annette Zoch

"Gaudete - freut euch im Herrn allezeit!" Unter dieser Überschrift steht in der katholischen Liturgie der dritte Adventssonntag. Er markiert die wachsende Vorfreude auf die Geburt des Herrn, des Erlösers. Den Gaudete-Sonntag hatte der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, zum Anlass genommen für eine kurze Video-Botschaft. "Die Kirche will uns ermutigen, froh zu sein", sagt Woelki da. "Christen haben immer schon die Ungerechtigkeiten und die Dunkelheiten dieser Welt gesehen. Sie blenden das Unheil nicht einfach aus."

Nur mit einer sehr großen Verdrängungsleistung kann man den Worten des Kölner Erzbischofs zuhören, ohne Unbehagen zu empfinden. Was ist mit den Ungerechtigkeiten und dem Unheil in der Kirche? Die katholische Kirche selbst trägt eine große Dunkelheit in sich. Es sind die entsetzlichen Taten ihrer Priester und Ordensleute, die Vergewaltigungen und Übergriffe, der geistliche Missbrauch, die Erpressungen, die Vertuschung, das Wegschauen. In diese Dunkelheit wird in manchen Diözesen bis heute höchstens mit einer schwachen Funzel hineingeleuchtet. Wenn überhaupt.

Besonders finster sieht es derzeit im Erzbistum Köln aus. Ein "Desaster" nennt die Geschehnisse dort der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing. "Verheerend für uns alle" findet sie sein Vorgänger, Kardinal Reinhard Marx. Ein Gutachten sollte dort schonungslos offenlegen, welche Generalvikare und Personalchefs sich mitschuldig gemacht haben, indem sie Täter einfach nur versetzt und so neue Taten ermöglicht haben. Doch die Untersuchung bleibt unter Verschluss. Als Argument werden methodische Mängel angeführt und Persönlichkeitsrechte der in dem Gutachten genannten Menschen.

Dass die Betroffenen sich nun retraumatisiert fühlen, das hat Woelki in Kauf genommen

Das an sich ist schon unfassbar, doch besonders schändlich war der Umgang Woelkis mit dem Betroffenenbeirat. Die Mitglieder wurden in einer eilig einberufenen Sondersitzung mit einer Juristen-Phalanx konfrontiert. Sie wurden unter Druck gesetzt und sollten den Daumen senken über ein Gutachten, das sie selbst gar nicht kannten. Dass die Betroffenen sich nun retraumatisiert und erneut missbraucht fühlen, das hat Woelki in Kauf genommen. Inzwischen steht er sogar selbst unter dem Verdacht, einen befreundeten Priester-Täter geschützt zu haben. Und nun stellt er sich vor einen geschmückten Altar und predigt von der Freude der Christen?

Kirchenvertreter sagen mitunter, sie würden bei diesem Thema in der Öffentlichkeit besonders hart kritisiert. Und sie haben durchaus recht, wenn sie darauf hinweisen, dass sexuelle Gewalt bis heute ein gigantisches Problem ist. Eins, dem man sich ungern stellt. Sportverbände, Schulen, Vereine, die ganze Gesellschaft - alle ducken sich weg. Die katholische Kirche hat als erste Institution überhaupt verbindliche Aufarbeitungsstandards mit dem Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung vereinbart. Doch richtig ist auch, dass die Kirche eine herausgehobene Verantwortung hat. Sie soll der Verkünder des Evangeliums sein. Sie soll Hoffnung geben, Trost spenden, von der Liebe Gottes predigen.

Viele Betroffene können heute - neben all dem erlittenen körperlichen und psychischen Leid - nicht mehr glauben. Nicht mehr an Gott, an sich selbst, an das Gute im Menschen. Eine Kirche, die ihren Gläubigen den Glauben nimmt. Was ist das für eine Kirche? Diese Frage hat sich wohl auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx gestellt. Schon vor acht Jahren zahlte er fast 100 000 Euro aus seinem Privatvermögen, das Geld wurde für die damals gezahlten Anerkennungsleistungen des Erzbistums München und Freising verwendet. Nun hat er erneut 500 000 Euro privat bereitgestellt für eine neue Stiftung mit dem Namen "Spes et Salus", Hoffnung und Heil.

Wie kann die Kirche glaubwürdig über die Würde des Lebens reden?

Die Kritik folgte prompt: Marx beziehe sein Gehalt doch aus Staatsleistungen. Er wolle sich freikaufen. Wie kann ein Kardinal überhaupt so viel Geld haben? Doch die Debatte darum ist müßig - schließlich könnte Marx das Geld ja auch einfach behalten. Niemand zwingt ihn dazu, sein Privatvermögen herzugeben. Sicher macht Geld nichts gut - aber in unserer Gesellschaft ist Geld auch ein Mittel der Anerkennung. Es ist auch als Zeichen zu verstehen. Als Symbol dafür, dass Kirchenmänner jetzt an die Substanz gehen müssen. Wenn sie ihre Kirche retten wollen.

Denn sexueller Missbrauch beschädigt die Kirche als Ganzes. Wie kann sie glaubwürdig über das Kind in der Krippe predigen, wenn unter ihrem eigenen Dach, in ihren Pfarrhäusern, Sakristeien und Beichtstühlen Kinderseelen zerstört wurden? Wie kann die Kirche glaubwürdig über die Würde des Lebens reden? Wie über die Flüchtlingskinder in Moria? Wie über Ungerechtigkeit in der Welt? Über eine ausbeuterische Wirtschaft, über Elend und Armut? Über all dem liegt der Schatten des Missbrauchs. Wenn die Kirche als Institution überleben will, als moralische Instanz, die es in unserer Gesellschaft ohne Zweifel braucht - dann reicht auch nicht nur Geld. Dann muss sie in alle Winkel hineinleuchten. Und zwar nicht nur auf Druck von außen, sondern aus einer tiefen Selbsterkenntnis heraus. Dann muss alles auf den Tisch. Und dann werden am Ende auch Bischöfe gehen müssen.

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