Umweltpolitik:Querdenker beim Klimaschutz

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Die Argumente der "Corona-Rebellen" ähneln gängigen Vorbehalten gegen Klimaschützer. Aus der Pandemie sollte man lernen: Freiheit bedeutet nicht, andere Menschen krank machen zu dürfen.

Von Philipp Bovermann

Die europäischen Regierungschefs diskutieren derzeit über das EU-Klimaziel für 2030. Bis dahin bleibt nicht viel Zeit. Es wird also wohl nicht mehr lange dauern, bis eine Diskussion aus dem vergangenen Jahr wieder aufflammt, die derzeit zu einem ähnlichen Thema, aber mit umgekehrten Vorzeichen geführt wird. Dann werden die, die heute über den Vorwurf einer "Corona-Diktatur" den Kopf schütteln, wieder Reden gegen die angeblich drohende "Öko-Diktatur" halten.

Die Parameter sind vergleichbar: Um die Ausbreitung der Pandemie zu verhindern, müssen die Menschen Regeln befolgen. Spaß macht das niemandem, aber eine kleine Minderheit empfindet es gar als Einschränkung ihrer Grundrechte, Masken tragen und Abstand halten zu müssen - so als hätten sie ein von der Verfassung garantiertes Recht, andere Menschen dem Risiko einer Ansteckung aussetzen zu dürfen. Das ist zwar ein ziemlich merkwürdiges Verständnis von Freiheit, aber nochmal: Nur eine kleine Minderheit denkt so. Zumindest, wenn es um Corona geht.

Auch die drohende Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen ließe sich abwenden, wenn die Politik entschlossen handelte und die Menschen sich darüber hinaus individuell an einige Regeln hielten. Als aber "Fridays for Future" im vergangenen Jahr auf die Straße ging, wurde quer durch die Parteien von gefährlichen Schritten hinaus aus dem demokratisch-freiheitlichen System geraunt. Klar wolle man den Planeten retten, so der Tenor, nur gelte es, dabei keinesfalls die vom Grundgesetz garantierten Rechte auf Eigentum und freien Konsum zu schleifen.

Wenn Freiheitsrechte gegen Tempolimits auf der Autobahn ins Feld geführt werden, ist das ein ganz normales politisches Argument. Es ist die Haltung des Bundesverkehrsministers. Wenn eine gesellschaftliche Debatte über die klimaschädlichen Wirkungen des Fleischessens stattfindet, wirft der Vorsitzende der Jungen Union rhetorisch des kleinen Mannes Holzkohlegrill an und verkündet, es solle ja noch ehrliche, hart arbeitende Leute geben, die gern Steaks braten und im Sommer nach Malle fliegen. Dafür brauche sich niemand zu schämen.

Auch Umweltthemen sind Gesundheitsthemen

Für diesen Trotz, sich individuell gefälligst nicht reinreden lassen zu wollen, bekommt man - zu Recht - vielerorts Bußgelder in der Straßenbahn, sobald es um Corona geht. Warum nur ist das bei Umweltthemen so anders?

Umweltthemen sind Gesundheitsthemen über Bande. Jährlich sterben mehr als 400 000 Menschen in der EU an den Folgen von Luftverschmutzung. Und auch die Erhitzung des Planeten ist eine tödliche Gefahr. Sie kostet schon heute unzählige Menschen auf der ganzen Welt das Leben oder macht es zur Hölle. Dass es zunehmend schnell noch sehr viel mehr werden, lässt sich nicht mehr verhindern. Es bleibt nur die Chance, "die Kurve abzuflachen". Der Umbau der Wirtschaft wird in der nötigen Geschwindigkeit nicht funktionieren ohne individuelle Einschränkungen, ohne Jobverluste, ohne eine "Es ist ernst"-Rede der Kanzlerin - zumindest bis das menschliche Leben auf nachhaltigen Beinen steht. Aber wer das fordert, landet schneller, als er "Klimakipppunkte" sagen kann, in der Ecke, in der die "Corona-Rebellen" und "Querdenker" stecken.

Möglicherweise ist dennoch die Hoffnung berechtigt, dass die Pandemie einer Erkenntnis den Weg bahnt: Freiheit bedeutet nicht, andere krank machen zu dürfen. Weder mit Tröpfchen noch mit Abgasen.

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