Klima:Trumps beste Niederlage

Die USA kehren zurück ins Pariser Klimaabkommen. Und machen es damit stark wie nie.

Von Michael Bauchmüller

Als im vorigen Jahr auch noch die Klimakonferenz der Pandemie zum Opfer fiel, galt das als äußerst misslich. Der Gipfel in Glasgow sollte einen Aufbruch markieren, zu mehr Klimaschutz in der neuen Dekade. Stattdessen wurde das Konferenzzentrum in Glasgow zur Notfallklinik und der Gipfel um ein Jahr verschoben. Heute ist klar: Der Aufschub kann sich als Glücksfall erweisen.

Am Mittwoch, nur wenige Stunden nach seine Amtseinführung, hat der neue US-Präsident Joe Biden den Weg zurück ins Pariser Klimaabkommen angetreten. Wenn die Staaten im November in Glasgow zusammenkommen - so ist es nun geplant -, werden die USA endlich wieder mit am Tisch sitzen. Damit steigen die Chancen, dass die Zwanzigerjahre dieses Jahrhunderts zu dem werden, was sie werden müssen: einer Dekade des Umbaus, weg vom fossilen Pfad der Zerstörung. Donald Trumps Plan, das Abkommen zu zersetzen, ist gründlich misslungen.

Wenn die großen Volkswirtschaften mitmachen, ändert das alles

Das glatte Gegenteil ist der Fall, die Welt ist im Aufbruch. Die Europäische Union hat sich nicht nur dazu bekannt, die Atmosphäre nach 2050 nicht mehr mit Treibhausgasen zu belasten. Sondern sie werkelt auch eifrig an einem konkreten Plan für die Zeit bis 2030. China, lange nur Zaungast der Klimapolitik, will bis 2060 "klimaneutral" werden und seine Emissionen schneller senken als ursprünglich geplant. Wenn nun die USA nachziehen, dann leiten Volkswirtschaften den Abschied von fossiler Energie ein, die gemeinsam für zwei Drittel aller Emissionen stehen. Das verändert alles.

Trump sah den Klimaschutz als Wettbewerbsnachteil. Mit Bidens Rückkehr dreht sich dieses Narrativ nun um: Die USA können gerade noch verhindern, im globalen Wettbewerb abgehängt zu werden, hoffnungslos verwoben in die Strukturen einer fossilen Vergangenheit. Zeit dafür wird es. Denn wenn die drei führenden Wirtschaftsmächte sich auf den Weg in eine klimafreundliche Zukunft machen, dann kann das einen Wettbewerb um die besten Lösungen entfachen, wie die Welt ihn lange nicht gesehen hat. In diesem Wettlauf liegt womöglich die größte Chance, den Umbau noch rechtzeitig hinzubekommen.

Washington hat wertvolle Zeit verloren. Die neue Regierung wird rasch klären müssen, was sie in den nächsten zehn Jahren zum Kampf gegen die drohende Erderhitzung beiträgt: Wie stark sie die Emissionen senken will, wie viel sie an finanzieller Unterstützung für jene Staaten zu gewähren bereit ist, die sich Klimaschutz nicht leisten können. Sie wird überlegen müssen, wie sich ihre Corona-Hilfspakete so gestalten lassen, dass sie der Wirtschaft aufhelfen und gleichzeitig den Umbau vorantreiben. Denn ob der gelingt, hängt letztlich an milliardenschweren Investitionen, sei es in der Energieerzeugung, im Verkehr, bei Gebäuden oder in der Industrie. Ebenso wichtig ist, was nicht gebaut wird: etwa die umstrittene Öl-Pipeline Keystone XL, deren Genehmigung Biden noch am Mittwoch kassierte.

Wesentliche Weichen werden in diesem Jahr gestellt; nicht nur in den USA, sondern auch international. Der nachgeholte Gipfel in Glasgow wird neue, höhere Klimaziele festzurren - und Großbritannien als Gastgeber hat größtes Interesse, ihn nach dem Brexit zum weltpolitischen Erfolg zu machen. Trumps Ausstieg aus dem multilateralen Klimaschutz dagegen entpuppt sich vier Jahre danach als seine vielleicht beste Niederlage. Denn kein Staat folgte. Und das Abkommen, das er schwächen wollte, ist stark wie nie.

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