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Gastbeitrag:Wir sollten einander wieder zuhören

Prostest der Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand Berlin gegen die Einschränkung der Grundrechte durch Corona-

Prostest der Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand Berlin gegen die Einschränkung der Grundrechte durch Corona-Eindämmungsverordnung im Rahmen Infektionsschutzes rund um die Berliner Volksbühne.

(Foto: snapshot-photography/ T.Seeliger via www.imago-images.de/imago images/Seeliger)

In der Pandemie ist die Bereitschaft Diskussionen zu führen, verloren gegangen - auch die Wissenschaft wird ihrer Vorbildfunktion nicht immer gerecht. Dabei führt gerade der Zweifel oft auf den Weg der Erkenntnis.

Von Jürgen Windeler

Mitte September hat das Deutsche Netzwerk evidenzbasierte Medizin (DNEbM), eine etablierte wissenschaftliche Fachgesellschaft, eine Stellungnahme veröffentlicht, die sich mit einer Reihe relevanter Fragen rund um die Covid-19-Pandemie befasste. Die Reaktionen waren bemerkenswert: ein Twitter-Gewitter, Verschwörungsverdächtigungen, Verharmlosungsvorwürfe - das ganze Spektrum dessen, was man aus den letzten Monaten kennt.

Es soll hier nicht um die Stellungnahme an sich gehen, die man in Form und Inhalt durchaus kritisch betrachten kann. Thema dieses Textes ist vielmehr unsere Diskussionskultur. Anstatt die Stellungnahme reflexartig dem einen oder anderen Lager zuordnen zu wollen, sollten wir uns erst einmal wieder zuhören. Was ist die These des anderen, die ich dann gegebenenfalls in einer fachlichen Auseinandersetzung widerlegen möchte?

Zweifel ist die entscheidende und genau genommen neben Neugier die einzige Triebfeder wissenschaftlicher Erkenntnis. Fragen sind eine selbstverständliche und buchstäblich jahrtausendealte Methode, um Zweifel zu artikulieren; sachlich geführte Diskussionen eine bewährte Methode, den Zweifel zu beleuchten, und Studien die einzige Methode, Zweifel in einem Thema wie der Medizin zu zerstreuen oder zu bestätigen und damit zu neuen Erkenntnissen zu kommen.

Wer in den letzten Monaten Zweifel geäußert hat, der konnte erleben, dass das Fragen als solches bereits als eine Form von Häresie betrachtet wurde. Das konnte im Kleinen wie im Großen passieren. Und egal, ob man Zweifel an einzelnen Zahlen, Verlautbarungen oder Entscheidungen beziehungsweise deren Begründung hatte, oder man es wagte, auf einzelne Inkonsistenzen und Ungereimtheiten hinzuweisen, blitzschnell konnte man sich in der Kiste der "Relativierer", "Verharmloser" oder gleich der "Covidioten" wiederfinden.

Auch Qualitätsmedien gelang es zuweilen nicht mehr, zwischen Fragen und Verschwörung zu unterscheiden. Das hat Wirkung gezeigt: Ich kenne eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen, die sich sehr sorgfältig überlegen, ihre Fragen noch zu äußern - aus Sorge, mit den "Aluhüten" in einen Topf geworfen zu werden. Man hätte meinen können, dass sich die Schärfe der Positionen und der gegenseitigen Unterstellungen und Vorwürfe mit der Zeit abschleift. Die heftigen Reaktionen auf die Stellungnahme des DNEbM belegen leider das Gegenteil.

Man kann all dies verständlich finden, wo sich doch Kenntnisse gerade konsolidierten und man sich an vermeintlich sicheren Dingen festhalten konnte und dabei nicht gestört ("verunsichert") werden wollte. Vielleicht ist es auch insoweit nachvollziehbar, weil es ja um den "Schutz der Schwachen", um "unser aller Gesundheit" und "Solidarität" geht: alles hoch moralisierte Ziele, die man nicht behindert sehen wollte. Verständlich also vielleicht, aber einer wissenschaftlichen, einer sachlichen Debatte ausgesprochen schädlich. Allein die mangelnde Kultur wissenschaftlicher Auseinandersetzung sollte innehalten lassen. Hinzu kommt, dass diese Haltung Erkenntnis behindert, womit den genannten Zielen ein Bärendienst erwiesen wird.

Wissenschaft wird polarisierend, wenn mit richtig und falsch auch gut und böse assoziiert wird

So haben sich in den letzten Monaten, vor allem in der Frühphase Fronten aufgebaut und zunehmend verhärtet (man könnte es sogar "radikalisiert" nennen). Auf beiden Seiten gab und gibt es dabei Vorgänge und Äußerungen, die unangemessen, überzogen, polemisch, ja, auch einfach sachlich falsch waren. Was dabei "unter die Räder" kam, ist Zuhören, Erörtern, Abwägen, Diskutieren und sich daraus um Erkenntnisse und den besten Weg zu bemühen. Verbreitet war nicht einmal die Bereitschaft zum Zulassen von Zweifeln zu erkennen. In einer Situation, in der wir bis heute das meiste nicht wissen und täglich mit neuen Fragen konfrontiert sind - die sich aus immer mehr Daten ergeben - meinen einige tatsächlich, uneingeschränkt recht haben zu können. Auch wenn man offensichtlichen Unsinn ("Das Virus gibt es nicht") als solchen benennen sollte, so ist doch die Idee, in der Wissenschaft jederzeit zuverlässig zwischen falsch und richtig unterscheiden zu können, unrealistisch. Sie wird aber dann anmaßend und polarisierend, wenn mit falsch und richtig auch gut und böse assoziiert wird.

Im Zusammenhang mit der Pandemie waren und sind schnelle und weitreichende Entscheidungen notwendig, die unter großer Unsicherheit getroffen werden müssen. Es ist daher gut nachvollziehbar, dass Entscheidungsträger bei ausgewählten Fachleuten verschiedener Disziplinen Unterstützung als Grundlage für Entscheidungen suchen. Nicht jede Entscheidung kann dabei auf eine monatelange Diskussion und Einigung warten. Aber trotz allem: Die Diskussion muss möglich bleiben und offen und unaufgeregt geführt werden (können). Dies gilt besonders dann, wenn die Datenlage so unsicher und widersprüchlich ist, wie sie sich immer noch darstellt. Nur in einem offenen Diskurs können Grundlage und Entscheidungen geändert und diese Änderungen glaubwürdig begründet werden. Es ist von großer Bedeutung, alle verfügbaren Möglichkeiten einer Verbesserung der Erkenntnis in den Diskurs einzubeziehen. Das wiederum setzt voraus, dass Fragen und Datenlücken thematisiert werden dürfen. Denn der geäußerte Zweifel ist es, der die intensive Suche nach den richtigen Antworten in Gang setzt.

Minister Spahn hat den vielzitierten Ausspruch getan: "Wir werden einander viel verzeihen müssen." Fangen wir also damit an. Legen wir die Verhärtungen ab und beiseite. Tun wir nicht so, als wüsste jeder von uns allein den richtigen Weg - oder als gäbe es ihn überhaupt. Wir müssen nicht alle einer Meinung sein, aber wir könnten uns über die Art der Auseinandersetzung verständigen und wir könnten uns wenigstens zuhören. Das ist im Übrigen der Erfolg versprechendste Weg, den Verschwörungsextremisten die Unterstützung zu entziehen.

Prof. Dr. Jürgen Windeler ist Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln. Zudem ist er Mitglied im DNEbM und war von 2005 bis 2007 Vorsitzender der Gesellschaft. An der Stellungnahme war er nicht beteiligt.

© SZ/haa
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