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Zum 75. Geburtstag:Die wiedergefundene Zeit

Als die Männer noch lange Haare hatten und wenig Worte brauchten: Eine Wim-Wenders-Werkschau in der ARD-Mediathek.

Von WILLI WINKLER

Es ist der Augenblick, in dem fast nichts geschieht, der Augenblick, in dem der Sekundenzeiger bereits auf der Zwölf steht und auf den Minutenzeiger wartet, der dann nachrückt, damit es endlich vier Uhr wird. Bei Jean Paul würde der Zeiger diese "zitternde Minute lang knistern", bei Wim Wenders ist es eine lange Einstellung in einem Film, der Falsche Bewegung heißt und seinen "erotischen Blick" auf die Welt zeigt.

Zur Feier seines 75. Geburtstags bringt die ARD in ihrer Mediathek fast das gesamte filmische Werk von Wenders. Gut, Hammett (1982) fehlt, der Film, an dem seine Amerika-Liebe fast zerschellte, und auch der Scharlachrote Buchstabe (1972), aber um den ist es nicht schade. Wo es im Fernsehen längst keine Werkschauen mehr gibt - kein Buñuel, kein Renoir, kein Eisenstein, nichts - und sich auch die dreieinhalb kommunalen Kinos in Deutschland nichts mehr trauen, kann jetzt bis zum 14. September jeder die Entwicklung eines Filmstudenten zum Weltstar begleiten, der heute mit William Hurt, Mel Gibson, Andie MacDowell, Milla Jovovich und, ja, Papst Franziskus dreht.

Alice in den Städten (1974), noch immer sein schönster Film, endet mit Siegfried Schobers Nachruf auf John Ford in der Süddeutschen Zeitung, Überschrift "Verlorene Welt". Genau die zeigen die frühen Wenders-Filme, als wären sie tatsächlich Dokumentationen. Die Reihe beginnt mit dreieinhalbminütigen Einstellungen auf Straßen und Kreuzungen. Der Kurzfilm heißt hochgemut Silver City, zeigt aber das Hansjochenvogelmünchen vor Olympia, eine in Baugruben zersplitterte Stadtlandschaft voller Kräne, die sich im trostlosen Winter von Summer in the City (1970) bis nach Berlin erstreckt. Linderung bieten nur die Songs der Kinks, denen der Film gewidmet ist. Weil die Rechte dafür fehlten, konnte der Film nie im Kino laufen. Jetzt ist er wie ein Raumschiff aus einer fernen Vergangenheit gelandet.

ALICE IN THE CITIES, (aka ALICE IN DEN STÄDTEN), Rudiger Vogler, Yella Rottlander, 1974 Courtesy Everett Collection !ACH

Das eigentliche Ereignis dieser Filme ist ihre schöne Ereignislosigkeit: Rüdiger Vogler, Yella Rottländer in Alice in den Städten.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Die Männer haben lange Haare, die Frauen auch, sind aber schöner. Es wird grundsätzlich nichts Gescheites gemacht, also Auto gefahren, geflippert, Billard gespielt, ins Kino gegangen und fast pausenlos geraucht, damit es nicht so viele Worte braucht. Nur später die Rambo-Filme kommen mit weniger Sätzen aus.

Noch etwas ist auffällig: Es wird in diesen frühen Filmen ständig Zeitung gelesen. Zwar läuft immer der Fernseher, die Musikbox wird fleißig mit Münzen gefüttert, am Rückspiegel im Auto baumelt ein Transistorradio, aber die Wahrheit findet sich scheint's nur in der Zeitung. In Alice in den Städten kauft Rüdiger Vogler in New York den Kicker und den Spiegel, Arthur Brauss in der Angst des Tormanns beim Elfmeter (1972) liest in Wien und im Burgenland manisch, aber er ist ja ein Mörder und verfolgt in den Zeitungen, wie ihm die Polizei auf die Spur kommt. In Im Lauf der Zeit (1976) druckt Hanns Zischler, die bestimmt ungewöhnlichste ödipale Aktion der Literaturgeschichte, seinem Vater die nie geführte Auseinandersetzung um die Mutter als Zeitungsseite aus.

Das eigentliche Ereignis dieser Filme ist ihre schöne Ereignislosigkeit, die in langen Einstellungen gezeigt wird. Sie sind aber gar nicht lang, sondern nehmen sich die Zeit, die es braucht, um "Tired of Waiting For You" zu hören oder Bruno Ganz im Amerikanischen Freund (1977) dabei zuzusehen, wie er "Too Much On My Mind summt". Der erotische Blick hält fest, wie sich Rüdiger Voglers Tränen in Falsche Bewegung (1975) von jenen in Im Lauf der Zeit unterschieden.

Regisseur Wim Wenders.

(Foto: imago/Future Image)

In der Linkshändigen Frau (1978), dem Spielfilm von Peter Handke, der, weil von Wenders produziert und mit seinem Team gedreht, in dieser Reihe endlich wieder zu sehen ist, sagt Bernhard Minetti zu Vogler: "Ich freue mich schon darauf, Sie von Film zu Film älter werden zu sehen." Hier ist er noch so jugendlich wie Wenders' Filme. Zusammen mit seinem zweieiigen Zwilling Zischler ist er im einzigen richtigen Western, der je auf deutschem Boden gedreht wurde, aufgetreten, Im Lauf der Zeit, in dem sie sich mit Bob-Dylan-Zeilen und Faulkner-Zitaten gegenseitig bestätigen, dass "die Amis unser Unterbewusstsein kolonisiert" haben. Wenders hat mit seinem Kameramann Robby Müller so lange und so erotisch-genau in dieses Bewusstsein geschaut, bis aus Westdeutschland tatsächlich Amerika wurde. Die Musik stammt deshalb von der fränkisch-amerikanischen Band Improved Sound Limited.

In Eric Friedlers Dokumentation Wim Wenders, Desperado meint der echte Kino-Desperado Werner Herzog: "Ich würde einem 18-jährigen Filmstudenten sagen, wenn du Filme machen willst, dann schau dir Wims Filme an, du Depp!" Wer keiner bleiben will, kann sie sich - Student oder nicht - noch sechs Wochen lang anschauen und endlich was fürs Leben lernen.

"Die besten Filme von Wim Wenders", in der ARD-Mediathek.

© SZ vom 01.08.2020
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