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Zeitungssterben:Schwarzes Selbstbewusstsein

Historic Black Newspaper, Chicago Defender, To End Print Edition

Die traditionsreiche Zeitung stellt die Druckausgabe ein.

(Foto: Scott Olson/AFP)

"The Chicago Defender" stellt nach 114 Jahren seine Druckausgabe ein.

Von Willi Winkler

Die Nachrufe häufen sich, das kommt vom Alter. Der Chicago Defender , 1905 gegründet, war zwar nicht die älteste, aber die einflussreichste Tages- und Wochenzeitung, die sich ausdrücklich an die schwarze Bevölkerung der USA wandte. Am vergangenen Mittwoch erschien die letzte Ausgabe; Auflage zuletzt 16 000. Der Gründer Robert S. Abbott glaubte nicht an das Märchen, dass die Schwarzen (die sich damals noch als "Neger" verstanden) seit dem Bürgerkrieg befreit seien, sondern drängte sie zum Umzug aus den Südstaaten in den Norden, nach Chicago, und wurde damit der beste Touristenwerber. Nur Saul Bellow, dessen Roman über die "Abenteuer des Augie March" mit dem stolzen Satz beginnt, "Ich bin Amerikaner und stamme aus Chicago", pries die Stadt noch leidenschaftlicher als der Defender. Tatsächlich verließen Hunderttausende den nach wie vor rassistischen Süden, und in Chicago entstand ein um die Baumwollfelder verkürzter Blues, der irgendwann sogar die besseren Vororte von London und dort Keith Richards und Mick Jagger erreichte. Abbott und seit 1940 sein Neffe John H. Sengstacke predigten unermüdlich gegen die Rassentrennung, die bis Anfang der Sechzigerjahre die Vereinigten Staaten beherrschte. Sie prangerten die Lynchmorde an, zu denen sich die Weißen im Süden berechtigt glaubten, und sie förderten schwarzes Selbstbewusstsein, indem sie Sportler wie Joe Louis und Muhammad Ali und insbesondere die Basketballer der Chicago American Giants feierten.

Als der 14-jährige Teenager Emmett Till 1955 einen Cousin in Mississippi besuchte, wurde er gelyncht, weil er einem weißen Mädchen nachgepfiffen hatte. Die Mörder wurden selbstverständlich freigesprochen. Tills Mutter bestand darauf, dass der Sarg mit der verstümmelten Leiche geöffnet wurde. Der Defender brachte eine ganze Seite mit Bildern von der Beerdigung. Die Zeitung berichtete auch über die Friedenskampagne Martin Luther Kings und trauerte nach seiner Ermordung. 1967 schrieb der Defender gegen den Antisemitismus, der sich unter den rebellierenden Schwarzen bemerkbar machte, und wies darauf hin, dass es Aktivisten jüdischer Herkunft seien, die die Bürgerrechtsbewegung unterstützten. "Neger und Juden haben die gleichen Schwierigkeiten. Sie können es sich nicht leisten, einander an die Gurgel zu gehen." Einer dieser Unterstützer war Bob Dylan, der in seinem Song über den Highway 61 die legendäre Fluchtroute besungen hatte. Jesse Jackson, der sich 1984 um die demokratische Präsidentschaftskandidatur beworben hatte, sagte der New York Times: "Ohne den Defender wäre ich nicht das geworden, was ich bin." Der Chicago Defender starb im biblischen Alter von 114 Jahren, erfreut sich aber online bester Gesundheit.

© SZ vom 13.07.2019
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