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Zeitschrift "Business Punk":Hey! Ho! Let's Go!

Bissnessss-Pank! Der Titel klang schon phonetisch wie ein Schlagzeugauftakt: Das Magazin Business Punk feiert sich zum Zehnjährigen selbst, auf dem Cover dazu die Überreste einer ausgelassenen Party.

(Foto: Business Punk)

Für Rockstars mit BWL-Studium: "Business Punk" feiert Zehnjähriges. Die Zeitschrift wagt dabei sogar ein bisschen Kapitalismuskritik, und es werden auch nicht mehr ausschließlich Männer als Helden bejubelt.

Hin und wieder ist es erstaunlich, was es immer noch so gibt. Die Zeitschrift für Berufsanfänger Business Punk zum Beispiel, die gerade ihr zehnjähriges Bestehen mit einem Heft feiert, auf dessen Titel ein postpunkmodernes Foto von Überresten einer offensichtlich ausgelassenen und zielgruppengerechten Party (Pizzareste, Bierflasche, kaputtes Blackberry, Gummipenisnasen) zu sehen ist. Vor zehn Jahren belächelte man das Projekt noch als publizistisches Reservat für eine der immer kleineren Zielgruppen, die die Marktforschung bei Gruner und Jahr immer wieder als potenzielle Magazinleser identifizierte (Hipsterfamilien, Rindfleischesser, Stresspatienten). Und die meist in den hinteren Regalen der Bahnhofsbuchhandlungen oder ganz verschwanden. Weit gefehlt.

"Bissnessss-Pank!" Der Titel klang schon phonetisch wie ein Schlagzeugauftakt. Was gut in die Zeit passte, weil vor zehn Jahren eine Generation BWL-Studenten ins Berufsleben einstieg, die mit Eltern groß wurde, die selbst schon mit Popkultur aufgewachsen waren. Diese von G + J zu Business-Punks erklärten Berufsanfänger ersetzten damals das "Tschakka Tschakka" der Motivationstrainer durch das "Hey! Ho! Let's Go!" der Ramones. Das funktionierte zum einen, weil Pop und Punk die bestehenden Verhältnisse nicht mehr infrage stellten. Und weil sich die Grenzen zwischen Jugend und Erwachsensein aufgelöst hatten. Der Schritt von einer Lebensphase in die andere bedeutete nicht mehr Ernsthaftigkeit in Kleidung, Gebaren und Musikgeschmack. Weswegen ein BWL-Studium auch niemanden mehr davon abhalten musste, so ausgiebig zu leben wie ein Rockstar und sich mit genau dieser Haltung auf eine Geschäftswelt einzulassen, in der immer weniger Gefangene gemacht wurden. Ergo das Motto der Jubiläumsausgabe: "10 Jahre Excel und Exzess".

Wenn man dieses Leben zwischen Tabellenkalkulationsprogramm und gesundheitsschädlichem Feierabend damals mit dem Misstrauen des liberalen Bildungsbürgers betrachtete, wird man die Zeitschrift nur selten wahrgenommen haben. Wenn man nun aber das Jubiläumsheft mit der gleichen Neugier durchblättert, wie man das mit anderen G + J-Magazinen tun würde, die sich mit Exotika beschäftigen, National Geographic oder Geo zum Beispiel, dann entdeckt man eine Welt, die sich als Subkultur empfindet, auch wenn sie die Mitte eines Kapitalismus ist, der die Subkulturen des Pop-Zeitalters längst zu Tode umarmt hat. Und genau da treffen sich die beiden Sphären in der Lebenslüge.

Denn der Antikapitalismus, den sich das Bildungsbürgertum aus der Jugend gerettet hat, wurde genauso von den finsteren Zentrifugalkräften der Gegenwart usurpiert wie der Punk-Rebellen-Gestus der Berufsanfänger. Kapitalismuskritik können heute auch Populisten. Und auf den unteren Stufen der Karriereleiter, an die sich Business Punk richtet, deutete der Untertitel des Heftes "Work hard, play hard" den gitarrengetriebenen Sturm und Drang der jungen Jahre zum absoluten Willen zur Selbstausbeutung um. Und damit auch zum Bekenntnis zu den Verdrängungsmechanismen einer Wirtschaftswelt, in der "Disruption" längt nicht mehr kreative Unruhe, sondern die Zerstörung bestehender Verhältnisse zugunsten neuer Macht- und Wirtschaftsmonopole bedeutet.

Weil zum Kapitalismus aber immer auch das große Versprechen noch größerer Träume gehörte, waren die Rockstars dieser Business-Punk-Welt immer die Unternehmer, die im überlebensgefährlichen Frühstadium Start-up-Gründer und nach der ersten Milliarde "Unicorns" genannt werden. Wenn man vor allem diese letzteren Fabelwesen betrachtet, Jeff Bezos, Bill Gates und Mark Zuckerberg zum Beispiel, dann findet man sehr wohl Parallelen zum Geist des Punks. Da ist der Zerstörungswille, die Verachtung für Regeln wie Steuer-, Monopol- oder Arbeitsrecht und der tiefste Kern des Punks, der Nihilismus.

Nun war der Punk selbst schon die erste Subkultur, die eigentlich eine Marketingstrategie war. Mitte der Siebzigerjahre hatte der Londoner Boutiquenbesitzer Malcolm McLaren die Zeichen der Zeit erkannt und aus den Insignien einer New Yorker Lumpenintelligenzija und dem Zorn der britischen Prekariatsjugend eine Modewelle kreiert, die der saturierten Hippie-Ära ein saftiges Ende bereitete. Der Nihilismus dieser Mode entlarvte die Verlogenheit der Utopien der 68er, die zu Selbstgefälligkeit und Rechthaberei erstarrt waren. Durchaus erfrischend. Das selbstzerstörerische Element dieses Nihilismus war aber die ideale Vorbereitung für ein Berufsleben, das die erwähnten Verdrängungskämpfe und Selbstausbeutungen zur Speerspitze eines Backlash gegen die sozialen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts machte.

Rückblickend muss man Gruner und Jahr verlegerische Weitsicht attestieren

Es ist aber gar nicht alles schlecht auf dieser Welt. Denn durch die Jubiläumsausgabe von Business Punk zieht sich schon ein neuer Geist, der Hoffnung macht, dass die gegenwärtige Generation der Berufseinsteiger dieses "Hey! Ho!" sehr viel freundlicher und vernünftiger meint, als die Coverkerle, die da offensichtlich gefeiert haben. Der lange romantisierte große Industriezweig-, Kultursparten- und Arbeitsplatzvernichter der Nullerjahre, die digitale Welt, spielt keine große Rolle mehr. Es sind auch nicht mehr ausschließlich Männer, die auf den Seiten als Helden bejubelt werden, sondern Frauen wie Linda Stannieder vom Unternehmen Volocopter, die Schuh- und Kaffee-Unternehmerin Bethlehem Tilahun Alemu aus Addis Abeba oder die Gründerin des Kunst-Start-ups Artcrater Gudrun Wurlitzer. Ein wenig Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein zieht sich durch die Seiten. Es gibt Hoffnungsträger wie Sarah Toumi, die in Tunesien einen Inkubator für Sozial- und Umweltprojekte gegründet hat oder den Hotelkettengründer Ritesh Agarwal, der es mit seiner Firma Oyo aus Indien zum globalen Unicorn geschafft hat.

In den beiden Kulturgeschichten der Ausgabe steckt sogar ein wenig Kapitalismuskritik. Die ist bei der Rapgruppe Deichkind und der Binge-Serie Skylines zwar geschickt durch die Popreferenzen gefiltert. Aber zurück in die ideologischen Siebzigerjahre will ja wirklich niemand mehr. Sicher wird der aktuelle Traum, als guter Mensch auch reich zu werden, für fast alle genauso eine Lebenslüge bleiben, wie die Hoffnung, das Berufsleben als Fortsetzung der Popkultur führe zu ungeahnten Erfolgen. Trotzdem muss man G + J rückblickend verlegerische Weitsicht attestieren und der amtierenden Chefredaktion ein gutes Gespür für Zeitströmungen. Auch wenn der Titel Business Punk bald schon ein anachronistischer Etikettenschwindel sein könnte.