ZDF-Montagskrimi Fernsehen auf Schlöndorff-Art

Charakterstudien in einer eher unspezifischen Stadt: Thomas Thieme (links) und Devid Striesow in einer Erfurter Straße.

(Foto: Conny Klein/ZDF)

Der deutsche Oscar-Preisträger hat einen Krimi des Bestseller-Autors Friedrich Ani verfilmt. "Der namenlose Tag" muss nicht die letzte TV-Produktion des Altstars gewesen sein - offenbar plant er sogar eine Serie.

Von Hans Hoff

Wenn die Krähen krächzen, erscheint der dicke Mann in der schwarzen Lederjacke. Vor der Haustür zieht er den Reißverschluss seiner Lederjacke auf, um etwas zugänglicher zu wirken. Er klingelt und stellt sich vor. "Mein Name ist Jakob Franck, ich bin Kripobeamter. Ich muss Ihnen eine sehr traurige Nachricht überbringen." Dann sieht er zu, wie die Botschaft das Leben der Hinterbliebenen aus den Fugen hebelt. Einmal hielt er die Mutter eines Mädchens, das sich aufgehängt hatte, sieben Stunden im Arm. Das ist die Vergangenheit von Jakob Franck. In der Gegenwart ist er mittlerweile pensioniert und erfährt von dem Ehemann jener Frau, die er einst so lange tröstete, dass auch sie sich aufgehängt habe. Der Ehemann glaubt nicht mehr an einen Selbstmord seiner Tochter. Franck solle doch, bitte schön, den Mörder finden.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass beim Montagskrimi im ZDF ein deutscher Oscar-Preisträger Regie führt und die Vorlage überdies von einem heimischen Erfolgsschriftsteller stammt. Volker Schlöndorff, 78, heißt der Regisseur und Friedrich Ani, 59, der Autor. Ihre Geschichte "Der namenlose Tag" ist weniger ein klassischer Krimi als vielmehr eine Aneinanderreihung von Charakterstudien, von Situationen, von Klängen. Manches ist dabei arg erwartbar geraten. Zuverlässig krächzend kündigen die Krähen den Überbringer der Todesnachricht an, verhalten begleitet die Nachtclub-Trompete den einsamen Kommissar beim Nachdenken, und die Glocken scheinen immer genau dann zu läuten, wenn die Hauptfigur durch die Straßen der Stadt streift.

Die Stadt in Schlöndorffs Film ist Erfurt, in Anis Buch war es noch München. Aber die bayerische Landeshauptstadt war dem Regisseur zu groß, zu mächtig. Er habe eine nicht spezifische Stadt gesucht, sagt Schlöndorff bei einem Pressegespräch in Köln. Zuerst habe er zwar an Castrop-Rauxel gedacht, aber dann sei es halt Erfurt geworden, weil sowohl der Produzent Jens C. Susa als auch Thomas Thieme - der Darsteller des Jakob Franck - aus dieser Gegend stammen und Erfurt vorgeschlagen hätten. Die Stadt sei ihm dann unspezifisch genug erschienen. Da grätscht dann doch der Produzent Susa dazwischen und weist seinen prominenten Regisseur sehr freundlich darauf hin, dass Erfurt immerhin auch Landeshauptstadt sei, es sich mithin vielleicht um eine nicht ganz so unspezifische Stadt handele.

Die letzten Korrekturfahnen erhielt Volker Schlöndorff vor mehr als 40 Jahren - von Böll

Schlöndorff hat aber nicht nur den Spielort getauscht, er hat noch eine andere gravierende Veränderung an der Vorlage vorgenommen. In Anis Buch liegen zwischen dem Selbstmord der Tochter und dem Besuch des Vaters beim Kommissar 20 Jahre. Im Film sind es gerade mal zwei. Die 18 Jahre hat Schlöndorff gestrichen, weil es sonst wegen etlicher Rückblenden viel Schminkbedarf gegeben hätte. Menschen verändern sich in 20 Jahren mehr als in zwei.

Den Autor haben diese Eingriffe in die Buchstruktur nicht gestört. Ani fühlte sich geehrt, weil sich ein anerkannter Meister des deutschen Films seines Werks annahm, noch bevor es in den Buchläden erfolgreich war. "Mein Respekt vor Volker Schlöndorff ist so groß, es wird so viel besser sein als mein Roman", habe er anfangs gedacht, und als er dem Hauptdarsteller Thomas Thieme begegnete, sei er hingerissen gewesen: "Ich finde den irrsinnig echt." Ohnehin könne er gut loslassen, sagt Ani. "Wenn ich ein Buch beendet habe, gibt es Tage der vollkommenen Leere."

In diese Leere hinein kam die Nachricht, dass der gerade in den USA weilende Schlöndorff regelrecht begeistert sei vom Text. Produzent Susa hatte die Fahnen des Buches nach New York geschickt und bekam zwei Tage später die Antwort des Umworbenen: "You made my day." Der letzte Korrekturabzug, den er bekommen habe, erzählte Schlöndorff in Köln, "war von Heinrich Böll". Das liegt mehr als 40 Jahre zurück. "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" stand damals über dem Text, und dazu eine Anmerkung des Autors: "Lesen Sie mal. Das ist vielleicht was für Sie." Es war dann auch etwas für Schlöndorff und für das ganze Land im Deutschen Herbst. Dem großen Erfolg sollte 1980 ein noch deutlich größerer folgen, der Oscar für Die Blechtrommel.

Schlöndorff ist eben der Mann für Literaturverfilmungen, Krimis sind eigentlich nicht sein Spezialgebiet. Nach Friedrich Anis Vorlage hat er innerhalb von drei Wochen eine erste Fassung des Drehbuchs geschrieben, selbst unsicher, ob ihm das Genre liegt. "Ich wusste, das interessiert mich, aber ich wusste nicht, ob ich das kann", sagt er. Folglich hat er das Projekt dann auch wie einen Schlöndorff-Film behandelt, in dem die Schauspieler im Mittelpunkt stehen: Neben Thieme sind das Devid Striesow, der den Vater spielt, und Ursina Lardi, die im Film sowohl die Mutter als auch die Tante der Toten gibt. Schlöndorff geht es sichtlich weniger um den Kriminalfall als vielmehr um die Frage, was in diesen Menschen vorgeht.

Als Ergebnis liegt nun ein Film vor, der mehr von Schlöndorff hat als von Anis genialer Art, mit wenigen Worten viel Atmosphäre zu schaffen. Da findet sich einiges von dem, was man aus den Filmen der 1970er- und 80er-Jahre kennt. Schlöndorff-Fans werden das lieben, diese Langsamkeit, diese Spielchen mit Verwischungen und Traumbildern, diese fragenden Gesichter. Menschen der Generation Netflix dürften mit dem bedächtigen Ton und mancher Umständlichkeit allerdings so ihre Probleme haben und sich wünschen, es möge mal etwas passieren.

Nach Kinofilmen geht man in die Kneipe, nach Fernsehfilmen ins Bett

Aber das ist nicht die Art von Volker Schlöndorff. Er macht die Dinge eben auf seine Weise. Zwei Projekte hat er derzeit im Kopf. Eines davon soll eine Serie sein - ob sie zustande kommt, ist noch unklar. Eine Fernsehserie von Schlöndorff wäre interessant, denn der Altmeister unterscheidet noch immer strikt zwischen Kino und Fernsehen. "Nach dem Kino geht man ein paar Mal um den Block und dann in die Kneipe, um drüber zu reden, und am Morgen danach will man wieder drüber sprechen", erklärt er. "Beim Fernsehen muss ich abschalten und gut schlafen."

Und was ist "Der namenlose Tag" geworden, Fernsehen oder Kino? Auf die Frage, wie seine Reaktion nach dem Film gewesen sei, antwortet der Buchautor Friedrich Ani klar und höflich: "Ich bin mehrmals um den Block gegangen und dann in die Kneipe."

Der namenlose Tag, ZDF, 20.15 Uhr.