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Wildwuchs:Weiter so

Einer der Platzhirsche: das WDR-Magazin Monitor, aktuell moderiert von Redaktionsleiter Georg Restle (o.). Geprägt wurde das Format von Klaus Bednarz.

(Foto: WDR, dpa)

Die ARD leistet sich sechs TV-Politmagazine. Eine Studie empfiehlt eine Reduzierung auf zwei Formate. Doch die Macher versperren sich Reformdiskussionen. Woher sollen da Profil und Relevanz kommen?

Von Kathrin Hollmer

Selten war die Kritik an einer Studie so geballt wie in den vergangenen Wochen auf den Webseiten der ARD-Politmagazine. Jede der sechs Sendungen widerspricht in einer Stellungnahme einer aktuellen Studie der Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall über die politischen Magazine im deutschen Fernsehen. Von "einseitiger, vorurteilsbehafteter Interpretation" ist da zu lesen, von "geschmäcklerischen Befindlichkeiten" und einem "aus der Zeit gefallenen Politikbegriff".

Die Kritik an der Studie ist in Teilen berechtigt - vor allem weil der Medienwissenschaftler und Journalist Bernd Gäbler digitale Verbreitungswege nicht berücksichtigt, die Bedeutung der TV-Beiträge stattdessen an der Erwähnung in Zeitungen misst und nach einem parteipolitischen Politikverständnis von gesundheits- und wirtschaftspolitischen Themen den fachlichen und nicht den politischen Aspekt wertet. Die Abwehrhaltung der ARD-Sendeanstalten ist dennoch bemerkenswert.

"Um die zehn Prozent Marktanteil, darauf können wir stolz sein", sagt Reinhard Borgmann vom RBB

Gäbler hat drei Monate lang alle Ausgaben der ARD-Magazine Panorama (NDR), Monitor (WDR), Kontraste (RBB), Report München (BR), Fakt (MDR) und Report Mainz (SWR) sowie von Frontal 21 (ZDF) und Spiegel TV (RTL) analysiert. Sein Urteil ist hart: Die Formate seien zu unpolitisch, es werde zu wenig Recherche betrieben und zu selten würden große Themen wie Europa oder innenpolitische Debatten angepackt. Am Schluss empfiehlt Gäbler, die sechs ARD-Formate, die sich auf zwei Sendeplätze am Dienstag- und Donnerstagabend verteilen, auf zwei zu reduzieren - eine Diskussion, die nicht neu ist.

Die Studie könnte also ein Anlass sein, den Wildwuchs an politischen Magazinen erneut zu überdenken, doch beim Ersten ist von Reformdiskussionen nichts zu spüren. Die Politmagazine scheinen unantastbar zu sein. "Es gab die unterschiedlichsten Vorstellungen, die sechs Magazine zusammenzufassen", sagt Reinhard Borgmann, Leiter des Ressorts Politische Magazine im RBB. "Doch diese Diskussion ist seit Jahren aus und vorbei." Das sieht auch Volker Steinhoff, Redaktionsleiter von Panorama, so: "Der zeitweilige Erfolg von Frontal 21 hat die Diskussion damals befeuert, man dachte wohl auch, wenn man nur ein starkes Magazin hätte, könnte man bessere Quoten erreichen. Das Modell vom ZDF hat sich allerdings - zumindest quotentechnisch - als für die ARD nicht Erfolg versprechend herausgestellt."

So einfach ist das allerdings nicht. Frontal 21, das in Gäblers Studie besser wegkommt als die ARD-Konkurrenz, war einmal das erfolgreichste deutsche Politikmagazin. Doch dann verschob die ARD im Herbst 2011 einen Teil der Magazine wegen Hart aber fair in die Sendezeit von Frontal 21. Das ZDF-Format verlor daraufhin stark an Quote, 2014 lag sie hinter allen ARD-Magazinen, nur Spiegel TV lief noch schlechter. Nach dem Verlust hätten sich die Quoten auf niedrigerem Level stabilisiert, merkt Christian Dezer, scheidender Redaktionsleiter von Frontal 21, an: "Wir haben seit Jahren etwa gleiche Quoten, die bei 2,5 Millionen Zuschauern liegen. Das ist schlechter als die ARD-Magazine am Dienstag. Die profitieren von der Arztserie In aller Freundschaft mit durchschnittlich 5,6 Millionen Zuschauern."

Die guten Quoten am Dienstag - bis zu 3,5, donnerstags bis zu 2,9 Millionen Zuschauer - sind also ein zweifelhafter Erfolg, aber für die ARD Grund genug, alles beim Alten zu lassen. "Unsere Sendungen, die teilweise schwierige Hintergrundthemen behandeln, erreichten im vergangenen Jahr im Schnitt um die zehn Prozent Marktanteil, darauf können wir stolz sein", sagt Reinhard Borgmann vom RBB.

Zuschauer, die nicht schon in den Sechzigern ferngesehen haben, erkennen außer den offensichtlichen regionalen Besonderheiten wie bei Report München und Report Mainz keine großen Unterschiede zwischen den ARD-Politmagazinen. Monitor und Panorama galten als links, Report München als konservativ. Das sei lange vorbei, sagt Volker Steinhoff von Panorama. Was nun die einzelnen Markenkerne sind, darauf erhält man weder beim NDR noch beim RBB eine konkrete Antwort.

Man will sich gegenseitig nicht die Existenzberechtigung absprechen, das "Wir sind eins" im ARD-Slogan nimmt man ernst, wenigstens nach außen. Früher war das anders. Die RBB-Programmdirektorin Claudia Nothelle sagte 2010, sie könne sich mit dem Gedanken an eine "gemeinsame Dachmarke, unter der dann die Einzelmarken auftreten könnten", anfreunden. Fünf Marken müssten in dem Fall zumindest auf ihren Namen verzichten. Heute sagt so etwas niemand mehr offiziell. Kritik üben die Magazine an Missständen in Politik und Gesellschaft, aber nicht an sich selbst.

Vielleicht wurde die Diskussion auch deshalb für beendet erklärt, weil man nicht weiß, welche der Marken man zusammenlegen könnte. Die ältesten ARD-Politmagazine und Leitmedien Panorama und Monitor, bei denen auch Gäbler am ehesten Mut zu kontroversen politischen Themen sieht, sind bis heute personell und finanziell am besten aufgestellt und auch inhaltlich am stärksten. Dort sieht man keinen Grund für Veränderungen, bei den anderen auch nicht - sie haben, dank Dienstagssendeplatz, die besseren Quoten.

Die Gewissheit, dass die Gebühren fließen, hat die Sender resistent gegen Veränderungen gemacht

Die ARD-Magazine wirken wie Relikte aus einer Zeit, in der es viel weniger Fernsehprogramme und Informationsangebote gab. Darum kommt auch, egal mit wem man über die Magazine diskutiert, immer der Verweis auf die glorreiche Vergangenheit, auf Namen wie Panorama-Gründer Gert von Paczensky oder Klaus Bednarz, der als Moderator von Monitor berühmt wurde. Deren Magazine waren mal das Zentrum des politischen Journalismus. Heute setzen sich Politiker lieber in Talkshows, es gibt Politik-Youtuber, und investigative Recherchen sind nicht mehr Alleinstellungsmerkmal der Politmagazine.

Die Gewissheit, dass die Finanzierung durch die Gebühren ohnehin gesichert ist, hat die Sendeanstalten resistent gegen Veränderungen gemacht. Aber woher sollen Profil und Relevanz kommen ohne Reformdiskussionen? Die bislang letzte strukturelle Veränderung war zum Nachteil der Politmagazine: 2006 kürzte die ARD die Sendezeit von 45 auf 30 Minuten.

Allenfalls dezente Korrekturen finden statt. Die Beiträge sind generell länger geworden. Manche Magazine setzen auf monothematische Ausgaben. Auch nur fürs Internet produzierte Videos werden, besonders bei Frontal 21, immer beliebter.

An der Abwehrhaltung Gäblers Studie gegenüber zeigt sich einmal mehr, wie schwer es der ARD fällt, etablierte Strukturen zu überdenken. Bislang passiert das fast nur, wenn jemand freiwillig aufhört: Nach jahrelangen Diskussionen über den Überschuss an politischen Talks gab Reinhold Beckmann 2013 das Aus seiner Sendung bekannt, im Juni folgte Günther Jauch. Statt einst fünf laufen ab 2016 noch drei Talks pro Woche im Ersten, das schafft Platz für Neues - an sich wäre das der Moment, über Reformen nachzudenken. Doch davon spürt man bislang nichts, wenigstens nicht bei den Politmagazinen. Statt "Wir sind eins", wie im ARD-Slogan, gilt hier munter weiter: Wir sind sechs.

© SZ vom 03.08.2015
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