Verleihung des Publikumspreises in Berlin:Ostalgie war gestern

Goldene Henne 2015 - Verleihung

Sein "Sonderzug nach Pankow" hat die Annäherung von Ost und West befördert: Udo Lindenberg mit Henne.

(Foto: dpa)

25 Jahre Wiedervereinigung, 25 Jahre Goldene Henne: Die Auszeichnung von MDR und "Super Illu" ist kein DDR-Museum mehr. Nur eine Preisträgerin kam aus dem Osten.

Von Cornelius Pollmer

Der rote Teppich ist ein wunderbar gnadenloser Ort, ein Ort großer Wahrheiten und noch größerer Lügen. Ginge man diesen Teppich mit einem Lügendetektor entlang, seine Nadel würde so fröhlich hüpfen wie die eines Geigerzählers in Gorleben. Im Grunde aber braucht es einen solchen Detektor gar nicht, es genügt, hier und da mal hinzuhören, feldversuchsweise bei der Verleihung der "Goldenen Henne" am Samstag in Berlin. Frage an den Panel-Show-Prominenten mit aschfahlem Gesicht und zitternden Händen: Wie geht es Ihnen? Antwort: Fantastisch. Und was sagt der Show-Veteran, der mehr Teppich-Auftritte zählt als Lothar Matthäus Einsätze für den DFB? "Das ist wirklich ein ganz besonderer Abend für mich." Suggestivfrage schließlich an das von eiskalter Zwecknähe umwehte Paar mit dem krassen Altersdelta: Ist es Liebe? Trügerisches Nicken.

Manche Wahrheit am Teppich ist noch etwas frostiger. Nur einer ruft laut und heiter "Mucki!!!", als Sänger und Moderator Hartmut Schulze-Gerlach eintrifft, ein Vorderer aus jener Zeit, in welcher der MDR und die Super Illu noch das DDR-Museum des deutschen Unterhaltungsbetriebs waren. Weder der Sender noch die Zeitschrift sind solche Mucki-Buden geblieben, das zeigt die Gegenwart dieses Abends, an dem 25 Jahre Super Illu genauso gefeiert werden wie 25 Jahre Deutsche Einheit.

Die Goldene Henne war als Publikumspreis stets ein Abbild der Entwicklungsschritte dieser Einheit und sie ist es in diesem Jahr besonders. Während der alte Osten früher gern mit Auch-noch-da-Trotz präsentiert wurde, fügt er sich am Samstag im Velodrom vergleichsweise beiläufig ein. Im Tableau der Preisträger finden sich handelsübliche deutsche Sehnsüchte wie jene nach Meer (Santiano, Musik) und Bergen (Hans Sigl, Fernsehen). Unter den von Lesern bestimmten Preisträgern befindet sich überhaupt nur einer aus dem Osten (Claudia Pechstein, Sport). In vielen anderen Belangen ist die Henne ebenfalls ein gesamtdeutscher Preis geworden, ihre unnötige Überlänge schließt das leider ein. Man hätte während der Show fast den kompletten Ben Hur von 1959 schauen können.

Da ist es gut für die Durchblutung, wenn einem ab und an ein Grund zum Aufstehen gegeben wird. An diesem Abend gibt es drei wertvolle Gelegenheiten dazu, bei den Jurypreisen für Roland Jahn (Politik), Juliane Luise Gombe (Charity) und Udo Lindenberg, dessen komplett logische Auszeichnung nicht durch die Angabe irgendeiner Kategorie diminuiert werden sollte.

Auf der Bühne werben viele der Preisträger für Offenheit im Umgang mit Flüchtlingen

Jahn jedenfalls litt einst unter der DDR wie wenige andere, heute leitet er die Stasiunterlagenbehörde und führt nicht der Rache das Wort, sondern der Versöhnung. Gombe wiederum litt noch, da war die Mauer schon gefallen - unter Fremdenhass in "meiner Stadt Magdeburg". Gombe hielt und hält den Hass nicht nur aus, sie hilft auch noch anderen, in diesem Land anzukommen. Mit fortdauernder Güte bewegt sich Gombe durch eine widerständige Welt. Natürlich ist die Erzählung davon ein kalkulierter Fernsehmoment. Aber wenn er dazu beiträgt, dass ein paar Zuschauer mal wieder ihre eigenen kleinen Engherzigkeiten überprüfen - warum dann nicht?

An der Zeit ist es ja, siehe auch die vorderen Seiten dieser Zeitung. Womöglich hätte die Goldene Henne um Flucht und Asyl herumsenden können, a-ha und Andreas Gabalier hätten dann jeweils vier Mal auftreten können statt "nur" zwei Mal. Tatsächlich aber sprechen sich von Jahn über Pechstein bis Lindenberg immer wieder Bühnenmenschen dafür aus, allen Zugereisten mit Offenheit und Zuversicht zu begegnen. Allen ist anzumerken, dass dieser Grundsatz unverhandelbar und es somit wurscht ist, ob von den 4500 Gästen am Ende der Ansage alle klatschen oder nur ein Teil. Einem ist anzumerken, dass er der einzig mögliche Kandidat für das Amt des Weltraumpräsidenten sein dürfte, sollte es eines solchen in Zukunft mal bedürfen.

Als wirklich Letzter war Udo Lindenberg kurz vor Beginn der Livesendung in den Saal gewackelt, die Zigarre noch in guter Glut. Am Ende dieser Sendung berichtet er zunächst von seiner besonderen Beziehung zum Osten, also dem, "was wir durchgemacht haben, Honni und die ganze Scheiße". Dann schließt Lindenberg mit einer Forderung an dieses, an sein Land. Lindenberg sagt, er wünsche sich "ein ordentliches, buntes, flexibles Deutschland. Yeah."

© SZ vom 07.09.2015
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