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Verlage:Eine ganz neue Nähe

Die liberale "Stuttgarter Zeitung" und die konservativen "Stuttgarter Nachrichten" arbeiten künftig zusammen - dabei gab es mal Zeiten, da setzten sich die Redakteure der beiden Blätter bei Terminen möglichst weit auseinander.

Es gab Zeiten in Stuttgart, da setzten sich die Redakteure der beiden dortigen Blätter möglichst weit auseinander: Auf der einen Seite im Raum - wahlweise bei der Daimler-Pressekonferenz oder im Landtag - der Redakteur der Stuttgarter Zeitung (StZ), der Zeitung des liberalen Bürgertums. Weit entfernt auf der anderen Seite der Kollege der Stuttgarter Nachrichten (StN), dem Blatt für die konservative Arbeiterschaft. Die Sitzordnung hatte nicht unbedingt etwas mit einem persönlichen Problem zu tun, sondern lag an der Weisung ihrer Chefredakteure: Mit den anderen haben wir nichts zu schaffen! Ohne Belang war dabei, dass man in einem gemeinsamen Verlag erscheint, der mittlerweile Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) heißt und der auch die Mehrheit an der Süddeutsche Zeitung besitzt.

Nun hat sich diese Fehde in den vergangenen Jahren bereits stark abgeschliffen, vor allem seit Joachim Dorfs (StZ) und Christoph Reisinger (StN) als Chefredakteure sehr kollegial die Geschäfte führen. Künftig kommen sich die Kollegen noch näher: Die Redaktionen der beiden Blätter werden zusammengelegt. Wer für die einen schreibt, wird das dann auch für die anderen tun: In knapp einem Jahr, von April 2016 an, werden StZ und StN mit einer gemeinsamen Redaktion arbeiten, nicht mehr nur unter einem Dach wie bislang. Beide Zeitungen werden an einem gemeinsamen Newsdesk erarbeitet - wobei Dorfs und Reisinger jeweils die Zuständigkeit für ihren Titel behalten. Zugleich fallen etwa 30 bis 35 Redakteursstellen weg.

240 Redakteure für zwei sehr unterschiedliche Zeitungen

"Ein Stellenabbau ist nie schön, das schmerzt", sagt StN-Chefredakteur Reisinger. Er sei aber notwendig aufgrund der bekannten schwierigen Umstände in der Zeitungsbranche: Immer weniger Firmen schalten Anzeigen, zugleich lesen immer weniger Menschen gedruckte Zeitungen, wollen sich stattdessen online beinahe rund um die Uhr informieren. Diesem neuen Nutzerverhalten trägt das "Stuttgarter Weg" genannte Konzept Rechnung, indem ein neues Multimedia-Ressort geschaffen wird mit zehn neuen Stellen. "Wir bauen also auch auf", sagt Reisinger; die gemeinsame Redaktion habe dann 240 Vollzeit-Redakteure: "Das ist stark, und der Weg hat Charme."

"Mit unserem Zukunftsprogramm schaffen wir die Voraussetzungen für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit unserer beiden erfolgreichen Marken", erklärte Richard Rebmann, Vorsitzender der SWMH-Geschäftsführung. Bei Arbeitnehmervertretern stößt das Konzept indes auf Kritik: Verdi-Landeschefin Leni Breymaier sieht einen "erheblichen Verlust von Meinungsvielfalt und Arbeitsplätzen"; der SWMH-Betriebsrat spricht von einem "dramatischen Schritt".

Man wisse, dass die beiden Blätter in Kontrast zueinander stehen, entgegnet Dorfs: Entweder möge man die Zeitung oder die Nachrichten. Und deshalb sei es natürlich "eine Herausforderung, die unterschiedlichen Ansätze, den unterschiedlichen Stil beizubehalten", sagt der StZ-Chefredakteur. Um das sicherzustellen, werde jede Redaktion zwölf Autoren exklusiv behalten - Titelseiten und das Layout sollen mit getrennten Teams gestaltet werden. Es gelte: Unterschiede ja, aber keine Fehde mehr.

© SZ vom 10.06.2015
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