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US-Magazine:Sag es mit Bob Dylan

Coverboy: John Lennon auf dem Titel der ersten Ausgabe.

(Foto: Rolling Stone Magazine)

Der "Rolling Stone" propagiert seit fünfzig Jahren alles, was das metropolenferne Amerika hasst: Sex, Drogen und Erfolge, die sich nicht harter Arbeit, sondern dem Rock'n'Roll verdanken. Jetzt will der Gründer seine Anteile verkaufen.

Die Vorstellung, mit der Gegenkultur Geld zu verdienen, gar reich zu werden, war vor fünfzig Jahren ziemlich wagemutig. Jann Wenner versuchte es trotzdem, lieh sich 7500 US-Dollar und gründete das Magazin Rolling Stone. John Lennon war auf dem ersten Titel, später erschienen da unvermeidlich die Rolling Stones, einzeln, als Gruppe, Jagger & Richards als Glimmer Twins, Bruce Springsteen, Sting. Mindestens zwanzig Mal schmückte Bob Dylan das Magazin, aber auch Bill Clinton, Barack Obama und vor kurzem sogar Papst Franziskus, der von Rom aus eine ganz andere Gegenkultur anführt.

Das Magazin propagierte alles, was das fundamentalistische, das christliche, das metropolenferne Amerika mit Inbrunst hasst: Drogen, Sex und Erfolgsgeschichten, die sich nicht harter Arbeit, sondern dem Rock'n'Roll verdankten. Die Titelseiten wurden Wahrzeichen für diesen Erfolg: der embryonal-nackte Lennon in den Armen von Mutter Yoko, der unbezähmbar haarige David Crosby als Samenspender für Melissa Etheridge und ihre damalige Freundin, Kanye West mit Dornenkrone. Viele dieser heute ikonischen Fotos stammten von Annie Leibovitz, die sich ihrerseits vom Groupie zur schwerreichen und gelegentlich ebenso verschuldeten Geschäftsfrau hochgearbeitet hatte. Und damit soll für den Gründer jetzt Schluss sein? Wenner erklärte eben in der New York Times, dass er zum Fünfzigsten die Mehrheit an seinem Lebenswerk verkaufen werde.

Dieses Lebenswerk ist bereits jetzt ein Welterbe: Neben Star-Interviews brachte Rolling Stone die besten Reportagen Amerikas. Hunter S. Thompson schrieb da, Greil Marcus und Tom Wolfe, der einmal ein erstklassiger Reporter war, ehe er zum drittrangigen Romancier herabsank. Wenner wurde seinerseits ein Star (Ende Oktober erscheint eine Biografie mit dem einschlägigen Titel Sticky Fingers); nach Jahrzehnten als Ehemann erklärte er sich für schwul. Um mit der Zeit zu gehen, brachte Rolling Stone vor drei Jahren eine Reportage über ein angebliches Sexualverbrechen an der University of Virginia. Die Geschichte war nicht belegt, die Kontrollen hatten versagt, die Burschenschaft, die zu Unrecht der Gruppenvergewaltigung bezichtigt wurde, klagt auf einen millionenhohen Schadenersatz. Noch schlimmer war der Ansehensverlust, dazu das Übliche: weniger Anzeigen, mehr ertragloses Internet, das unaufhaltsame Altern der Generation, die einmal jung sterben wollte.

Doch wie es sich für einen Rock'n'Roller gehört, kündigt Wenners Sohn Gus das Ende der Familie bei Rolling Stone nicht mit einem Wimmern an, sondern mit Bob Dylan, aus dessen Frühwerk er zum Abschied zitiert: "Wer's nicht immer wieder neu versucht, mit dem wird's ganz schnell vorbei sein."