Umstrittene Reform bei DRadio Kultur So einfach ist das nicht

Solange an der Reform bei Deutschlandradio Kultur gearbeitet wurde, solange wurde darüber auch gestritten. An diesem Wochenende nun startet das neue Programmschema - ein klareres Profil mit weniger Stimmen soll Zuhörer locken.

Von Stefan Fischer

Eineinhalb Jahre hat es gedauert, die große Programmreform des Senders Deutschlandradio Kultur vorzubereiten - und fast ebenso lange ist um diese Programmreform gestritten worden. Etliche Arbeitsgruppen bastelten bei dem in Berlin beheimateten Kultursender an einem Umbau des Programms. Der Unmut im Sender war zwischenzeitig so heftig, dass die Auseinandersetzung öffentlich wurde und Intendant Willi Steul und Programmdirektor Andreas Peter Weber sich öffentlich zum Dissens im Sender erklären mussten.

Es ging dabei immer weniger um die Inhalte der Reform als vielmehr um die Gesprächskultur in einem Haus, das viel auf seine Kreativität und Intellektualität hält, auf seine Offenheit und Unabhängigkeit. Merkmale, die plötzlich infrage zu stehen schienen. Das alles aber änderte nichts daran, dass das Publikum von Deutschlandradio Kultur seine Hörgewohnheiten von diesem Samstag an deutlich wird verändern müssen. An diesem Wochenende geht es los mit dem neuen Sendeschema.

Wenn Programmdirektor Weber nun, ein paar Wochen nach dem öffentlich ausgetragenen Senderzwist, die Reform erklärt, schwingt noch manches mit von all den teilweise harsch geführten Auseinandersetzungen. Er bescheinigt den Mitarbeitern in Berlin, dass sie inhaltlich sehr gute Arbeit machen - ihr Programm bislang jedoch zu schlecht verkauft hätten. Das trägt ihm, dem Manager, den Vorwurf der Kulturfeindlichkeit ein. Während nicht alle Redakteure die Realitäten der Branche im Blick hätten, so jedenfalls kann man Webers Ausführungen verstehen. Auch wenn er bemüht ist, nicht wieder Öl ins inzwischen offenbar unter Kontrolle gebrachte Feuer zu gießen.

Jeder Sender muss anders sein, damit alle bestehen können

Ausgangspunkt der Reform seien zwei Punkte gewesen, so Weber: DRadio Kultur soll sich stärker als bisher als Kultursender profilieren, in entschiedener Abgrenzung zum Rest der Senderfamilie, dem Informationssender Deutschlandfunk und dem digitalen DRadio Wissen. Auch dort haben bereits - im ersten Fall kleinere, im zweiten Fall radikale - Justierungen stattgefunden.

Der Tag werde kommen, das glauben Steul und Weber, an dem ernsthaft debattiert werden wird, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk all die vielen Radiosender, die er derzeit betreibt, wirklich braucht. Derzeit sind es zusammen 53 UKW-Programme und zehn weitere reine Digitalangebote. Und sie ahnen auch, dass die Antwort der Öffentlichkeit lauten wird: Nein. Deutschlandradio möchte mit keinem seiner drei Programme zu den Verzichtbaren gezählt werden, jedes muss einen sehr eigenen, klar erkennbaren Programmauftrag haben. Darauf bereitet man sich vor.

Der zweite Punkt, den Weber nennt, ist, dass "Deutschlandradio Kultur im Grunde kein eigenes Publikum hat". Man wisse von Hörerbefragungen, dass das Gros der reichlich 400 000 täglichen Hörer eigentlich Stammhörer des Deutschlandfunks sind, die eben gelegentlich auch mal zu der Kulturwelle wechseln. Weber sieht Steigerungsmöglichkeiten beim Zuspruch; und er will neues Publikum gewinnen durch ein verlässlicheres Programm.

Weniger Stimmen im Programm sollen die Zuhörer stärker binden

Das bisherige Radiofeuilleton (von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr) hat bisher allen alles geboten. Nun soll klarer sortiert werden. Werktags wird es ein tägliches Literaturmagazin geben (Lesart um 9 Uhr), zwei Musikmagazine (Tonart um 11 Uhr und 15.30 Uhr) sowie eine Interviewsendung (Im Gespräch um 11 Uhr). Am Wochenende kommen Sendungen zu Kino, Theater, Philosophie, Medien, Religion und Lebensart hinzu. Es ist der Versuch einer Gegenbewegung zu der verbreiteten Tendenz, auch im Kulturjournalismus das Publikum durch eine immer einfacher zu konsumierende Berichterstattung immer weniger zu fordern.

In den Morgenstunden von 5 bis 9 Uhr wird das Programm stärker dem bisherigen Angebot ähneln, auch wenn die Sendung nicht mehr Ortszeit heißt, sondern Studio 9 - von dort wird gesendet. Ein Magazin mit Kultur und Politik, wobei der Politikbegriff neu definiert wird: Es wird stärker um Kultur- und Bildungspolitik gehen beziehungsweise darum, politische Themen aus einer feuilletonistischen Perspektive zu betrachten.

Neu ist beim Deutschlandradio, dass Kultur- und Politikredakteure künftig in einem Team arbeiten werden. Mittelfristig sollen die beiden Hauptabteilungen sogar abgeschafft werden. Dass die Bereiche bislang relativ unabhängig voneinander gearbeitet haben, hätte sich im Programm bemerkbar gemacht, so Weber: "Man konnte manchmal hören, dass es nicht aus einem Guss ist." Homogener in seiner Tonalität soll DRadio Kultur auch dadurch werden, dass weniger Moderatoren als bisher das Programm präsentieren werden. Weber wünscht sich Persönlichkeiten, mit denen man den Sender identifiziert. Abzuwarten bleibt, ob sich auch alle Mitarbeiter wieder ganz mit ihrem Sender identifizieren.