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Übernahme beim WAZ-Konzern:Wende im Westen

Im drittgrößten Medienkonzern der Republik kommt es zu einer Zeitenwende: Mit der Übernahme der WAZ löst die Eigentümerfamilie Grotkamp nach mehr als 60 Jahren ein solides Patt auf. Doch was sie verändert, ist unklar.

Die Fernsehserie Das Erbe der Guldenburgs lief zwischen 1987 und 1990 über 40 Episoden im ZDF und war erstaunlich erfolgreich. Das lag vor allem daran, dass die Saga eines fiktiven Clans aus Schleswig-Holstein den labyrinthischen Wahnsinn einer Familienfehde virtuos aus dem Amerikanischen (Dallas, Denver Clan) ins Deutsche übersetzte.

Bei WAZ-Gruppe bahnt sich Veraenderung der Eigentumsverhaeltnisse an

Ein Haus, zwei Familien - so hat es der WAZ-Konzern immer gehalten. Doch nun scheint sich einiges zu ändern in der Essener Konzernzentrale.

(Foto: dapd)

Man hätte 1987 problemlos auch "Das Erbe der Brosts" oder "Das Erbe der Funkes" inszenieren und senden können. Statt um Öl, Wein oder Land wäre es um Zeitungen, Zeitschriften, um Medien gegangen. Was sich seit Jahrzehnten im WAZ-Konzern zuträgt, ist Stoff für die gehobene Unterhaltung.

Leicht gemacht hat man es mit zwei Familienstämmen zu tun, die eine grelle Feindschaft pflegen. In giftiger Grundhaltung wachen die Gesellschafter über Parität, Einfluss und Proporz. Kein Prozentpunkt darf bewegt, nichts ohne Zustimmung des anderen entschieden werden. Es wurde fintiert, attackiert, auch mit Adoption, Einheirat und Intrige gearbeitet, um den Status Quo zu erhalten - so, wie er seit 1948 noch friedlich vereinbart worden war, als der Sozialdemokrat Erich Brost und der Konservative Jakob Funke die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) gründeten. Die zwei Männer einigten sich auf ein stabiles Gleichgewicht. Doch das sensible Patt beschäftigt die Manager heute beinahe mehr als Internet, digitales Business und Anzeigenrückgang beim Gedruckten.

Dass nun Petra Grotkamp, 67, aus der Funke-Familie die Brost-Erben mit 500 Millionen Euro für den 50-prozentigen Brost-Anteil auszahlen und damit Mehrheitsgesellschafterin wird, ist angesichts der Familiengeschichte eine unglaubliche Wendung. Dass ein Brost an einen Funke verkauft, galt als undenkbar. An diesem Montagabend ließ Petra Grotkamp über ihren Rechtsanwalt verbreiten, dass "über die wesentlichen Bedingungen des Erwerbs (. . .) Einigkeit erzielt" worden sei. Der Zukauf steht noch unter Vorbehalt. Peter Heinemann, Sohn des früheren SPD-Bundespräsidenten Gustav Heinemann, ist bis 2015 Testamentsvollstrecker der drei Brost-Enkel und muss zustimmen.

Doch WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz skizzierte in einem leitartikelähnlichen Mitarbeiterrundbrief schon einmal die neue Konzernarchitektur: Die Brost-Enkel steigen aus, der Funke-Enkel steigt als Vertreter der nächsten Generation in den Gesellschafterkreis mit ein. Bodo Hombach, der Geschäftsführer der Brost-Seite, "ein kämpferisches Ruhrgebietskind", muss vermutlich gehen, weil es die alte "Simultan-Geschäftsführung" nicht mehr gebe. Und die Grotkamps verpflichten sich mit ihrem Vermögen auf die Zukunft des Medienhauses.

Am Schluss formuliert Reitz ein Satz, der so bezeichnend ist für das Klima im Unternehmen aus Essen, Friedrichstraße 34-38: "Die WAZ-Blätter haben tatsächlich andere Sorgen als ihre Ausrichtung." Das ist natürlich richtig. Der Konzern könnte flotter, zielorientierter und sicher auch effektiver geführt werden, sofern ihn die richtige Hand lenkt.

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