Trump in den Medien Macht und Meinung

46 Prozent der Amerikaner glauben, die Medien lügen über Trump.

(Foto: Bloomberg)

Das Verhältnis der US-Regierung zu den Medien ist zerrüttet. Dafür gibt es mehr als nur einen Grund - und die Entwicklung hat dramatische Folgen. Immer mehr Amerikaner glauben, dass die Presse Lügen über den Präsidenten verbreitet.

Von Claus Hulverscheidt

Es ist wahrlich eine Versuchung, diesem Mann eins zu verpassen, einen verbalen Seitenhieb nur, eine kleine Boshaftigkeit im Artikel oder Tweet. Oft hat man gar das Gefühl, Donald Trump bettle regelrecht um Häme oder Empörung. Wenn er etwa alternative Fakten bemüht. Wenn er sich mit fremden Federn schmückt. Wenn er sich zweideutig äußert, statt Menschheitsgeißeln wie Rassismus und Sexismus unmissverständlich zu verurteilen.

Ein Redakteur des US-Magazins Politico ließ sich jüngst wieder einmal in Versuchung führen. Statt einen Artikel über Trumps Faible für die Kohlebranche sachlich anzukündigen, schrieb er im Kurzmitteilungsdienst Twitter: "Warum ein Präsident, der sonst Probleme hat, bei der Sache zu bleiben, sich voll konzentriert einer schrumpfenden Industrie widmet." Dass Trump als einer gilt, dessen Aufmerksamkeitsspanne recht kurz ist, tat in diesem Zusammenhang eigentlich gar nichts zur Sache. Aber es schadet ja nicht, noch einmal an seine Flatterhaftigkeit zu erinnern.

Schadet nicht? Der aggressive Umgang des Präsidenten mit den Medien und deren teils reflexhafte Gegenwehr haben in den USA längst ein Klima geschaffen, in dem ein vermeintlich stabiler Eckpfeiler des Staatswesens plötzlich zu wanken beginnt: die Pressefreiheit. Da ist einerseits Trump, der weiten Teilen der Medien eine ausschließlich negative Berichterstattung über ihn vorwirft - ein Eindruck, der nicht ganz falsch ist: Nach einer Untersuchung des Instituts Pew Research zeichnen Zeitungen mit eher linksgerichteter oder politisch gemischter Leserschaft nur in einem von 20 Berichten ein positives Bild des Präsidenten, gut die Hälfte der Artikel ist dagegen Trump-kritisch. Und da sind andererseits die Redaktionen, die sich für den neutralen Überbringer der schlechten Botschaft halten: Aus ihrer Sicht spiegeln die Texte lediglich den erratischen, oft spaltenden, bisher weitgehend ergebnislosen Regierungsstil des Präsidenten wider.

Einen derart aufgeheizten Konflikt hat es lange nicht gegeben, was den Schluss nahelegt, dass tatsächlich Trump der Auslöser war und nicht eine plötzlich veränderte Arbeitsweise der Presse. "Trump bezeichnet Artikel, die ihn nicht so beschreiben, wie er sich selbst sieht, gern als unehrlich", sagt Margaret Sullivan, Kolumnistin der Washington Post. "Er verwechselt aber wohl unehrlich mit unangenehm." Allerdings ist auch die Presse nicht frei von Fehlern, vielmehr hat mancher Journalist den Konflikt mit dem Präsidenten durch Ungenauigkeiten, die Vermischung von Nachricht und Meinung und jene kleinen Boshaftigkeiten zumindest mitbefeuert.

Die Debatte ist jetzt so eskaliert, dass "Times"-Journalisten nicht mehr politisch twittern dürfen

Die Debatte über die vermeintliche Voreingenommenheit vieler US-Medien ist mittlerweile so weit eskaliert, dass sich die New York Times vor einigen Tagen genötigt sah, neue redaktionsinterne Richtlinien für die Nutzung sozialer Netzwerke herauszugeben: Mitarbeiter der vielleicht angesehensten Zeitung der Welt sollen bei Twitter, Facebook & Co. in Zukunft auf parteipolitische Privatmeinungen, die Unterstützung einzelner Kandidaten und alles andere verzichten, das dem Ruf des Blattes als fairer und neutraler Beobachter schaden könnte. "Wenn unsere Journalisten als parteiisch wahrgenommen werden oder in den sozialen Medien ihre Meinungen äußern, dann kann das die Glaubwürdigkeit der ganzen Redaktion untergraben", erklärte Chefredakteur Dean Baquet, der zuvor schon betont hatte, es gebe keine "Vendetta", keinen Rachefeldzug der Times gegen Trump.

Die Direktive ist eine Gratwanderung, denn selbstverständlich dürfen Journalisten als Bürger eine eigene politische Überzeugung haben - eine Überzeugung, die in den Kommentaren, die sie für ihre Publikationen verfassen, zwangsläufig durchscheinen muss. Anders als der Privatmensch, der seine Ansichten ohne jede Erläuterung verbreiten darf, muss der Journalist sein Urteil aber begründen. Er muss die Argumente der Gegenseite erwähnen, wägen und in seine Beurteilung einfließen lassen, will er nicht als parteiisch wahrgenommen werden. Auf 140 Zeichen, die etwa Twitter vorgibt, ist das kaum möglich.

Doch nicht nur einzelne Journalisten, auch die Medien insgesamt tun sich oft noch schwer, in der Berichterstattung über Trump den richtigen Ton zu treffen. Manche Häuser ziehen sich dadurch aus der Affäre, dass sie sich einfach auf eine der beiden Seiten schlagen: Der Fernsehsender Fox News und das Boulevardblatt New York Post etwa berichten ausgesprochen Trump-freundlich, andere wie der TV-Kanal MSNBC oder das Magazin New Yorker praktisch ausschließlich kritisch. Die Washington Post sieht sich gar in einen Kampf gegen das Böse verwickelt: "Democracy Dies in Darkness" - "Demokratie stirbt in der Dunkelheit", lautet ihr Slogan, der gewiss nicht zufällig nur wenige Wochen nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten präsentiert wurde.

Welche Schäden Trumps Dauerfeuer auf die Medien schon angerichtet hat, zeigt eine neue Politico-Umfrage. Danach glauben 46 Prozent der Amerikaner der Behauptung ihres Präsidenten, die Presse würde unvorteilhafte Artikel über ihn schlicht "erfinden". Selbst 20 Prozent der Anhänger der Demokraten teilen diese Ansicht. Immerhin: So weit wie Trump, der diese Woche die Idee eines Lizenzentzugs für missliebige TV-Sender ins Spiel gebracht hatte, wollen die meisten dann doch nicht gehen: "Nur" 28 Prozent der Befragten schlossen sich der Forderung an.

Rein praktisch gesehen ist die Drohung ohnehin kaum mehr als Schattenboxen, denn der Präsident hat gar keine Handhabe, die Zulassungsbehörde FCC zur Rücknahme einer Sendeerlaubnis zu zwingen. "Die FCC ist aus gutem Grund unabhängig", sagt Andrew Schwartzman von der Georgetown-Universität in Washington. Auch sei ein Lizenzentzug für einen Senderverbund wie NBC schon deshalb nicht möglich, weil nicht der Verbund lizenziert werde, sondern jeder einzelne Mitgliedssender. Dennoch sind Trumps Drohungen gefährlich, wie Washington-Post-Kolumnistin Sullivan betont: "Sie untergraben die Idee, dass die Pressefreiheit eine der kostbarsten Freiheiten ist, die wir haben."

Ein zentrales Problem der Medien ist, dass sie Attacken nicht gemeinsam kontern, sondern sich gegenseitig bekriegen. Die New York Post etwa wertete die neue Twitter-Direktive der Times als Beleg dafür, dass der deutlich größere Stadt-Konkurrent bisher parteiisch berichtet habe und dies auch in Zukunft tun wolle - nur nicht mehr ganz so offensichtlich. "Der Schleier ist gelüftet", schrieb Kommentatorin Karol Markowicz. Noch viel deutlicher wurde jüngst Matt Doyle, der Washingtoner Politikchef der rechtsgerichteten Seite Breitbart: Sein Ziel, so Doyle, sei nicht weniger als "die vollständige Zerstörung und Beseitigung der gesamten Mainstream-Medien".