Tageszeitungen Im siebten Monat

Die Tarifverhandlungen für 13 000 Redakteure ziehen sich auch in diesem Jahr hin - gibt es am Sonntag keine Einigung, drohen die Gewerkschaften mit unbefristeten Streiks.

Von Detlef Esslinger

Immer dieser grau unterlegte Hinweis auf Seite 1. Zum neunten Mal in diesem Jahr weist die Süddeutsche Zeitung an diesem Freitag darauf hin, dass in der Redaktion gestreikt wird. Sie bittet ihre Leser, also Kunden, "um Verständnis". Was ist da los, warum diese Zumutung?

Die Tarifverhandlungen für 13 000 Tageszeitungsredakteure ziehen sich auch in diesem Jahr wieder über Monate hin. Die erste Runde war bereits Ende Januar, vor der fünften im April sagte der Verhandlungsführer der Verleger, dies werde hoffentlich die letzte sein - und nun gehen sie am Sonntag, in Hamburg, in den siebten Monat. So lange dauert es bei den Tageszeitungen fast immer, in den meisten anderen Branchen hingegen fast nie.

Die Kontrahenten haben sich ineinander verhakt. Am Anfang dachten sie, diesmal könne es schneller gehen, außer Löhnen gab es ja nichts zu besprechen, keine Arbeitszeiten, keine Altersteilzeiten oder dergleichen. Die Gewerkschaften - Verdi und der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) - hielten ihre Forderung zudem für bescheiden: 4,5 Prozent mehr Geld wollten sie, weniger als in anderen Branchen; dort beginnen die Verhandlungen dieses Jahr meistens bei sechs Prozent. Dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) imponierte dies jedoch kaum. Die Konjunktur mag hervorragend laufen in der Metallindustrie, die Verleger jedoch präsentierten den Gewerkschaftern gleich zu Beginn Tabellen über sinkende Auflagen und Erlöse. Die womöglich besondere Lage der Zeitungsbranche ist der eine Grund, warum es so zäh ist.

Der zweite Grund: Die Zeitungsverleger sind gespalten - das behaupten nicht nur die Gewerkschafter, das wird auch in ihren Reihen kaum bestritten. Es gibt Verleger, die hätten längst einem Abschluss mit einem Plus von gut zwei Prozent pro Jahr zugestimmt. Damit hätten sie die Forderung der Gewerkschaften knapp zur Hälfte erfüllt; das hätten Letztere akzeptieren können. Es gibt aber auch Verleger, die wollten nicht einmal ein Prozent mehr zahlen. Damit hätten sie ihre Journalisten nicht nur besonders stark von der allgemeinen Lohnentwicklung abgeschnitten - im öffentlichen Dienst bekommen die Beschäftigten in den nächsten zweieinhalb Jahren 7,3 Prozent mehr Geld. Die Verleger hätten ihren Journalisten damit nicht einmal den Inflationsausgleich gezahlt. Für die Gewerkschafter ist manchmal schwer zu unterscheiden, wie viele Verlage wirklich arm dran sind, und wie viele sich nur armrechnen. Verlage müssen ihre Zahlen nicht offenlegen, aber wenn etwa bekannt wird, dass der Verlag der Koblenzer Rhein-Zeitung bei 104 Millionen Euro Umsatz einen Bruttogewinn von fast 14 Millionen macht, denken viele Gewerkschafter: Koblenz ist nun nicht die allerreichste Gegend im Land, wenn es dort noch eine solche Rendite gibt - wo liegt dann das Problem?

Dritter Grund: Die Unterhändler vertrauen einander nur in Maßen. Viele Gewerkschafter glauben, ihre Verhandlungspartner hätten vor allem die Aufgabe, sie hinzuhalten. Im Verlegerlager wiederum haben sie unter den Gewerkschaftern "Buchhalter-Typen" ausfindig gemacht, denen es am Wichtigsten fehle: Kreativität.

Eine kleine Einigung gibt es: dass man den Jungen mehr bieten muss, als den Etablierten

Es kommt nicht darauf an, was an diesen Einschätzungen richtig ist. Es kommt auf die Konsequenz an: dass es bis zur sechsten Runde, Anfang Juni, dauerte, bis echte Verhandlungen in Gang kamen - wohingegen die Tarifverhandlungen mit den Verlegern der Zeitschriften am Tag darauf abgeschlossen wurden, nach drei Runden. Dort gibt es nun 4,2 Prozent mehr Geld, auf zweieinhalb Jahre. Hier, bei den Zeitungen, verlangen Verdi und DJV jetzt kein Plus mehr von 4,5 Prozent auf ein Jahr. Für die meisten Redakteure würden ihnen zweimal 2,8 Prozent, auf zwei Jahre, reichen. Das Gegenangebot der Verleger: Für 32 Monate abschließen, also acht Monate länger, mit einem Plus von 1,7 Prozent für dieses Jahr sowie einer Einmalzahlung von 500 Euro - und 2019 ein weiteres Plus, um 2,2 Prozent. Georg Wallraf, Verhandlungsführer der Verleger, sagt: "Damit würden wir den Redakteuren für mehr als zweieinhalb Jahre den Status quo erhalten, den Besitzstand sichern." Den Gewerkschaftern ist das zu wenig. Sie ziehen den Vergleich mit anderen Branchen: "Wir wollen nicht von der allgemeinen Einkommensentwicklung abgekoppelt werden", sagt DJV-Verhandlungsführer Kajo Döhring.

Ein bisschen Einigung zwischen beiden Seiten gibt es aber mittlerweile auch: dass man den Jungen mehr bieten muss als den Etablierten. Die Branche sucht Nachwuchs. Aber wie viel mehr soll es sein? Die Gewerkschaften wollen, dass Volontäre dieses Jahr ein Plus von 100 Euro monatlich bekommen, und im nächsten dann weitere 2,8 Prozent; für die Redakteure im ersten Berufsjahr solle es jetzt monatlich 150 Euro mehr und dann die 2,8 Prozent geben.

Die Verleger hingegen wollen das Volontärsgehalt nur in diesem Jahr dauerhaft erhöhen, um 90 Euro monatlich. Darüber hinaus wollen sie nur zwei Einmalzahlungen gewähren, von jeweils 70 Euro. Den jungen Redakteuren wiederum bieten sie: jetzt 120 Euro monatlich mehr, außerdem 500 Euro Einmalzahlung, und nächstes Jahr 2,2 Prozent mehr. Eine Grundlage, um am Sonntag ein Ergebnis zu schaffen, endlich? Die Gewerkschaften haben sich in der vergangenen Woche per Urabstimmung bei ihren Mitgliedern das Mandat besorgt, zu unbefristeten Streiks aufzurufen. Verdi-Verhandlungsführer Matthias von Fintel sagt: "Gibt es keine Einigung, werden wir uns diese Urabstimmung sicher zunutze machen."