Streaming Chance vertan

2018 wurde Comedian Aziz Ansari übergriffiges Verhalten vorgeworfen.

(Foto: Evan Agostini/AP)

Der nach "Me too"-Vorwürfen umstrittene Comedian Aziz Ansari hat eine neue Show. Darin spricht er auch über die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen und erzählt von einem Abend, den er ganz anders erlebt hat, als die Frau, die ihn mit ihm verbracht hat.

Von Theresa Hein

Aziz Ansari steht eine Stunde auf einer Bühne, in einem Licht, das aussieht, als hätte man eine Kamera direkt auf die Sonne gerichtet, über die dann Blütenpollen fliegen. Das Bild, das der Zuschauer sieht, ist ein staubiges, warmes, die Stimmung ist wehmütig. Der Alleskönner Spike Jonze hat Ansari so in Szene gesetzt. Er führte Regie bei den Aufnahmen von Ansaris neuer Comedyshow Right Now.

Im Jahr 2018 wurde dem US-amerikanischen Comedian Aziz Ansari sexuell übergriffiges Verhalten vorgeworfen. Ansari habe eine Frau bei einem Date zu sexuellen Handlungen gedrängt und ihre "verbale und nonverbale" Ablehnung ignoriert. Die Frau, eine Fotografin aus Brooklyn, habe sich "missbraucht" gefühlt. Ansari entschuldigte sich bei ihr in einem SMS-Austausch und sagte, er habe ihre "Signale missverstanden".

Als der Fall im Januar 2018 bekannt wurde, war er nicht einfach "nur" ein weiterer Fall eines Prominenten, der im Zuge der "MeToo"-Bewegung angeklagt worden war. Er spaltete die feministische Bewegung: Die New-York-Times-Journalistin Bari Weiss sagte etwa, Ansari sei kein "Gedankenleser" und der Umgang mit seinem Fall banalisiere "Me Too", da Ansari zu keinem Zeitpunkt Macht über die Fotografin gehabt hätte. Auf der anderen Seite standen diejenigen, die sich sicher waren, hier liege ein klarer Machtmissbrauch und sexueller Übergriff vor.

Ansari äußerte sich nach dem Vorfall in einem öffentlichen Statement, in dem er schrieb, die sexuellen Kontakte seien "allen Anhaltspunkten nach" einvernehmlich gewesen.

Danach äußerte er sich nicht weiter öffentlich dazu. In Right Now geht er nun auf Konfrontationskurs - die Show ist da noch keine drei Minuten alt. "Ich habe auf dieser Tour schon darüber gesprochen", erzählt Ansari, "weil ich mir dachte, vielleicht sind einige neugierig zu hören, wie es mir damit geht." Wahrscheinlich hat er damit recht. Also?

Die Antwort sei schwierig, sagt Ansari. "Es gab Zeiten, da hatte ich Angst. Es gab Zeiten, da habe ich mich geschämt. Es gab Zeiten, da habe ich mich erniedrigt gefühlt." Aber letztlich habe er es "einfach nur furchtbar" gefunden, "dass diese Person sich so fühlen musste". Ansari betont noch, das Erlebnis habe ihn verändert und er hoffe, "es" sei ein Schritt nach vorn.

Danach folgen fünfundfünfzig Minuten intelligenter Comedy, in denen Aziz Ansari die Themen USA, Vietnamkrieg, Alzheimer, R. Kelly und Rassismus nicht einfach nur platt verhandelt. Immer wieder stellt er in Frage, wie Menschen im Jahr 2019 mit ihnen umgehen. Ansaris Witze werden nicht dadurch komisch, dass sie eine gewisse Haltung zu Dingen ausdrücken. Sondern weil sie sich darüber lustig machen, wie das, was eine Gesellschaft als "Haltung" begreift, erst entsteht. Zum Beispiel, wenn er beschreibt, wie angestrengt Weiße sich um den korrekten Umgang mit Minderheiten bemühen. Das sei immer ein wenig, als würden Sie bei "Candy Crush" Punkte sammeln und in Geheimtreffen stolz ihre Punkteskala vergleichen.

Eigentlich wäre Right Now amerikanische Comedy, wie sie pointierter nicht sein könnte. Gäbe es da nicht diese schwammigen ersten Minuten, in denen es so wichtig gewesen wäre, sich konkret zu den Missbrauchsvorwürfen äußern.

Ansari hätte dabei nicht jenen Abend nacherzählen müssen - der bleibt den beiden Menschen vorbehalten, die daran beteiligt waren. Aber er verpasst, bei allem Bemühen um "Haltung", die Gelegenheit anzusprechen, was das eigentlich heißt: "Zeichen deuten". Warum er sie "falsch" gedeutet hat, was sich ändern müsste. Und wie das eigentlich sein kann, dass zwei Menschen den gleichen Abend derart unterschiedlich erleben. Die Chance verpasst der Comedian, denn darüber zu sprechen hätte ihn angreifbar gemacht.

Das macht Ansari leider ein bisschen weniger glaubhaft, ein bisschen substanzloser. Und ein bisschen zu einem, der nur etwas vorspielt. Als sei er nur ein Nebencharakter in einem warmen Film von Spike Jonze.

Aziz Ansari: Right Now, auf Netflix.