Straßenmagazine Gegen die Obdachlosigkeit

Seit 25 Jahren ist das Hamburger Straßenmagazin "Hinz&Kunzt" erfolgreich. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Allerdings bringt nicht nur der beginnende Winter die Verkäuferinnen und Verkäufer in Bedrängnis.

Von Thomas Hahn

Drinnen gab es viel Lob für die warme Atmosphäre rund um das Projekt. Überhaupt war die Jubiläumsfeier zum Fünfundzwanzigsten in der Hamburger Markthalle sehr schön. 800 Gäste kamen zu Ehren des Straßenmagazins Hinz&Kunzt , darunter viele Obdachlose. Gustav Peter Wöhler und Band spielten. Aber draußen waren die Nächte kalt. Etwa eine Woche vor dem Fest war Joanna, eine Hinz&Kunzt-Verkäuferin, auf einer Parkbank in Niendorf erfroren, kurz darauf ein Mann auf einem Fabrikgelände in Harburg. Und am vorvergangenen Wochenende wurde am Michel die nächste leblose Frau gefunden.

Wenn sich Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt, richtig erinnert, gab es das noch nie: drei tote Obdachlose so früh im Winter. Er kann nur versuchen, das zu erklären: "Die Leute werden immer kränker, weil es immer länger dauert, bis sie eine dauerhafte Unterkunft finden." Ein trauriger Befund zum Geburtstag.

25 Jahre ist das her, dass in Hamburg der Hinz&Kunzt-Verkauf begann und sich damit der Trend zum Straßenmagazin in Deutschland fortsetzte. Wenige Wochen vor der ersten Hinz&Kunzt-Ausgabe am 6. November 1993 hatten Journalisten, Sozialarbeiter, Layouter, Kirchenleute und Obdachlose in München das Magazin BISS (Bürger in Sozialen Schwierigkeiten) herausgebracht. Ein Jahr zuvor war in Köln der Bank-Express in Druck gegangen, der heute unter dem Titel Draussenseiter erscheint. Es waren die bedrückenden Neunziger. Deutschland lag unter einer Frustglocke, die Wende-Euphorie war verflogen.

Im Osten hatten viele frühere DDR-Bürger ihre Jobs verloren und versuchten im Westen ihr Glück. Zuwanderer aus anderen Ost-Staaten kamen dazu, außerdem stieg die Zahl der Asylbewerber. "Die Folge war, dass 1992 in den Städten und Gemeinden der früheren Bundesrepublik 1,9 Millionen Wohnungen fehlten", schreibt der Hinz&Kunzt-Gründer Stephan Reimers in seinem Buch "Hamburger Mutmacher". Heute gibt es bundesweit etwa 50 Straßenmagazine. Reimers, 74, evangelischer Theologe, ein sanfter Mann mit freundlicher Entschlossenheit, war damals gerade Leiter des Diakonischen Werks in Hamburg geworden. Er weiß noch, wie er 1992 nach seinem ersten Arbeitstag durch Hamburgs Innenstadt nach Hause ging und sah, wie in praktisch jedem Hauseingang Obdachlose ihr Nachtlager vorbereiteten. "Ich war erschüttert." Dann stieß er auf eine Initiative in London. Das Magazin The Big Issue befasste sich nicht nur mit Themen von Obdachlosen, der Verkauf diente ihnen auch als Erwerbsquelle.

Aufrecht stehen, Ausweis tragen, nüchtern bleiben: Für die Verkäufer von Straßenmagazinen wie Hinz&Kunzt gibt es klare Regeln.

(Foto: imago/ epd)

Heute sind knapp zwanzig deutsche Magazine im internationalen Verband der Straßenzeitungen INSP organisiert, sie funktionieren alle ähnlich: Die Zeitung ist das Zentrum eines Selbsthilfeprojekts, bei dem sich Obdachlose aus eigener Kraft wieder in die Mitte der Gesellschaft bewegen.

Was soll man auf der Straße anbieten, wenn die Leute Geschichten lieber online lesen?

Sie kaufen die Ausgaben, verkaufen sie um den doppelten Preis und dürfen den Gewinn behalten - bei Hinz&Kunzt sind das 1,10 Euro pro Heft. Es gibt Regeln für die Verkäufer: Sie müssen ihren Verkäufer-Ausweis tragen, dürfen nicht betrunken sein, sollen die Zeitschrift im Stehen verkaufen. In Hamburg ist Hinz&Kunzt so zu einer Marke des Soziallebens geworden und die Verkäufer an ihren Stammplätzen auch zu gern gesehenen Nachbarn. "Daran ist uns gelegen: Dass unsere Verkäufer die Uniform der Obdachlosigkeit abnehmen können und andere plötzlich den Menschen erkennen", sagt Birgit Müller, Chefredakteurin und Gründungsmitglied von Hinz&Kunzt.

Sie sitzt mit Stephan Karrenbauer in der Hinz&Kunzt-Zentrale an der Altstädter Twiete, die versteckt zwischen den erhabenen Klinkerbauten des Kontorhausviertels liegt. Dem niedrigen Gebäude sieht man an, wer hier die Hauptpersonen sind. Hinter der Eingangstür liegt der Treffpunkt der Verkäufer, von denen die meisten obdachlos sind, eine Kaffeebar mit wenigen Tischen. Rechts geht es zu den Räumen von Sozialarbeiter Karrenbauer und seinem Team, links liegt die Redaktion, die Birgit Müller als Vollzeitkraft mit drei Teilzeit-Redakteuren besetzt. Birgit Müller und Stephan Karrenbauer sind zufrieden mit ihrer Arbeit. Spenden und die Einnahmen des Heftes geben ihnen die Freiheit, die sie brauchen, um sachlich, aber bestimmt die Interessen der Obdachlosen zu vertreten.

Die Grenzen zwischen Journalismus und tätiger Armutsbekämpfung sind dabei fließend. Hinz&Kunzt hat schon Fälle von Mietbetrug und Lohndumping aufgedeckt. Der direkte Draht zur Platte macht das Magazin zu einem Medium, das auch andere Zeitungen inspiriert. Gleichzeitig war es für viele Obdachlose ein Sprungbrett zurück in die Normalität, sie haben Arbeitsprojekte und ein eigenes Winternotprogramm mitgestaltet. Von den 38 Mitarbeitern bei Hinz&Kunzt sind 22 ehemalige Obdachlose. 530 Verkäufer sind im Einsatz. Die Anerkennung ist groß. Aber die Obdachlosigkeit bleibt.

Verkäuferversammlung bei Hinz&Kunzt in Hamburg: Die Teilnehmer kaufen die Hefte bei der Redaktion und können dann zum doppelten Preis verkaufen.

(Foto: imago/ epd)

Die drei Toten dieses jungen Winters sind ein Zeichen. Die Hansestadt boomt, die Mieten steigen, der Wohlstand verdrängt Normalmenschen an den Stadtrand und andere auf die Straße. Viele Menschen aus Ländern wie Rumänien oder Bulgarien müssen in Parks oder unter Brücken zelten. Birgit Müller erinnert sich noch an die Zeit, als sie Container als Unterkunft für Obdachlose unwürdig fand. "Heute wären wir dankbar für Container. Wir verteidigen schon den letzten trockenen Platz unter der Brücke oder der Parkgarage." Karrenbauer sagt: "Eigentlich gibt es jeden Tag einen Skandal: Nämlich, dass es immer noch so viele Obdachlose gibt."

Die monatlichen Hinz&Kunzt-Ausgaben sind Zeitzeugnisse dieser Entwicklung. Sie verschaffen denen eine Lobby, die keine haben. Sozialjournalismus könnte man das nennen, wirklich neutral ist Hinz&Kunzt jedenfalls nicht. Beschönigt das Magazin vielleicht sogar die Schicksale der Straßenmenschen? "Wir verbreiten keine Märchen, alle Geschichten sind recherchiert", sagt Birgit Müller. Respekt vor den Obdachlosen bedeutet nicht, ihnen immer alles zu glauben oder an Schwächen und Süchten vorbeizuschreiben. Die Geschichten sind hart, nicht alle gehen gut aus, und jene, die gut ausgehen, handeln oft auch von Entbehrung und Rückschlägen.

Auch das Hamburger Straßenmagazin selbst hat zu kämpfen. Längst sind die Zeiten vorbei, in denen 120 000 Ausgaben im Monat weggingen. Die aktuelle Auflage liegt bei 52000, und den Machern zufolge kaufen kaum junge Leute die Print-Ausgabe. Das Online-Angebot und soziale Medien sind auch deshalb wichtig für Hinz&Kunzt. Aber das gedruckte Heft muss stark bleiben, die Obdachlosen müssen schließlich etwas in der Hand haben, das sie verkaufen können. "Wir müssen überlegen, wie wir in die Zukunft gehen." Viel mehr sagt Birgit Müller dazu nicht. Ein Plan sei in Arbeit. Es ist zu kalt in der Stadt, als dass Hamburg auf sein Straßenmagazin verzichten könnte.