Porträt von Stephan Lamby:Der Chronist der Hinterzimmer

Wahl 2021 - Wege zur Macht

Szene aus "Wege zur Macht, Deutschlands Entscheidungsjahr": Olaf Scholz bei einer Schaltkonferenz des SPD-Präsidiums.

(Foto: SWR/ECO Media TV- Produktion)

Der Dokumentarfilmer Stephan Lamby ist so nah an der Bundespolitik dran wie kaum ein anderer Journalist - wie macht er das?

Von Lena Reuters

Wahlkampfshows und Podcasts, in denen die Kanzlerkandidaten und die Kanzlerkandidatin um Aufmerksamkeit buhlen, gibt es derzeit en masse. Doch kaum jemand aus den Medien kommt den Protagonisten der Bundespolitik wohl so nah wie Journalist Stephan Lamby in seinen zahlreichen TV-Dokumentationen. Wenn andere nach Presseterminen ihr Equipment einpacken und mit dem Videomaterial in die Redaktion fahren, hält er weiter drauf. Im Aufzug, im Auto, auf dem Flur der Parteizentrale oder hinter dem Schreibtisch sitzend im Büro entlockt er Amtsträgern so manche Aussage, die für Aufsehen sorgt, und macht mit seinen Filmen den Prozess hinter Machtkämpfen, Inszenierungen und Versagen sichtbar, wo oft erst das Ergebnis in der Tagesschau vorgetragen wird.

Für seinen neuen Dokumentarfilm hat er mehr als zehn Monate die Kamera auf die Personen gerichtet, die sich in diesem Jahr auf das Kanzleramt, oder wie Joschka Fischer es nannte "die Todeszone der Politik", bewerben: Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz. Auch im Dokumentarfilm Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr gibt es Momente und Zitate, die sogar für Informations-Junkies neu sein durften. Wie kommt es, dass der Fernsehjournalist mit dem genauen aufmerksamen Blick für Interviewpartner Zugang zu den mächtigsten Politikerinnen und Politikern des Landes hat wie kaum ein anderer?

Porträt von Stephan Lamby: Stephan Lamby.

Stephan Lamby.

(Foto: Knut Muhsik/ECO Media)

Der Bundespolitik war Lamby schon in seiner Kindheit sehr nah. Schließlich wurde er im Bonner Stadtteil Bad Godesberg geboren. Und wo arbeitete sein Vater? Im Bundeskanzleramt. Stephan Lamby erzählt, das erste Mal einen Bundeskanzler getroffen habe er womöglich Ende der Sechzigerjahre beim Krippenspiel, als sein Bruder Josef und er selbst Maria im Kanzleramt mimten, im Publikum saß auch der Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Zum Friseur ging es für den Bonner Jungen ins Parlamentsgebäude, wo sich auch die Abgeordneten die Haarpracht verschönern ließen. Während des verhassten Haarschnitts sah er Willy Brandt zum Plenarsaal laufen. So stellte sich schon damals der Eindruck ein, dass politische Entscheidungsträger nicht außer Reichweite sein müssen.

Letztendlich kommt Stephan Lamby aber erst über Umwege zum Politikjournalismus und Dokumentarfilm. Er studiert Deutsch und Englisch auf Lehramt, lebt eine ganze Weile in New York und verdient seinen Unterhalt, indem er über Jazzmusik schreibt. Er spielt Saxophon und ist bis heute selbst in einer Band. In Hamburg baut er die Radio-Station 107 mit auf und arbeitet als Redaktionsleiter des Fernsehmagazins der Zeit. Mit fast 40 Jahren gründet er seine TV-Produktionsfirma. Mit einem seiner ersten Dokumentarfilme, Schäubles Fall - Innenansichten einer Affäre, gelingt ihm als Politikjournalist ein Coup.

Als er die Doku über Schäuble dreht, gerät dieser immer tiefer in den Strudel der Parteispendenaffäre. Lamby dreht weiter

Es ist nicht irgendein Schäuble-Fernsehbeitrag. 1999 beginnt Lamby die Dreharbeiten mit - wie er zu diesem Zeitpunkt, ebenso wie die gesamte Bundesrepublik, wohl dachte - dem vermeintlich nächsten Kanzlerkandidaten der CDU/CSU, Wolfgang Schäuble. Doch Schäuble gerät immer mehr in den Strudel der Parteispendenaffäre um Altkanzler Helmut Kohl. Der desillusionierte Parteivorsitzende legt Anfang 2000 sein Amt nieder und muss damit seine politischen Ambitionen zurückstellen. Die Drehtermine hält er weiterhin ein. "Schäubles menschlich schwerste Phase war gewiss das Attentat, seine politisch schwerste Phase war der Bruch mit Helmut Kohl", sagt Lamby, "während dieses epischen Streits sind Michael Rutz und ich als Dokumentarfilmer an seiner Seite und drehen, drehen, drehen." Zeitgeschichte im alten 4:3-Fernsehformat und ein Zeugnis von Schäubles Wut.

Wer diesen Film sieht und meint, Helmut Kohl habe für den Filmemacher wohl nur ausufernde Kritik übrig gehabt, wird sich wundern. Denn ein paar Jahre später wird Stephan Lamby ein Porträt über den ehemaligen Kanzler drehen. Warum stimmt Kohl den Dreharbeiten zu? "Ich glaube, was viele Politikerinnen und Politiker spüren, ist, dass ich sie zwar kritisch, aber fair behandele", sagt Lamby. "Da geht es schon mal hart zur Sache, es kann unangenehm werden. Ein Gespräch wird aber nie zum Tribunal." Berufspolitiker seien froh, wenn sie mal drei, vier zusammenhängende Gedanken entwickeln können. Solche Situationen könne man natürlich eher herstellen, wenn man einen Film von 75 oder 90 Minuten macht, als wenn man bei der Tagesschau nur anderthalb Minuten zur Verfügung habe.

Wahl 2021 - Wege zur Macht

Mai 2021: Annalena Baerbock nach einer Fernsehsendung mit Olaf Scholz auf dem Dach des RBB in Berlin.

(Foto: SWR/ ECO Media TV- Produktion)

Der Faktor Zeit ist für den Filmemacher nicht nur beim Endprodukt von großer Bedeutung, sondern auch beim Dreh. Er trifft seine Protagonisten über Tage, Wochen, oftmals sogar Monate hinweg. "Ich führe meistens keine Interviews von fünf oder sechs Minuten. Wenn ich Filme über nur eine Person mache, dann sind das lange, intensive Gespräche", erklärt Lamby. Einblicke in die Machtverhältnisse innerhalb der CDU/CSU bietet in vielen von Lambys Filmen CSU-Politiker Horst Seehofer. Vor der Bundestagswahl 2017 spricht der Journalist mit ihm über sein Verhältnis zu Angela Merkel. Der Innenminister, der sich Merkels Flüchtlingspolitik vehement entgegenstellt, beschreibt ihren Verhandlungsstil als hart und erbittert und lacht laut auf, nein, zu Handgreiflichkeiten sei es noch nicht gekommen. Seine Ironie kann die Ernsthaftigkeit der Situation nicht verbergen.

Es ist nicht das einzige Mal, dass der aufmerksame Zuhörer Lamby einen solchen Moment einfängt. Der Dokumentarfilmer ist aufmerksam und gibt sich nicht schnell zufrieden. Olaf Scholz stellt er in seinem aktuellen Film mehrfach die gleiche Ja-/Nein-Frage, ob er einen zurückgezogenen Wahlspot der SPD, der einzelne CDU/CSU-Politiker wegen ihrer politischen Ansichten und Eignung angeht, vorab gesehen habe. Scholz aber lässt jedes Nachhaken mit Worthülsen an sich abprallen.

An Kanzlerin Angela Merkel aber kommt auch der erfahrene Politikjournalist Lamby trotz mehrerer Interviews nicht richtig ran

Zu jeder Interviewsequenz hat er das passende Gegenstück. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner erläutert in Labyrinth der Macht - Protokoll einer Regierungsbildung aus dem Jahr 2018, jedes Zugeständnis in den Koalitionsverhandlungen sei von anderen Parteien nach außen getragen worden. Szenenwechsel, Innenminister Horst Seehofer sitzt vor einem Jesu-Kreuz und entgegnet, Lindner habe immer wieder Unterlagen abfotografiert und an Journalisten geschickt. Gelungen sind auch die Gegenschnitte von Armin Laschet und Markus Söder in Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr, die den peinlichen Hahnenkampf in der CDU/CSU aus diesem Jahr vorführt. Mit Nahaufnahmen richtet Stephan Lamby den Blick der Zuschauer auf Mimik und Gestik der Protagonisten und fängt Unsicherheit, Ablehnung oder auch Vehemenz ein.

Das heißt nicht, dass immer alle mitmachen. An Kanzlerin Angela Merkel kommt auch der erfahrene Politikjournalist Lamby trotz mehrerer Interviews nicht richtig ran. "Ich habe gerne - und das hat überhaupt nichts mit meiner parteipolitischen Präferenz zu tun - Politikerinnen und Politiker interviewt, die ein Grundvertrauen meiner Arbeit gegenüber haben und eine gewisse Souveränität", sagt Lamby. Wolfgang Schäuble, Horst Seehofer, Peer Steinbrück oder Robert Habeck hätten Interesse gezeigt, im Gespräch gefordert zu werden und nicht die blassen, zigmal gegengelesenen Printzitate wiederzugeben. Die Interviews mit Angela Merkel hingegen seien immer kürzer und unergiebiger geworden.

Es ist kein Zufall, dass sämtliche seiner Filme auf Youtube zu finden sind, Lamby sucht den Austausch mit den Zuschauern. "Ich freue mich, wenn über die Filme diskutiert, von mir aus auch gestritten wird. Mir reicht es nicht, wenn ich am nächsten Morgen die Einschaltquote erfahre." Den Austausch in sozialen Medien empfindet er als ausgesprochen spannende Entwicklung. Er sehe sehr wohl die Risiken, aber auch die Möglichkeit der Teilhabe am öffentlichen Diskurs für Menschen, die sonst kein Gehör finden.

Zu besprechen gebe es eigentlich viel: Die Klimakrise als epochale Herausforderung, Corona, Digitalisierung - mit dem Bewusstsein um die enormen Problemlagen sei man gestartet, um dann über Monate hinweg über zu spät gemeldete Bonuszahlungen, Plagiate oder ein ungemessenes Lachen zu diskutieren. "Ich bin von diesem Wahlkampf und der Wahlkampfführung sehr enttäuscht", sagt Lamby. "Er wurde zum Wahlkampf der vergebenen Chancen." Manches wird wohl auch dann nicht überzeugender, wenn man ganz dicht dran ist. Wege der Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr erzählt kurz vor der Bundestagswahl womöglich nichts über Baerbock, Laschet und Scholz, das den Eindruck der vergangenen Monate verändern wird, aber Stephan Lamby gelingt es erneut, den Blick auf den Wahlkampf und die Personen dahinter zu schärfen.

Wege der Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr, 20.09.2021, Das Erste, 20.15 Uhr

© SZ/hy
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