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Sportberichtertattung:Live vom Bildschirm

Life Radio Tirol erweckte den Eindruck, der Reporter berichte aus dem Stadion. Dabei saß er im Studio. Wie viel Fake ist erlaubt?

"Und der Rainer ist jetzt auch schon in Graz, im Merkur-Stadion", sagt die Moderatorin von Fußball Live bei Life Radio, dann hört man im Tiroler Privatradiosender Life Radio Tirol klassische Stadiongeräusche, es wird gesungen, gejohlt - und Rainer Dierkes meldet sich. Er habe schon "Herzklopfen", sagt er, "es ist wieder einmal ein ganz, ganz wichtiges Spiel." Wie sich herausstellen wird, ist die Partie der WSG Wattens bei Sturm Graz tatsächlich ein ganz, ganz wichtiges Spiel: Für Life Radio Tirol, für die Fußballsendung und für Rainer Dierkes selbst.

Denn während der 66-jährige Kommentator berichtet, sitzt er nicht etwa in der Merkur-Arena in Graz, sondern steht im Studio von Life Radio Tirol vor dem Fernseher. Die Stadiongeräusche kommen ebenfalls nicht aus Graz, sondern werden vom Band eingespielt, es ist eine gefakte Liveberichterstattung. Der Vorteil im Radio wäre normalerweise, dass es ja niemand merkt - und lange Zeit war das auch der Fall. An diesem 25. August 2019 jedoch wird die Radiosendung per Webcam live im Internet übertragen. Dort sieht man also im Bild, wie Dierkes vor dem Bild des Fernsehsenders Sky steht, kommentiert und sogar noch von der beeindruckenden Zuschauerkulisse berichtet, so als wäre er vor Ort.

Eine Tiroler Enthüllungsplattform hat diese Hörertäuschung zuerst aufgedeckt, im September berichtete dietiwag.org vom Fake bei Life Radio Tirol, das dazugehörige Video findet sich mittlerweile bei Youtube. Die Geschichte machte in österreichischen Sportjournalistenkreisen schnell die Runde, auch weil sie nicht von irgendjemandem handelt: Rainer Dierkes ist eine Art lebende Legende. Fast vier Jahrzehnte lang kommentierte der Reporter Sportevents aus Tirol im Radio für den ORF, immer mit seinem Markenzeichen, einer Wollkappe, und bei Fußballreportagen aus dem Innsbrucker Tivolistadion meistens eingeleitet mit der österreichweit bekannten Phrase "Achtung, Achtung! Hier ist das Tivoli Stadion!" 2008 beendete Dierkes seine Radiokarriere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ein Jahr später begann er bei Life Radio Tirol zu kommentieren und wird dort immer wieder als "die Legende Rainer Dierkes" vorgestellt, so auch am 25. August.

Sprechen möchte der Kommentator selbst nicht, eine Anfrage der SZ wird von Life-Radio-Tirol-Geschäftsführer Gerald Pirchl allerdings schriftlich beantwortet. "Alle Heimspiele kommentiert Rainer Dierkes vor Ort aus dem Stadion. Bei Auswärtsspielen kommen seine Expertisen aus dem Studio", heißt es darin von Seiten des Radiosenders. Alle Werbepartner seien über diesen Vorgang auch informiert. Nur die Zuhörer eben nicht - das jedoch scheint nicht an erster Stelle zu stehen.

Die weitere Mitteilung liest sich aller-dings eher befremdlich: So solle zum Bei-spiel "nicht der Eindruck entstehen, vor Ort im Stadion zu sein". Tatsächlich? Warum in der Sendung dann allerdings gesagt wird, Dierkes sei in der Arena, bleibt unerklärt. Der Sender redet sich anderweitig heraus: Die Stammmoderatorin Sabrina Peer sei ausgefallen, ihr Ersatz sei "nicht ausreichend gebrieft" gewesen.

Auf die Frage, wie lange diese Form von fingierten Reportagen bereits im Radio laufen würde, antwortet der Geschäftsführer, die Mitarbeiter hätten bereits "seit sieben Jahren die Anweisung, nicht den Anschein zu erwecken, der Kommentator sei auch bei Auswärtsspielen im Stadion". Mittlerweile habe man bei den Übertragungen - immerhin - den ausdrücklichen Hinweis eingeführt, dass sich die Moderatoren im Studio befinden. Auf eine Entschuldigung bei den Hörerinnen und Hörern, eine öffentliche Mitteilung auf der Website oder in einer Sendung verzichtete Life Radio Tirol allerdings - dabei wäre eine Richtigstellung in diesem Fall durchaus angebracht gewesen. Doch der Radiosender orientiert sich in gewisser Weise an der Branche.

Dass Radio- und auch Fernsehsender vor allem im Sportjournalismus mittlerweile häufig auf Reportagen von vor Ort verzichten, ist gängige Praxis und ob der weitverbreiteten Sparmaßnahmen sogar nachvollziehbar. Die wenigsten Sender geben ihren Zuschauerinnen und Zuhörern allerdings den klaren Hinweis, dass der Kommentator nicht live dabei ist, sondern vom Fernseher aus kommentiert. Durch geschickte Wortwahl wird vielerorts hingegen versucht, ein Vor-Ort-Gefühl zu suggerieren. Eine fragwürdige Entwicklung, denn die Einführung einer Art Ortsmarke würde im Handumdrehen für wesentlich mehr Transparenz sorgen.

Life Radio Tirol teilt unterdessen mit, das Sendungskonzept werde beibehalten - und personelle Konsequenzen habe der Fall auch nicht gehabt. Auch von Seiten des Fernsehsenders Sky gibt es für die Radioanstalt gute Nachrichten: Angesprochen auf eventuelle Probleme mit der Zweitverwertung der Bilder, sagt Michael Huebner, Head of Communications bei Sky Österreich lediglich: "Wir sind aktuell dabei, die exakte rechtliche Situation zu prüfen." Bislang sind Rainer Dierkes Geschichten aus dem Studio ein erstaunlich folgenloser Fall einer gefakten Radiosendung.