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Russland:Voll dicht

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko soll angeblich sturzbetrunken geflogen sein, das berichten russische Medien. Stimmt aber gar nicht. Wie eine angebliche WDR-Story eine interessante Karriere machte.

Von Julian Hans

Die russische Propaganda hat offenbar eine neue Methode entdeckt, um ihren Geschichten Glaubwürdigkeit zu verschaffen: Sie leiht sie sich von westlichen Korrespondenten. Der Sender TV Zentr, der mehrheitlich im Besitz der Stadt Moskau ist, berichtete vor einigen Tagen von einem vermeintlich skandalösen Vorfall: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko habe stark betrunken in Kiew eine Linienmaschine nach Moskau bestiegen. Sicherheitskräfte hätten das Staatsoberhaupt von Bord der Maschine begleiten müssen. Der aber habe ständig wiederholt, er müsse mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin sprechen.

Als Quelle für diese haarsträubende Geschichte führte TV Zentr Christina Nagel an, bis vor zwei Jahren Leiterin des Moskauer ARD-Hörfunkstudios. Die Reporterin habe im Nachrichtensender WDR 5 live gesagt, "zuverlässige Quellen im ukrainischen Geheimdienst" hätten ihr von dem Zwischenfall berichtet. Am meisten überraschte diese Meldung Nagel selbst. Alles, was daran wahr sei, sei dass es Petro Poroschenko und sie selbst in Wirklichkeit gibt, sagte Nagel dem Deutschlandfunk. Alles andere sei "erstunken und erlogen".

Das Märchen vom betrunkenen Poroschenko mit erhöhtem Gesprächsbedarf erschien auch in anderen russischen Medien. Russische Journalisten haben das Seemannsgarn inzwischen bis zu seinem Ursprung zurückverfolgt. Erstmals tauchte die Geschichte demnach in einem Blog auf, das von der inzwischen berühmt-berüchtigten Trollfabrik in Petersburg betrieben wird. Deren Angestellte werden dafür bezahlt, Lobeshymnen über den Kreml in sozialen Netzwerken zu verbreiten.

Gut möglich, dass sich die Erfinder der Geschichte Nagel ganz gezielt ausgesucht haben. Die Berichte von Radio-Reportern können nicht in öffentlich zugänglichen Archiven gefunden und nachgehört werden. Zudem wirkt sie als ehemalige Korrespondentin für das Berichtsgebiet kompetent und gut informiert. Ihr Sender jedenfalls will den Vorfall nicht einfach übergehen. WDR-Intendant Tom Buhrow werde sich schriftlich beim russischen Botschafter beschweren, hieß es.

© SZ vom 05.10.2015

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