Reporter ohne Grenzen Ein Zeichen für die Pressefreiheit

Warum Tageszeitungen gerade ihre Schriftarten ändern. Ein Gespräch über unterdrückte Medienhäuser.

Interview von Carolin Werthmann

Allein 2018 wurden weltweit mehr als 150 Journalisten verhaftet und über 140 Medienorganisationen, darunter viele Tageszeitungen, zensiert oder komplett geschlossen. Um die Öffentlichkeit für das Thema Pressefreiheit zu sensibilisieren, initiierte das Netzwerk "Reporter ohne Grenzen" das Projekt "Fonts for Freedom": Deutsche Zeitungen veröffentlichen einzelne Seiten einmalig in der Schrift eines betroffenen Blattes; auch die Süddeutsche Zeitung beteiligt sich in ihrer gedruckten Ausgabe. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer von "Reporter ohne Grenzen", Christian Mihr.

In der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung sind die Überschriften der Medienseite vom Freitag in der Schriftart der türkischen Tageszeitung Taraf gehalten; das Blatt wurde auf Druck der Regierung Erdoğan eingestellt. So sieht der Titel dieses Interviews in der Taraf-Type aus. In der Digitalausgabe ist diese Gestaltung aus technischen Gründen nicht möglich. Hier können Sie sich die gedruckte Medienseite ansehen.

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SZ: Herr Mihr, was ist die Idee hinter der Aktion "Fonts for Freedom"?

Christian Mihr: Wir versuchen immer wieder, Situationen und Entwicklungen abseits der abstrakten Zahlen darzustellen, die über inhaftierte Journalistinnen und Journalisten oder Medien unter Druck existieren. Eine Idee, die im Gespräch mit der Agentur Serviceplan aufkam, war, dass wir die Schriften von geschlossenen Medien aus ganz verschiedenen Teilen der Welt rekonstruieren und damit ein Zeichen für die Pressefreiheit setzen wollen.

Sie haben die Aktion auch anlässlich des Staatsbesuchs des türkischen Präsidenten Erdoğan Ende September gestartet und während seiner Anwesenheit in Berlin mobile Plakate mit den Schriftzügen produzieren und aufstellen lassen.

Wir wollten die deutsche Öffentlichkeit daran erinnern, wer da kommt. Denn Erdoğan ist aus Sicht von "Reporter ohne Grenzen" ein Feind der Pressefreiheit, als solchen haben wir ihn schon vor zwei Jahren auf unsere Liste gesetzt. Aber wir wollten auch bewusst ein Zeichen in der Türkei setzen.

Wie reagierte die Türkei darauf?

Türkische Medien haben über die Aktion berichtet, die Tageszeitungen Cumhuriyet und Hürriyet schrieben darüber, zum Teil auf ihren Titelseiten. Selbst die Zeitung Sabah, ein regierungsnahes Medium, hat sich mit der Kampagne beschäftigt. Kritisch zwar, aber auch dadurch wurde sie zum Thema. Von Kolleginnen und Kollegen aus der Türkei habe ich unmittelbare Rückmeldungen bekommen, die sich für die Solidarität bedankten. Die große Sorge von Journalisten in der Türkei ist nämlich, dass nach der Freilassung von Deniz Yücel und Meşale Tolu international vergessen werden könnte, was in der Türkei passiert. "Fonts for Freedom" ist ein Symbol dafür, dass wir weiter hinschauen.

Die Welt und die taz haben diese Solidarität bereits in einer ihrer Ausgaben zum Ausdruck gebracht. Zeigen auch internationale Medien Interesse an der Initiative?

Forciert haben wir das bislang nicht, weil unser unmittelbarer Anlass zunächst der Erdoğan-Besuch war. Aber ich will nicht ausschließen, dass sich größere Kreise ziehen. Es soll schließlich ein dauerhaftes Projekt sein und keine einmalige Kampagne.

Die rekonstruierten Schrifttypen stammen nicht nur von türkischen Zeitungen. Auch Medien aus Aserbaidschan, Kambodscha, Tansania sind von Zensur betroffen. Wonach entscheidet ein Unterstützer Ihrer Kampagne, welche Schrift für welchen Zweck er oder sie wählt?

Ob man die Schriftarten von Taraf oder Özgür Gündem nutzt, weil man eine linksliberale Linie unterstützt, bleibt der eigenen Interpretation überlassen. Wichtig ist zu wissen, dass "Reporter ohne Grenzen" nicht bestimmte Inhalte verteidigt, weder linke noch rechte. Uns geht es darum, Pressefreiheit als ein Menschenrecht zu verteidigen.

Christian Mihr ist Journalist, Menschenrechtsaktivist, Experte für internationale Medienpolitik und seit 2012 Geschäftsführer von „Reporter ohne Grenzen“. Er lehrt als Dozent in der journalistischen Weiterbildung im In- und Ausland.

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Die SZ nutzt das Schriftbild der Zeitung Taraf. Welche Geschichte verbirgt sich hinter diesem Namen?

Taraf ist eine liberale Zeitung in der Türkei gewesen, auch liberal gegenüber dem, was die AKP gemacht hat, die Partei von Erdoğan. Bis zu seinem Amtsantritt als Staatschef stand die AKP ja durchaus für eine Öffnung und Liberalisierung in vielen Bereichen der Türkei. Das hat leider eine tragische Entwicklung genommen. Verboten wurde Taraf dann wenige Wochen nach dem Putschversuch Ende Juli 2016, weil ihr Verbindungen zur Gülen-Bewegung unterstellt wurden, was im Prinzip nicht belegbar ist. Wie in den allermeisten Fällen.

Was passierte mit der Belegschaft nach dem Verbot?

Der Chefredakteur Ahmet Altan wurde im Frühjahr dieses Jahres zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihm wurde aufgrund seiner publizistischen Tätigkeit als Chefredakteur Beteiligung an dem Putschversuch unterstellt. Das ist ein tragischer Fall, weil Altan 68 Jahre alt ist und weil lebenslange Haft ein Urteil von unfassbarer Brutalität ist.

Kann man sich an der Aktion für die Pressefreiheit denn auch als Privatperson beteiligen?

Auf der Webseite zum Projekt bieten wir die rekonstruierten Schriften an, die sich jeder herunterladen und für seine Textverarbeitung nutzen oder auf sozialen Medien teilen kann.

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