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Prozess um Besitzer der Telegraph Media Group:In den besten Familien

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Frederick und David Barclay vor fast 20 Jahren nach ihrem Ritterschlag durch Queen Elizabeth II. Sie seien gut gelaunt, sagten sie damals dem Daily Telegraph. Jetzt streiten sie – auch um die Zukunft dieser Zeitung.

(Foto: Michael Stephens/AFP)

Die 85 Jahre alten Zwillinge Frederick und David Barclay streiten in London vor Gericht: Es geht um das Hotel Ritz, Abhörvorwürfe und eine Villa mit 60 Zimmern. Was das für ihre Zeitung "Daily Telegraph" bedeutet.

Von Alexander Mühlauer

Auf dem Mortlake Friedhof in London steht ein Grabstein aus schwarzem Granit. "In liebevoller Erinnerung an unseren Vater Frederick Hugh Barclay", heißt es darauf in goldenen Lettern. Der Handelsreisende verstarb im Jahr 1947, seine Zwillingssöhne Sir Frederick und Sir David zählen heute zu den reichsten Unternehmern Großbritanniens. Zusammen kauften sie einst das Londoner Luxushotel Ritz und jenen einflussreichen Verlag, der die Zeitung Daily Telegraph und das Magazin Spectator herausgibt. Man könnte meinen, dass die beiden auch den Grabstein für ihren Vater gemeinsam ausgesucht haben. Doch unter der Widmung finden sich nur die Namen von Sir David und einem weiteren Bruder. Den von Sir Frederick sucht man vergebens.

Und so steht das Grab sinnbildlich für ein Zerwürfnis, das die Familie Barclay zu zerreißen droht. Der Financial Times zufolge habe der Grabstein, den Sir David einfach so aufstellen ließ, nicht wenige Angehörige "tief verletzt". Früher, so schreibt die Zeitung, wäre ein solch schmerzhafter Vorfall Privatsache der verschwiegenen Milliardärsbrüder geblieben. Doch zwischen den Barclay Brothers steht längst nicht nur der Streit über den Grabstein ihres Vaters. Die Zwillinge, 85 Jahre alt, liefern sich derzeit eine Fehde, über die sich die Londoner Gesellschaft genüsslich das Maul zerreißt. Anfangs ging es um verletzte Eitelkeiten und um die Frage, was aus ihrem Imperium einmal werden soll. Doch seit Sir Frederick seinen Bruder und dessen Kinder bezichtigt, ihn und seine Tochter Amanda abgehört zu haben, ist nichts mehr, wie es einst war.

In der britischen Presse ist von einer Tragödie die Rede, wie sie sich Shakespeare nicht besser hätte ausdenken können. Auf der einen Seite ist da Sir Frederick, der sich mit seiner Tochter immer mal wieder in einem privaten Rückzugsraum im Ritz Hotel traf, um bei einer Zigarre über vertrauliche Dinge zu sprechen. Auf der anderen Seite ist da Sir David, dessen Sohn Alistair dort eine Wanze installiert haben soll, um die Gespräche mitzuhören.

Sir Frederick soll von dem Lauschangriff Mitte Januar erfahren haben und stellte kurzerhand Anzeige gegen seinen Neffen. Der soll dem Gericht geheime Aufzeichnungen übergeben haben, die er offenbar über drei Monate mitgeschnitten hatte. Dazu noch Transkripte und den Chatverlauf einer Whatsapp-Gruppe, in der Alistair anscheinend Material mit seinen Geschwistern Aidan und Howard teilte. Auch sie sind nun angeklagt. Dem Richter des Londoner High Courts zufolge handelt es sich bei den geheimen Aufzeichnungen um eine Fülle von vertraulichen Informationen über die Geschäfte der Familie Barclay. Dem Vernehmen nach soll Sir Frederick die durchaus berechtigte Sorge umtreiben, dass die aufgezeichneten Zigarrenzimmer-Gespräche gegen ihn und seine Tochter verwendet werden könnten. Es geht schließlich um sehr viel Geld.

Das Pro-Brexit-Blatt muss weg, findet ein Teil der Familie - und sieht es als Verlustgeschäft

Das Vermögen der beiden Zwillingsbrüder wird auf etwa drei Milliarden Pfund geschätzt. Zurzeit wird ein Käufer für das Ritz gesucht, das über 100 Jahre alte Hotel zwischen Green Park und Piccadilly Circus. Für das geschichtsträchtige Haus, in dem sich Winston Churchill, Dwight Eisenhower und Charles de Gaulle während des Zweiten Weltkriegs zu Treffen verabredeten, wollten die Barclays eigentlich um die 750 Millionen Pfund bekommen. Doch nun droht Sir Frederick damit, andere Familienmitglieder zu verklagen, sollten sie bereit sein, das Hotel unter einer Milliarde Pfund zu verkaufen.

Ob er das wirklich tun würde, ist völlig offen. Fest steht nur, dass Sir Frederick nur noch begrenzten Einfluss auf die Familiengeschäfte hat. Denn wie sein Zwillingsbruder ist er nicht mehr als Begünstigter des Barclay Family Trusts eingetragen. Dieser gehört Sir Fredericks Tochter zu 25 Prozent; den Rest teilen sich die drei Kinder von Sir David. Das Trio kann also jegliche Entscheidungen blockieren.

Auch über die Zukunft der Telegraph Media Group gibt es offenbar vollkommen unterschiedliche Ansichten. Das Medienhaus befindet sich seit 2004 im Besitz der Barclays. Die Zwillingsbrüder bezahlten beim Kauf 665 Millionen Pfund. Ein Teil der Familie sieht in den Publikationen des Verlags noch immer ein vorzügliches Instrument der politischen Einflussnahme, das man nicht so einfach aus der Hand geben will. Insbesondere die Zeitung Daily Telegraph, bei der Boris Johnson einst als Journalist arbeitete, gilt als Hauszeitung des Premierministers.

Im Gegensatz dazu sehen einige jüngere Familienmitglieder in dem Pro-Brexit-Blatt vor allem ein Verlustgeschäft, das es schnellstmöglich loszuwerden gilt wegen mauer Werbeeinnahmen und sinkender Verkaufszahlen. Ende 2019 hatte die Auflage im Vergleich zum Vorjahr zwölf Prozent eingebüßt und lag noch bei 318 000 Exemplaren.

Ungewiss ist auch die Zukunft eines Herrenhauses auf der Kanalinsel Brecqhou, das mit seinen 60 Zimmern einen Großteil der Barclay Familie beherbergen könnte - wäre da nur nicht der Streit. Die Zwillingsbrüder kauften die Insel 1993, doch Sir Frederick soll seit Jahren nicht mehr dort gewesen sein. Laut Guardian soll er in den vergangenen Jahren zumindest zeitweise in Monaco gewohnt haben. Auf die Frage, ob er im Steuerexil lebe, entgegnete Sir Frederick einst, dass er aus gesundheitlichen Gründen im Ausland lebe. Offenbar hat ihm an der Côte d'Azur aber nicht nur das Klima besser gefallen als am Ärmelkanal, sondern auch die ein oder andere steuerliche Vergünstigung. Künftig dürfte er allerdings wieder mehr Zeit in London verbringen. Die britische Hauptstadt ist nun Schauplatz eines Familienzwists, in dem er und sein Bruder die Hauptrollen spielen.

© SZ vom 09.03.2020
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