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Pressefreheit:"Was sie sagen, das tun wir"

Der Internetkonzern Alibaba kauft die traditionsreiche "South China Morning Post", die wichtigste Zeitung Hongkongs. Für die Pressefreiheit bedeutet das eine gewaltige Zäsur.

Die South China Morning Post ist eine Hongkonger Institution. Oder muss man sagen: war? Als sie das erste Mal erschien, am 6. November 1903, da hatte China noch einen Kaiser. Die beiden Gründer, der britische Reporter Arthur Cunningham und der republikanisch gesinnte Aktivist Tse Tsan-tai, ein Australier chinesischer Abstammung, hatten einen Traum: Sie wollten eine "moderne Zeitung" machen, die über Hongkong hinweg auch nach China ausstrahlte. Eine Zeitung vor allem, die die Diplomaten alter Prägung von ihrem Sockel stoßen sollte: "Zyniker sagen, der Botschafter werde ins Ausland geschickt, um für das Wohl seines Landes zu lügen", hieß es in dem Leitartikel der Zeitung am ersten Tag ihres Erscheinens: "Die Zeitung aber wird ins Ausland geschickt, um für das Wohl der Menschheit die Wahrheit zu berichten."

Jetzt ist die South China Morning Post (SCMP) verkauft worden. An eine chinesische Firma. Genauer: An den Internetkonzern Alibaba. Den im Moment profitabelsten E-Commerce-Konzern der Welt, dessen Chef Jack Ma weltweit mittlerweile eines der bekanntesten chinesischen Gesichter ist. Für umgerechnet 266 Millionen US-Dollar, was die Firma mit einem Jahresumsatz von zwölf Milliarden US-Dollar aus der Portokasse bezahlen dürfte. Und wenn man die Worte der neuen Besitzer richtig versteht, dann soll das Blatt in Zukunft mindestens so sehr Botschafter sein wie Zeitung. Botschafter Chinas in der Welt. Was das für die Wahrheit bedeutet? Das wird man herausfinden. Auf jeden Fall ist der Kauf eine Zäsur. Es ist eine Zäsur für die Pressefreiheit in Hongkong, denn ein Besitzer mit besten Beziehungen zur KP in Peking, so fürchten Kritiker, das kann nicht ohne Einfluss auf die Berichterstattung sein. Und die ersten Erklärungen der neuen Chefs scheinen sie zu bestätigen.

Der Kauf markiert gleichzeitig einen wichtigen Schritt in dem immer drängender werdenden Bemühen der chinesischen Führung, "Chinas Stimme in die Welt zu tragen", wie es Partei- und Staatschef Xi Jinping verlangte. China, sagte Xi, müsse seine "internationale Diskursmacht" vergrößern. Peking stellt dafür viel Geld bereit, Staatsmedien wie CCTV und China Radio International expandieren ins Ausland, oft wird Einfluss bei westlichen Medien, Stiftungen und Thinktanks auch verdeckt gekauft. Alibaba-Manager und ihre Berater erklärten nun gleich nach dem Kauf, die SCMP solle in Zukunft ein Gegengewicht zur "ideologisierten und voreingenommenen" Berichterstattung der westlichen Medien über China werden (so Eric X. Li, ein bekannter Shanghaier Investment-Manager und KP-freundlicher Autor, der Alibaba bei dem Kauf beriet). Zu dem Zweck will Alibaba der Zeitung mit der im Moment eher bescheidenen Auflage von knapp 100 000 helfen, eine "globale Leserschaft" zu finden: "Egal ob in New York, London oder Sydney", erklärte Alibaba-Vizechef Joseph Tsai im Interview mit seiner neuen Zeitung: Wer auch immer sich für China interessiere, solle nicht mehr an der SCMP vorbeikommen. Als erstes wird dafür die Online-Paywall abgeschafft.

In China wird kein Unternehmen groß ohne die Nähe zur Kommunistischen Partei

Die SCMP war immer weit mehr als ein Hongkonger Lokalblatt. Sie war zu ihren besten Zeiten das Leitmedium zu China, ein Fenster hinein in die Volksrepublik, auch dann, wenn das Land sich wie unter Mao Zedong abgeschlossen und isoliert hatte. Egal ob während der Hungersnöte des Großen Sprungs nach vorne oder während des grausamen Chaos der Kulturrevolution: Oft war die SCMP für westliche Beobachter die beste Quelle für das Geschehen innerhalb Chinas. Auch später lieferte die Zeitung regelmäßig Scoops über politische Intrigen und Skandale im Land, und hörte auch nach der Rückkehr Hongkongs nach China 1997 nicht auf, regelmäßig über Menschenrechtsverletzungen zu berichten. Der zwischenzeitliche Inhaber Rupert Murdoch hatte die Zeitung da schon wieder verkauft, an den chinesischstämmigen Geschäftsmann Robert Kuok aus Malaysia. Kuok hatte vielfältige Geschäftsinteressen in China, unter ihm begann der allmähliche journalistische Niedergang des Blattes. Kuoks Chefredakteure drängten angesehene kritische Reporter wie Jasper Becker oder Kommentatoren wie Willy Lam aus dem Blatt, eine Entwicklung, die anhielt bis zuletzt unter dem aus China stammenden Chefredakteur Wang Xiangwei. Die SCMP blieb zwar trotz zunehmender Peking-Treue auf der Kommentarseite weiterhin Pflichtlektüre für China-Beobachter, zuletzt allerdings wechselten sich auf zunehmend erratische Art und Weise anbiedernde Kommentierung mit großartigen journalistischen Leistungen - wie etwa der Live-Berichterstattung zur Occupy-Hongkong-Bewegung 2014 - ab.

Die Befürchtung ist, dass das Blatt nun endgültig auf Linie getrimmt wird. Alibaba ist eine private Firma, aber in China wird kein Unternehmen groß ohne die Nähe zur Kommunistischen Partei. Gründer Jack Ma leistet sich durchaus eigene Meinungen, er kritisiert Pekings Politik bisweilen, wenn es um Themen wie Gesundheit, Bildung, Umwelt oder Bankwesen ging. Gleichzeitig weiß er, wann Loyalität zur KP angebracht ist: "Wir schaffen Werte für unsere Aktionäre, und die Aktionäre wollen nicht, dass wir uns gegen die Regierung stellen und bankrott gehen", sagte er einmal. Deshalb gelte: "Was sie sagen, das tun wir." Bei einer Technologiekonferenz im vergangenen Jahr sagte er: "Die Regierung will nicht, dass du ihr Liebeserklärungen machst. Sie will sichergehen, dass du ihre Probleme lösen kannst."

Muss man den SCMP-Kauf also auch in diesem Licht sehen? "Jack Ma hat enge Beziehungen zur Regierung", sagt Ex-SCMP-Mann Willy Lam, der heute an der Chinesischen Universität von Hongkong lehrt. "Nach seiner Übernahme wird er sicher keine Artikel mehr sehen wollen, die in ihren Augen bloßstellend oder anstößig sind." Alibabas Vize-Chef Joseph Tsai erklärte derweil, die SCMP solle in Zukunft "objektiv, ausgewogen und fair" berichten. Alibaba wünsche sich deshalb eine ausgewogenere Berichterstattung über China, weil man als international operierendes chinesisches Unternehmen unter vielen "Missverständnissen" leide, sagte Tsai der New York Times. Letztlich deckten sich die Interessen Pekings mit denen Alibabas: "Was gut ist für China, ist auch gut für Alibaba."