Presse: Burda in Offenburg Der rätselhafte Erfolg der "Freizeit-Revue"

Die Welt der Presse, wie Franz Burda sie sah: Vor 40 Jahren brachte er die "Freizeit-Revue" unter die Deutschen - sie wurde mit Schicksalen und Rätseln zum geheimen Rendite-König.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Der badische Drucker Franz Burda hatte drei erfolgreiche Geschäftsideen. Die erste sah vor, dass die eigenen Druckmaschinen am besten mit eigenen Zeitschriften auszulasten seien, weshalb er in den zwanziger Jahren Radio-Zeitungen ersann. Die zweite drückte sich im Mantra aus, alles bitte groß farbig zu bringen, was in den fünfziger Jahren noch revolutionär anmutete.

Freizeit Revue

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Und schließlich fiel dem "Senator" ein, einfach bunte Artikel mit vielen Kreuzworträtseln zu verbinden.

Das war 1970, und es entstand ein Blatt, das nie die Chance hat, beim Nannen-Preis oder Wächter-Preis oder irgendeiner Dekorationsveranstaltung des gehobenen Journalismus eine Rolle zu spielen. Die Freizeit-Revue ist eines der unbemerkten Objekte, die Woche für Woche Kasse machen und an denen alle Betrachtungen über die Medienkrise zerplatzen wie Seifenblasen.

Weil der Senator vor genau 40 Jahren seine Erfindung an die Kioske brachte, versammelte sich die Burda-Welt an diesem Mittwoch im heimischen Offenburg: Hubert Burda, 70, der verlegerische Erbe, und seine Folgschaft aus Kaufleuten, Journalisten und Druckern.

Wer weiß denn schon, dass dieses Schattenpflänzchen Freizeit-Revue seit Jahren in der verlagseigenen Hitliste der Gewinnbringer hinter Bunte an Platz zwei liegt? Möge die Medienwelt auch über das Auf und Ab bei Focus räsonieren, über die Wiedergeburt Ciceros in der Bürostadt Arabella-Park, das Blatt aus Offenburg hält sich an Max Weber und die "normative Kraft des Faktischen".

Der Erfolg dieser Freizeit-Revue sagt mehr über deutsche Befindlichkeiten aus als manche Soziologen-Analyse oder Trend-Umfrage. Das Schicksal ist hier unentwegt präsent, mit allen Gefahren und Bösartigkeiten, aber auch die Hoffnung und am liebsten natürlich, das ist Verlegers Auftrag, die Rettung durch Liebe.

Die Investigativ-Abteilung der Offenburger breitet beispielsweise den "erbitterten Rosenkrieg" zwischen Christine Kaufmann und ihrem Mann aus, widmet sich der Liebe von Jean-Paul Belmondo zu einem Callgirl sowie den Depressionen von Karin Dor und fragt über Dagmar Berghoff: "Schock! Was ist mit ihrem Gesicht passiert?"

Es gibt also nichts, was es nicht gibt, auch ein "Exklusiv-Interview" mit Angelina Jolie, das Vanity Fair entnommen ist. Natürlich wird enthüllt, wie Schwedens König Carl Gustaf den Schwiegersohn Daniel vor der Heirat mit Kronprinzesschen Victoria zum "knallharten Ehevertrag" zwang. Autorennamen erscheinen konsequenterweise nicht. Der erzählerische Teil wird ergänzt durch viel Nutzwert ("Mogel-Dessous für eine schlanke Linie") und eben ganz viele Rätsel.

Mit dieser Mischung schafft die wöchentliche Freizeit-Revue (Heftpreis: 1,50 Euro) mehr als 960.000 Exemplare Auflage. Das läppert sich über das Jahr, Milliönchen für Milliönchen.

Und so reist Hubert Burda gerne von seinem Lebensmittelpunkt München aus in seine alte Heimat Offenburg, dort, wo er früher einmal die Bunte machte. Zu jener Zeit tröstete er sich und seine jungen Epigonen über den genius loci mit einem großen Bild hinweg, auf dem ein Spruch stand: "Offenburg ist California."

Nur hier kann Freizeit-Revue entstehen, das am meisten unterschätzte Blatt Deutschlands.