Ortsbegehung Rundes Land

Wurde ein armer Bauer hier einst Russe gerufen? War das Land so karg? Egal, so ein Ort muss natürlich zur WM ins Fernsehen.

(Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa)

Während der Fußball-WM sendet das ARD-Morgenmagazin tatsächlich aus "Rußland". Und daneben liegt "Amerika". Besuch in einem Dorf, in dem man mit dem Traktor in der ganzen Welt rumkommt

Von Peter Burghardt

An der Kreuzung fängt Rußland an", sagt der Landwirt Focko Diekmann, und der muss es wissen. Er ist vor knapp 60 Jahren hier in Rußland geboren, er ist sozusagen Ruße, was ausgesprochen wird wie "Russe". Er führt seinen Hof am Rußlandweg, den man kaum verfehlen kann, sobald man Rußland gefunden hat. An seiner Einfahrt steht derzeit eine fröhliche Vogelscheuche aus Strohballen im schwarz-weißen Deutschland-Trikot, mit deutscher und russischer Fahne, als sehr lange Nase dient eine Art Vuvuzela.

Bis zum ersten WM-Spiel der DFB-Elf wurde die Figur nachts beleuchtet. Seit der Niederlage gegen Mexiko bleibt sie nach Sonnenuntergang fürs erste dunkel, in einem anderen Garten weiter hängt eine schwarzrotgoldene Flagge auf Halbmast. Die russischen Banner dagegen, nicht ganz so häufig wie deutsche Fähnchen hier, aber doch zahlreich an Türen, Wänden und Zäunen drapiert: stolz bisher.

Rußland also. Klinkerhäuser, Fahnen, Hecken, Wiesen, Wälder und ein namenloser See. Das grüne Dorfschild findet sich an der genannten Rußlandstraße, nur ein paar Schritte von Focko Diekmann entfernt. Davor wacht eine ausgewachsene Matrjoschka mit Kopftuch und Ball, entworfen von örtlichen Künstlern. Rußland wie auch Amerika, dazu später, gehören zu Friedeburg in Ostfriesland. Die Ortschaft hat alles in allem 10 000 Einwohner, liegt in der Nähe von Wilhelmshaven und war bisher eventuell nicht jedem bekannt. Fernsehende Frühaufsteher kennen sie jetzt, weil während des Turniers in Russland einige Tage lang das ARD-Morgenmagazin aus Rußland in Friedeburg berichtet.

Das Erste macht sich damit erneut um die Heimatkunde verdient, wie es sich für eine öffentlich-rechtliche Anstalt gehört. Während der WM in Brasilien 2014 sendete das Moma nach einer ähnlichen Recherche standesgemäß aus Brasilien in Schleswig-Holstein, das sich samt allerlei Strandkörben an die Ostsee schmiegt, gleich neben Kalifornien. 2018 haben ARD und ZDF ihr Basislager nun in der auch irgendwie russisch geprägten Kurmetropole Baden-Baden eingerichtet, Partnerstadt von Sotschi. Das dortige SWR-Studio erschien den brüderlichen Rivalen praktischer als teure Aufbauten in Moskau. Und für ihr Programm gleich nach Sonnenaufgang trafen die Fahnder der ARD im weiten, rätselhaften Bundesgebiet auf Rußland.

Eines Tages erreichte den Bürgermeister Helfried Goetz in Friedeburg die Anfrage aus dem Funkhaus. Der WDR stelle sich Rußland als Kulisse vor. Goetz war erstaunt, sagte aber natürlich zu. Die ARD, ein Millionenpublikum, wer schlägt so was aus? Die touristische Auffälligkeit seiner stillen Gemeinde bestand bereits darin, dass es eben ein Viertel namens Rußland gibt und eines namens Amerika. Friedeburg gehört zu den wenigen Gegenden der Welt, wo man in wenigen Minuten von Rußland nach Amerika wandern oder radeln kann. Und sogar mehr oder weniger schauen. Friedeburg veranstaltet auch jedes Jahr einen Wettkampf im Fischerstechen zwischen Rußen und Amerikanern, es geht selbstverständlich um die Ehre, die Bilanz gilt als ausgeglichen.

Das mit Rußland und Amerika ist nicht mal ein PR-Gag, sondern historische Tatsache. Friedeburgs Amerika mit seinen etwa 50 Amerikanern wurde mutmaßlich von Menschen gegründet, die es anders als die Auswanderer der Umgebung nicht in die richtigen USA geschafft hatten. Zu Rußland wiederum, derzeit ungefähr 250 Rußen, sind mehrere Legenden im Umlauf: Ein armer Bauer sei hier einst "Russe" gerufen worden oder der Boden so karg gewesen, wie man sich Russland möglicherweise vorstellte. Vielleicht kam das Rußland aber auch von einem Köhler oder von einem Rossherrn von der längst geschleiften Burg von Friedeburg, wer weiß das schon.

Wie dem auch sei, das ostfriesische Rußland wird nun jedenfalls bekannt. "Ja, wir sind jetzt berühmt", sagt der Landwirt Focko Diekmann mit sehr friesisch unaufgeregtem Tonfall. Selbst das russische Fernsehen wollte vorbeikommen, hat dann aber abgesagt. War schon mal jemand aus Rußland in Russland? Diekmann überlegt. Nee. "Doch, mein Vater. Im Krieg."

Focko Diekmann trägt Gummistiefel im Nieselregen und kommt mit dem Traktor vom Feld. Das Morgenmagazin? "Keine Zeit für, da müssen wir arbeiten." Als einer der beiden letzten Bauern von Rußland hat Focko Diekmann 60 Kühe zu versorgen. Auch wenn er bald nicht mehr mag, bei dem lächerlichen Milchpreis.

Fragt man die Arbeiter an einer Baustelle neben dem Moma-Wegweiser im Industriegebiet von Rußland, dann schütteln sie den Kopf. Rußland? "Polen!", erwidert einer, sie kommen aus Polen. "Spielen die Polen eigentlich mit?", erkundigt sich gegenüber in einer Werkstatt ein großer Mann mit Bart, der einen etwas skeptisch empfängt, weil er erst meint, man habe es auf seinen alten Mercedes abgesehen. Andere Bürger waren hinten im Wald dabei, als das Moma vor den ersten beiden WM-Partien loslegte, unter anderem mit den Moderatoren Okka Gundel und Yared Dibaba sowie dessen Band Die Schlickrutscher, dem Eishockeyprofi Christian Ehrhoff und dem parteilosen Bürgermeister Goetz. Zu hören war auch, dass die einheimischen Landfrauen Russischen Zupfkuchen backen und die "Friedeburger Jungs", offenbar ein Shanty-Chor, "Kalinka" singen.

Vom 25. bis 29. Juni und vom 9. bis 13. Juli zwischen 5.30 und 9 Uhr geht's in alter Frische weiter mit der ARD in Rußland, Ostfriesland. Die WDR-Zeltstadt mit Container und Liegestühlen steht bei dem See ohne Namen, der Campingplatz drüben heißt Schwarzes Meer. In der Nähe gibt es auch Siedlungen namens Türkei und Neu-England, für die WM 2026 bietet sich Amerika an. Oder Kalifornien. Wer Weltmeister wird? Russland? Doch Deutschland? "Egal", sagt Focko Diekmann und schlurft davon, er muss Kühe melken.