Online-Magazin "Krautreporter":Passiv und wahnsinnig zurückhaltend

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Im Neuköllner Hinterhofbüro öffnet Herausgeber Esser auf seinem Laptop die Beta-Seite und sagt, kein bisschen feierlich, sehr nüchtern: "Das ist Krautreporter, im Moment." Erster Eindruck: Die Website sieht aus wie in einem Feng-Shui-Kurs gestaltet. "Komplett passiv und wahnsinnig zurückhaltend" nennt sie Esser. Nichts blinkt, nichts poppt auf, keine Werbung, viel Weißraum, sparsame Akzente in Rot, die Artikel stehen in chronologischer Ordnung untereinander, links kann man eine Übersicht einblenden, sortierbar nach Artikel und Autoren, und rechts eine mit Anmerkungen zum Artikel - von Autoren wie Lesern. Die Seite ist so ungewohnt, App-ähnlich schlicht, dass Esser befürchtet, "dass die Leute enttäuscht sein könnten".

Zum Vergleich und um sein Unbehagen am gängigen Onlinejournalismus zu illustrieren, geht Esser nun auf Spiegel Online und pickt sich einen Artikel über Kim-Kardashian raus, "Der Promi-Schreck ist wieder da". Der Teaser soll mit dem letzten Satz "Der Übeltäter ist ein alter Bekannter" zum Weiterklicken verleiten. "Die Leute spüren, dass sie benutzt werden", meint Esser. "Man kommt sich vor wie ein Fisch, dem immer neue Würmchen vorgeworfen geworden." Die Inhalte würden durch Klickzahlen- und Suchmaschinen-Optimierung marginalisiert. "Dadurch, dass wir nur unseren Mitgliedern gegenüber verantwortlich sind, fällt das bei Krautreporter weg", sagt Esser. "Der Zuspitzung, Verkürzung und Verflachung im Onlinejournalismus halten wir Zeit für Journalismus entgegen." Als "Frustprojekt" jedoch möchte er Krautreporter nicht missverstanden wissen.

Auch vom Begriff Magazin grenzt Esser Krautreporter ab. Stattdessen sei man "ein Zusammenschluss von Leuten, die Journalismus ermöglichen möchten". Auch "als Startseite für einzelne Autoren" ließe sich Krautreporter begreifen. Wegen eines einzelnen Autors - auch wenn der Stefan Niggemeier heißt oder Jens Weinreich - dürfte aber wohl kaum jemand Mitglied werden, und mit Lesern alleine ist Krautreporter nicht gedient. Esser betont die Neuartigkeit des Angebots und läuft damit Gefahr, dass die Idee dahinter für viele allzu abstrakt bleibt. Krautreporter aber kann nur ein Erfolg werden, wenn auch die Eltern und Großeltern der Digital Natives für sich einen Nutzen darin erkennen.

Drei bis vier Texte täglich

Am Dienstag, kurz vor Ende der Beta-Phase, präsentiert sich Krautreporter inhaltlich als eklektische Mischung von Hintergrundgeschichten: ein Text über "Edeka und das Märchen vom Tante-Emma-Laden", die Analyse "Geht die NATO wieder in den Abschreckungsmodus über?", ein Interview mit einem dänischen "Krankenpfleger im Ebola-Einsatz" und ein Porträt von Mike Drechsel, der "kein zweiter Ballack wurde". Die 13 bisher veröffentlichten Beiträge - drei bis vier sollen künftig täglich folgen - sind solide recherchiert und sorgfältig bearbeitet, könnten aber größtenteils auch in anderen Medien stehen.

Dass darunter teilweise schon etablierte Formate sind wie Tilo Jungs "Jung und Naiv"-Interviews oder Christoph Kochs "Medienmenü"-Fragebogen, erhöht die (gefühlte) Exklusivität nicht gerade - auch wenn Koch seine Rubrik künftig nur noch bei Krautreporter veröffentlicht, genau wie Jung seine Interviews.

Herausgeber Esser ist offen für Kooperationen. Mit der taz teilt man sich Reporterin Astrid Geisler, außerdem arbeitet man bislang mit dem Schweizer Magazin Reportagen, der Onlineplattform Weeklys und dem Webradio detektor.fm zusammen. Bei aller Durchlässigkeit gilt es jedoch immer, die Eigenständigkeit zu wahren: In einer Mitgliederbefragung hätten sich 80 Prozent von 5000 Teilnehmern gewünscht, "dass Krautreporter eine Alternative zu etablierten Medien ist", sagt Esser, "also auch inhaltlich etwas anderes bietet."

Die Aufgabe, die nun vor Esser und seinem Team liegt, ist es herauszufinden, was genau die Mitglieder von Krautreporter darunter verstehen.

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