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Offensive:Spätfolgen

Daniel Bröckerhoff

Keine Sorge, er filmt "Heute+" nicht selbst: Moderator Daniel Bröckerhoff.

(Foto: Rico Rossival)

Das ZDF ersetzt "Heute Nacht" durch "Heute+". Das neue Format soll die TV-Nachrichten modernisieren, ohne aufgesetzt jung daherzukommen. Es gibt zwei Sendungen - erst online, dann im Fernsehen.

Von Hans Hoff

Claus Kleber ist ein arroganter Schnösel. Gottgleich schreitet der Heute-Journal-Moderator die Gänge der ZDF-Nachrichtenredaktion ab, umschwänzelt von einem Lakaienrudel. Zwei seiner Adlaten sind eigens abgestellt, die von Kleber bereits ergatterten Fernsehpreis-Trophäen als Lorbeerkranzsurrogat neben seinen Kopf zu halten. Von der Kleber-Entourage brutal zur Seite gedrückt wird ein junger Mann mit Bart. Kleber bemerkt ihn, stoppt kurz und widmet ihm von oben herab einen Moment seiner Aufmerksamkeit. "Junger Mann", sagt er gönnerhaft. "Das wird schon."

Später steht Kleber in der Regie und fragt, wer denn der bärtige junge Mann sei, der da gerade mit offenem Hemdkragen eine Sendung namens Heute+ moderiere. "Das sind die coolen Neuen", heißt es, und Kleber wundert sich: "Ohne Krawatte und ohne Tisch?"

Es ist als eine Art Ritterschlag für Daniel Bröckerhoff zu werten, dass ihn der Platzhirsch der "Heute"-Gruppe beim ZDF nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern sich für ihn in einem Werbeclip freiwillig zum Vollhorst macht. Dass sie es sogar mit lustig versuchen, belegt sehr deutlich, wie ernst sie in Mainz diesen Wandel nehmen.

Heute Nacht ist Geschichte, von diesem Montag an heißt es rund um Mitternacht Heute+. Das Pluszeichen steht für alles, was sie sich vom neuen Format wünschen: Echtzeitjournalismus mit Haltung soll Heute+ sein, crossmediale Vernetzung vorantreiben und kein Nachrichten-Hochamt zelebrieren. Wenn sie Großes wollen in Mainz, haben sie es offenbar nicht kleiner.

"Es wird ein sehr klares, seriöses Nachrichtenangebot sein, das den Zuschauer ernst nimmt", sagt Elmar Theveßen. Dem stellvertretenden Chefredakteur des ZDF ist Heute+ sehr offensichtlich eine Herzensangelegenheit. Wenn man mit Theveßen spricht, scheint es nicht nur darum zu gehen, jüngere Zuschauer zurückzuholen, es wirkt vielmehr wie der Einstieg in eine kleine Revolution. Heute+ sollten sich daher alle anschauen, die im ZDF mit Nachrichten zu tun haben. "Das kann auch ausstrahlen auf andere Sendungen", sagt Theveßen.

Dass Veränderung bitter Not tut, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Gerade mal 760 000 Zuschauer erreichte das Vorgängermodell Heute Nacht im Schnitt von Januar bis April. Das sind zwar 170 000 Zuschauer mehr als beim ARD-Nachtmagazin, für ein öffentlich-rechtliches Unternehmen mit der Kernkompetenz Nachrichten aber zu wenig. Besonders drastisch erscheint die Lage, wenn man die private Konkurrenz mit in den Blick nimmt. So erreicht RTL mit seinem Nachtjournal 1,28 Millionen Zuschauer, mehr als das Doppelte vom Nachtmagazin.

Noch drastischer fällt der Vergleich aus, wenn man sich eine jüngere Zielgruppe anschaut. So schauten bis Ende April durchschnittlich 190 000 Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren Heute Nacht. Das sind zwar 30 000 Zuschauer mehr als in der Bilanz der ARD, aber kein Vergleich mit den 610 000 Unterfünfzigjährigen, die RTL beim Nachtjournal begrüßen kann.

Natürlich profitiert das private Newsangebot aus Köln deutlich vom festen Sendeplatz um Mitternacht. Von verlässlicher Terminierung sind die Öffentlich-Rechtlichen weit entfernt. Mal beginnen ihre Formate vor Mitternacht, meist danach. Wollte man Programmplanern mal das Prinzip eines systemischen Fehlers deutlich machen, gäbe es hier genügend Studienstoff.

Dem eingebauten Programmierfehler versuchen sie in Mainz nun auszuweichen, indem sie Heute+ gleich zweimal produzieren. Einmal pünktlich um 23 Uhr live in der Mediathek und dann noch einmal zur ausgewiesenen Zeit live im Hauptprogramm. Das Spiel als doppeltes Nachrichtenlottchen sehen die Heute+-Macher als Vorteil. "Die Sendung um 23 Uhr wird mehr interaktive Elemente enthalten", verspricht Theveßen. Es soll kommuniziert werden über alle Kanäle der sozialen Medien. "Wir diskutieren im Netz und tragen die Ergebnisse dann ins Fernsehen", sagt Theveßen und verspricht, dass die Einbindung weit über das hinausgehen soll, was ansonsten bei ähnlichen Versuchen trauriger Standard ist. "Das Vorlesen von Social-Media-Meldungen ist nicht zielführend", sagt er.

Die Netzausgabe kann sich bei Bedarf also gravierend von der im Hauptprogramm unterscheiden. Wichtig sei es, Themen auch mal gegen den Strich zu bürsten. "Wir hinterfragen zum Beispiel, ob ein Ereignis wirklich eines ist", verspricht Theveßen. Dabei könne durchaus die Erkenntnis keimen, dass ein Thema, über das in Heute oder im Heute-Journal groß berichtet wurde, eigentlich keines ist. "Das kann passieren", sagt Theveßen. "Dass das nicht allen gefällt, ist zu erwarten."

Natürlich stehen die jüngeren Zuschauer im Fokus. "Wir richten uns an 20- bis 40-Jährige, aber gerne auch an alle darüber", sagt Theveßen und verspricht, das Ranwanzen an die Zielgruppe anderen zu überlassen. "Nichts ist schlimmer, als aufgesetzt jung daherzukommen."

Damit genau das nicht passiert, setzt Theveßen auf die Gelassenheit, die ein Moderator wie Daniel Bröckerhoff ausstrahlt, und die auch seine Kollegin Eva-Maria Lemke auszeichnet, mit der er im wöchentlichen Wechsel moderiert.

Acht Köpfe zählt das Redaktionsteam von Heute+. Besondere Zuständigkeitsbereiche gibt es für die Social-Media-Einbindung und die Grafik. Dabei sollen vor allem jene Fehler vermieden werden, die ein paar Check-Formate der ARD unerträglich machen. Dort lässt die Regie gerne Zahlen durchs Bild tanzen, nicht weil es sinnvoll ist, sondern weil sie es kann. "Wir wollen auf keinen Fall, dass der Effekt wichtiger ist als der Inhalt", sagt Theveßen.

Am Ende des eingangs erwähnten Videoclips ist Claus Kleber übrigens noch mal zu sehen. Dass die coolen Neuen ohne Krawatte auskommen - geschenkt. Dass sie aber auch ohne Tisch auskommen, das wurmt ihn offenbar sehr. Also sieht man ihn wie einen Berserker an seinem Moderationspult sägen. Sein mit gewohnt Kleber-kryptisch anmutenden Kürzeln versehener Twittereintrag dazu sagt den Rest: "Peinlichstes Video m. Karriere 30min draußen u ich noch nicht entlassen. s'thing's cool @zdf."

Heute+, ZDF, 23.50 Uhr und schon ab 23 Uhr in der ZDF-Mediathek oder unter heute.de.

© SZ vom 18.05.2015
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