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Öffentlich-rechtliche Sender:Der Sprengmeister

Peter Boudgoust

"Vielleicht hätte ich manches schneller machen müssen", sagt Peter Boudgoust im Rückblick. Im Jahr 2006 wurde er Intendant des SWR, der Sender galt damals als überdimensioniert und verstaubt. Denkewitz

(Foto: Monika Maier/SWR)

Peter Boudgoust hat als Intendant den SWR reformiert und verschlankt - und er hat der ARD ein Jugendangebot verschafft. Anfang September hört er nach 13 Jahren auf. Ein Treffen zum Abschied.

Peter Boudgoust empfängt ohne Sakko und Krawatte, die Ärmel des weißen Hemdes hochgekrempelt. Der Intendant des Südwestrundfunks sitzt am Besprechungstisch seines Eckbüros im elften Stock des Stuttgarter Funkhauses, maximal entspannt. Er hat einen weiten Ausblick über das Stadtzentrum und die Weinberge hinweg, und es ist einer seiner letzten Tage im Amt. Im Dezember wird Boudgoust 65 Jahre alt, Ende August hört er nach 13 Jahren als Intendant auf. Seine Bilanz?

"Es waren bewegte Jahre mit wirklich harten Perioden und Episoden."

Als Boudgoust anfing, lästerte Günther Oettinger, im SWR würde zu viel gekocht und gesungen

Er spricht über Fehler und Erfolge, über den weiteren Reformbedarf in der zweitgrößten ARD-Anstalt, über das von Kritikern geforderte Ende der öffentlich-rechtlichen Idee und über seine persönlichen Pläne für den Ruhestand. Das aber schonmal vorweg: Boudgoust hat den SWR umgebaut. Nicht komplett, aber kräftig. Und er hinterlässt Spuren, die weit über die Grenzen des Sendegebiets Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz hinausgehen. Er hat ein spezielles Internet-Jugendangebot ins Leben gerufen, "Funk" richtet sich auf mehreren Online-Plattformen bundesweit die 14- bis 29-Jährigen. Es ist eine der wichtigsten der nicht gerade zahlreichen Verbindungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zum jungen Publikum. Boudgoust selbst spielt seine Rolle in der Sache gern herunter. "Zu behaupten, ich habe das ganze System gerettet, das wäre mir zu vollmundig", sagt er. Ein echter Boudgoust: freundliches Understatement, leicht verklausuliert.

Peter Boudgoust gilt als bescheidener, charmanter Moderator, der nicht nur sendet, sondern auch zuhört. Er wurde als "wandelnder Vermittlungsausschuss" bezeichnet, aber auch als Dickbrettbohrer. Weil er die verkrusteten Strukturen der Zwei-Länder-Anstalt SWR aufzubrechen versuchte, nannten sie ihn "Sprengmeister". Das passt, auch weil Sprengmeister in der Regel besonnen vorgehen.

Boudgoust agierte mit ruhiger Hand, ohne Ärger aus dem Weg zu gehen. Manche haben ihm wegen seiner diplomatischen Art fehlende Durchsetzungskraft unterstellt. Aber es gab und gibt Manager und Intendanten, die mehr Brimborium um sich machen und weniger erreichen. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann lobt den scheidenden CDU-Mann, weil dieser auch das fusionierte Senderungetüm aus SWF und SDR zum Laufen gebracht habe: "Diese gewaltige kulturelle Anstrengung und Verwaltungsaufgabe hat er mit Bravour gemeistert."

Peter Boudgoust ist Jurist und hat sich durch die baden-württembergische Verwaltung hochgearbeitet. Vom Main-Tauber-Kreis (als Sozialdezernent) über das Regierungspräsidium Stuttgart (Pressesprecher) und das Staatsministerium (Abteilungsleiter) kam er als Justiziar und Finanzdirektor zum Süddeutschen Rundfunk. Als 1998 der SDR mit dem Südwestfunk zum SWR fusionierte, wurde Boudgoust Verwaltungsdirektor. Ende 2006 folgte dann die Wahl zum Intendanten, damals galt der SWR als strukturell überdimensioniert und programmatisch arg verstaubt.

Das Kürzel SWR wurde im Südwesten gerne als "Schlaf weiter Rundfunk" interpretiert. Selbst Günther Oettinger, konservativer CDU-Ministerpräsident Baden-Württembergs, lästerte, im SWR werde "zu viel gekocht und zu viel gesungen". Und in einem ARD-internen Quoten-Ranking landete die zweitgrößte Anstalt damals auf dem vorletzten Platz. Boudgoust machte sich an die Arbeit. Heute, 13 Jahre später, sind zwar noch nicht alle Ecken und Flure komplett entstaubt. "Vielleicht hätte ich manches schneller machen müssen", so Boudgoust. Aber er hat 168 Millionen Euro eingespart und 600 Planstellen abgebaut, in Zeiten des Spardrucks bei den öffentlich-rechtlichen Sendern unumgänglich. Gleichzeitig steht der SWR heute in der Quoten-Tabelle im Mittelfeld. Mit 5300 Mitarbeitern und 1,4 Milliarden Euro Jahresetat steht der SWR vor den drohenden kommenden Sparrunden besser da als manch andere ARD-Anstalt.

"Das Härteste" war Boudgoust zufolge die Zusammenlegung der zwei Symphonie-Orchester zu einem. Ein Projekt, das ihm viel Kritik einbrachte. Er wurde verunglimpft als Zerstörer der kulturellen Vielfalt - und Schlimmeres. Aber inzwischen hat sich der Schritt als Volltreffer herausgestellt: Er sparte nicht nur Geld, sondern steigerte auch das Niveau des Orchesters. Boudgoust spricht von "Begeisterungsstürmen", die der Klangkörper international auslöse. "Ohne Zusammenlegung wäre das nie möglich gewesen", sagt er. "Wir hätten riskiert, zwei sehr gute Orchester langsam ins Mittelmaß zu führen."

Das Jugendangebot Funk war Boudgousts vermutlich größte Tat: Bevor es 2016 startete, hatte er drei Jahre lang dafür gekämpft. Sein Plan war ein Jugendkanal, sowohl im Fernsehen als auch im Internet. Man könne eine komplette Generation nicht dem kommerzialisierten Trash-TV der Privaten überlassen, hatte er damals argumentiert. Zu Recht - doch er musste viele Hindernisse überwinden, wobei ihm seine zwei Jahre als ARD-Vorsitzender halfen.

Am Ende gab die Politik grünes Licht. Aber sie entschied, der Jugendkanal solle ausschließlich im Netz stattfinden. "Ich brauchte damals zwei Nächte, um das zu verdauen", erzählt Boudgoust rückblickend. "Aber heute sage ich: Das war das Beste, was uns passieren konnte." Das junge Team musste und durfte sich ohne Kompromisse auf die Web-Inhalte konzentrieren. Davon profitieren letztlich alle. Boudgoust ist stolz auf gewonnene Preise und "Reichweitenerfolge". Das Wichtigste ist ihm: der Kontakt zu den jungen Leuten. "Das ist nötiger denn je", sagt er. Alles andere wäre "der Anfang vom Ende der öffentlich-rechtlichen Idee."

Inzwischen scheinen das auch die Herrschaften in den anderen Anstalten verstanden zu haben, die sich Anfangs quergestellt hatten. "Inzwischen haben das die Anstalten als ein Stück Zukunftssicherung entdeckt", sagt Boudgoust.

Wie sein Nachfolger Kai Gniffke sieht auch er nach wie vor Reformbedarf beim Sender

Doch es gibt auch Baustellen, an die er sich nicht heranwagte: So hat der SWR auch 21 Jahre nach der Fusion noch drei Standorte (Stuttgart, Mainz, Baden-Baden) und sieben Direktoren. Boudgoust hat daran wenig geändert. Weil die Standorte zur DNA des Senders gehören und im Staatsvertrag so festgeschrieben seien, sagt er. Aber er räumt ein: "Das macht die Dinge nicht einfacher und eine Organisation durchaus auch kompliziert." Und das in Zeiten, in denen sich die Technologien, Nutzungsformen und Erwartungen der Menschen rasant ändern. "Der SWR hat nur dann eine Chance, wenn wir das bewusst annehmen und uns als agiles Unternehmen verstehen", sagt er. "Der SWR wird nie fertig reformiert sein."

Das aber ist nun der Job von Nachfolger Kai Gniffke. Der bisherige Tagesschau-Chef übernimmt Anfang September. In seiner Bewerbungsrede hatte er den Reformbedarf angesprochen. Man darf gespannt sein, wo der Journalist ansetzen wird. Boudgoust wird unterdessen seine neue Freiheit genießen. Er sei "Sklave meines Kalenders" gewesen und freue sich nun auf die Entschleunigung. Aber noch geht er nicht komplett in Ruhestand. Bis Ende 2020 bleibt er Präsident des deutsch-französischen Senders Arte. Zwei Tage pro Woche "mindestens" werde er diesem Amt widmen.

Ansonsten will er den Segelschein machen und wieder mehr an seinen Autos schrauben. Seinen letzten "Youngtimer" hatte er "auf Geheiß" seiner Frau "schweren Herzens" verkauft, wie er berichtet, weil ihm die Zeit fehlte. "Mal sehen, ob ich mir jetzt wieder einen zulege."

Korrektur: In einem Teil der Ausgabe vom 26. August wurde auf Seite 20 in "Der Sprengmeister" über den scheidenden SWR-Intendanten ein falsches Foto gedruckt, das nicht Peter Boudgoust zeigte, sondern den HR-Hörfunkdirektor Heinz Sommer.