bedeckt München 16°

Serie "Normal People":Sexszenen zu Indie-Songs

Daisy Edgar-Jones als Marianne in "Normal People" beißt sich oft auf die Lippe.

(Foto: ELEMENT PICTURES/ENDA BOWE.)

Nicht jedes Buch braucht eine glitzernde Übersetzung in Bilder. Die zähflüssige Verfilmung von Sally Rooneys "Normal People" ist für Liebhaber des Buches und für Neulingbuttere gleichermaßen eine Prüfung.

Von Theresa Hein

Es gibt weltberühmte Kunstwerke im Original, und es gibt den Nachdruck dieser Bilder, den man für zehn Euro bei Ikea kaufen kann (gerahmt). Hübsch anzusehen, hat aber nicht gerade viel Seele, und wenn man bei Menschen über dreißig zu Hause diese Bilder an der Wand hängen sieht, ist man immer ein bisschen peinlich berührt. Die Verfilmung von Sally Rooneys Roman Normal People ist der Ikea-Druck der Serien dieses Sommers.

Klar, die Serie hatte es nicht leicht, die Erwartungen waren enorm. Denn wer Normal People gelesen hat, der hatte das Gefühl, als seien ihm gerade über mehrere Stunden flüssige Butter eingeflößt worden. Man wurde als Leser ganz satt und beseelt davon. Das ist beeindruckend, basiert der "zukünftige Klassiker", wie ihn der Guardian nach Erscheinen 2018 nannte, doch auf einer recht lahmen Geschichte: Junge und Mädchen treffen sich, verlieben sich, werden erwachsen, sind Menschen, kommen wieder zusammen und lieben sich hoffentlich noch ganz lange. Nein, Überraschungen gibt es keine.

Aber die Lobeshymnen und Preise, die Sally Rooney nach Erscheinen des Buches erhielt, stützten sich auch nicht auf den Plot, sondern auf ihre Art zu erzählen und die Fähigkeit, kaum stattfindende Handlung in Worte zu fassen. Nämlich so, dass man als Leserin beinahe jeden Knoten in den Härchen der eigenen Kopfhaut spürte, wenn Protagonistin Marianne sich die Haare bürstete. Oder wenn Mariannes Freund und gleichberechtigter Held des Romans, Connell, versuchte, einen Seufzer zu unterdrücken: Er stand in der Ecke, musste aufseufzen und atmete stattdessen laut ein, was sich dann aber doch wieder anhörte, als würde er seufzen.

Es sind Beschreibungen wie diese, die man schlecht in Bilder übersetzen kann. Aber es ist ja nicht so, als gäbe es keine Lösung für das Dilemma Literaturverfilmung: Es nennt sich Drehbuch.

An diesem war Sally Rooney in der Produktion der Hulu-Serie Normal People beteiligt - für Literaturfans bei der Verfilmung eines Lieblingsbuches eigentlich immer ein gutes Zeichen. Aber bereits in der ersten Folge beschleicht einen das Gefühl, die Produzenten könnten Rooney vielleicht sogar zu viel Mitspracherecht eingeräumt haben. Ihre literarische Erzählstimme, die die eigentlich gewöhnliche Verwirrung und Verliebtheit von Connell und Marianne zu etwas Aufregendem, Neuem macht, findet in der filmischen Bebilderung keine Entsprechung. Und: Die meisten Zuschauer haben, was die Häufigkeit und Ausdehnung von Sexszenen, die mit Indie-Songs hinterlegt sind, eine natürliche und sehr nachvollziehbare Schmerzgrenze. Und die wird in der Serie permanent überschritten.

Nicht mal der irische Dialekt in der Originalfassung kann helfen

Sollte eine Verfilmung nicht ein eigenständiges Kunstwerk sein, nicht nur eine Nebenwirkung? Dieser Meinung waren die Regisseure Lenny Abrahamson und Hettie Macdonald, wie es scheint, nicht. Und so wirkt die Liebesgeschichte von Connell und Marianne (gespielt von Paul Mescal und einer sich sehr oft auf die Lippe beißenden Daisy Edgar-Jones) auf Menschen, die die Literaturvorlage nicht kennen, nur wie eine weitere Boy-meets-Girl-Geschichte. Sie setzt ein, als die beiden noch die Schule besuchen und endet, als sie vor neuen Lebensentscheidungen im Studium stehen.

Nicht einmal der irische Dialekt in der Originalfassung oder die hübschen Campus-Aufnahmen vom Trinity-College können da helfen. Der Dialekt lässt Marianne außerdem wegen ihrer sehr irischen Art, Feststellungen wie Fragen zu formulieren ("Ich will mit dir schlafen?"), noch unsympathischer wirken als im Roman. Für die Leserinnen und Leser des Buches ist die Serie ein bisschen, als würde man bei einem guten Essen jeden Bissen 32-mal kauen. Kann man machen, macht aber nicht besonders viel Spaß.

Normal People, bei Starzplay.

© SZ//avob

Fernsehen und Streaming
:Das sind die Serien des Monats

In der dritten Staffel von "Dark" gibt es noch einen neuen Hirnknoten. "The Great" interpretiert russische Geschichte eher frei. Und in "Dead To Me" kehrt eine Figur in bester Seifenoper-Tradition zurück - als Zwillingsbruder.

Von SZ-Autoren

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite