Nachrichten-App Mit fremden Federn geschmückt

Upday versorgt Handynutzer mit Nachrichten verschiedenster Online-Quellen. Dem Gemeinschaftsangebot von Axel Springer und Samsung beschert das Rekord-Reichweiten. Guter Service oder doch Schmarotzer? Die Branche ist gespalten.

Von Karoline Meta Beisel

Jan Eric Peters ist der Chief Product Offiicer der neuen App Upday.

(Foto: Lukas Schulze/dpa)

Wer wissen will, welches Buch gerade am erfolgreichsten ist, der schaut auf die Bestsellerliste, und wer wissen will, welche Nachrichtenseite sich im Netz gerade gut schlägt, der wirft einen Blick in das Ranking von IVW, der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern. Während bei den Büchern gerade nicht allzu unerwartet Bernhard Schlinks "Olga" vorne liegt, ist der Anführer des IVW-Rankings durchaus überraschend: Das derzeit erfolgreichste Nachrichtenangebot produziert überhaupt keine eigenen Nachrichten.

Upday, ein gemeinsames Angebot des Axel-Springer-Verlags und des Elektronikkonzerns Samsung, versammelt in einer App all das, was auf anderen Nachrichtenseiten veröffentlicht wird, ist also neudeutsch ein "Aggregator". Der Nutzer muss nicht mehr einzeln bei Spiegel Online oder Bild oder Kicker nachsehen, was gerade so los ist in der Welt; bei Upday bekommt er die Schlagzeilen und kann selbst entscheiden, ob er außerdem auch den ganzen Artikel lesen will.

Glaubt man den Zahlen, ist das für den Verbraucher eine praktische Sache: Seit November führt Upday mit inzwischen fast fünfhundert Millionen Visits das Reichweitenrennen der Nachrichtenangebote an; die Bild auf Platz zwei hat ein Fünftel weniger; Spiegel Online sogar weniger als die Hälfte. Die Upday-Zahlen speisen sich zwar nur zu etwa einem Viertel aus Deutschland; die App ist in Europa mittlerweile in 16 Ländern vertreten. Ist der Erfolg ist dennoch beachtlich. Verlage und andere Medien sind sich dagegen noch uneins: Sind Aggregatoren wie Upday, Apple News oder Flipboard nützlich oder Schmarotzer? "Letztlich leben diese Anbieter auf dem Rücken anderer Medienhäuser", sagt etwa Jesper Doub, Geschäftsführer von Spiegel Online.

Einer zumindest ist sich sicher, auf wessen Seite Upday steht: "Wir sind eine Publisher-App", sagt Jan-Eric Peters. Wäre sein Betrieb eine Zeitung, dann wäre Peters wohl der Chefredakteur, so wie er es zuvor bei Welt, Welt am Sonntag und N24 gewesen ist. Jetzt nennt er sich Chief Product Officer, und auch sonst entspricht die Atmosphäre bei Upday in der Springer-Zentrale ziemlich genau dem, was man von einem Berliner Start-Up erwartet: englisch sprechende Programmierer in Kapuzenpullis, Tischtennisplatte, Birkenstämme als Raumtrenner. In einem Besprechungsraum liegen Yogamatten im Regal, auch wenn Peters nicht glaubt, dass die schon mal jemand benutzt hat.

Springer-Chef Döpfner soll Upday das "wichtigste Projekt" seit "Bild"-Gründung genannt haben

Ein Medium, fast ohne Journalisten: Blick auf die App von Upday, die laut Chef Jan-Eric Peters „Mensch und Maschine“ kombiniert.

(Foto: Axel Springer)

Bei Club-Mate und Cola erklärt er, wie die App funktioniert, die Firmenchef Mathias Döpfner beim Start das "wichtigste Projekt des Hauses seit Gründung der Bild-Zeitung" genannt haben soll. Das Nachrichtenangebot ist in zwei Bereiche eingeteilt, "Top News" und "My News". Die Top News, also die wichtigsten Nachrichten des Tages, werden von ausgebildeten Journalisten zusammengestellt, die personalisierten My News sucht ein Algorithmus aus etwa 500 Quellen anhand der Vorlieben der Nutzer aus. "Wir kombinieren Mensch und Maschine, professionellen Journalismus und künstliche Intelligenz", sagt Peters. Die Mischung aus allgemeinen und personalisierten News soll gewährleisten, dass die Nutzer nicht für immer in ihren Filterblasen verschwinden.

Alle Nachrichten, ob "Top" oder "My", werden dem Nutzer als Karten angezeigt. Will er mehr wissen als nur die Schlagzeile, wird er per Klick weitergeleitet auf die Seite, auf der die Nachricht erschienen ist - so profitieren davon auch die Verlage, deren Inhalte bei Upday erscheinen. Ansonsten wischt der Nutzer einfach weiter zur nächsten Schlagzeile. Ein Geschäft wird daraus, weil Nutzern alle paar Karten statt einer Nachricht eine Anzeige ausgespielt wird.

Peters weiß, dass er in einer Zwitterrolle steckt: "Natürlich arbeiten wir daran, dass möglichst viele Geschichten der Verlage angeklickt werden", sagt er. "Aber weil wir unser Geld mit Anzeigen verdienen, ist es auch wichtig, dass nicht schon nach zwei oder drei Karten Schluss ist."

Der Chefredakteur von Zeit Online, Jochen Wegner, steht Anbietern wie Upday eher positiv gegenüber: "Für uns sind solche Aggregatoren sehr relevant. Vor allem jetzt, wo Facebook angekündigt hat, nicht mehr so viele Nachrichteninhalte anzuzeigen", sagt er. "Insgesamt machen diese neuen Quellen bereits zwischen fünf und zehn Prozent unserer Reichweite aus."

Die Konkurrenz fürchtet den Verlust von Werbeeinnahmen durch die Reichweite von Upday

Während Upday auf neuen Samsung-Geräten vorinstalliert ist (was der Reichweite Vorschub leistet), kommt jedes iPhone mit Apple News daher. Zwar nicht mit der Vollversion der App, wie sie etwa in den USA benutzt wird. In Deutschland gibt es nur das abgespeckte Widget, das man anders als die Vollversion nicht personalisieren kann. Ob sich das bald ändern könnte, dazu gibt Apple keine Auskunft. Trotzdem führt auch die "kleine" Anwendung bei den Verlagen zu einer spürbaren Erhöhung der Leserzahlen. "Wenn bei uns eine Geschichte plötzlich sehr populär ist, greifen manche hier mittlerweile automatisch zum Handy und schauen, ob der Artikel gerade bei Apple News angezeigt wird", sagt Wegner. Welche Geschichte wann bei welchem Aggregator ausgespielt wird, ist für die Verlage kaum zu beeinflussen. "Das ist aber nicht so schlimm", sagt Wegner. "Wir freuen uns über die Reichweite."

Für den Traffic von Spiegel Online spielten Upday, Apple News und Co. nur eine untergeordnete Rolle, sagt Jesper Doub. Die App aus dem Springer-Verlag sieht er eher kritisch - weil sie auf einem anderen Feld zum Konkurrenten werden könnte. "Mit seiner Reichweite wird Upday als Werbeplattform zunehmend attraktiv", sagt er. Ihre große Reichweite macht die App für die Werbekunden zu einer Art Massenmedium - wenn auch zu einem, bei dem nur eine Handvoll Journalisten arbeiten.

Jan-Eric Peters glaubt - nicht ganz ohne Pathos - dass ein Erfolg von Upday langfristig allen Medienhäusern helfen könnte. "Es wäre schon einiges gewonnen, wenn sich gute journalistische Angebote besser finanzieren, weil Upday oder ein anderer Anbieter viele Menschen direkt auf die Seiten der Publisher schickt", sagt er. Höchstwahrscheinlich hat er aber auch nichts dagegen, wenn ein paar dieser Leser bei Medien aus dem Hause Springer landen.