Nach 121 Jahren Alltagshelfer

Abraham "Abe" Cahan (1860-1951) gründete 1897 Forverts oder auf Englisch The Jewish Daily Forward.

(Foto: Bridgeman Images)

Der New Yorker "Forward", 1897 als jiddische Tageszeitung gegründet, stellt die Druckausgabe ein. In seiner besten Zeit verkaufte er täglich mehr als eine Viertelmillion Exemplare, zuletzt betrugen die Verluste fünf Millionen Dollar pro Jahr.

Von Willi Winkler

Immer vorwärts: Die 1897 in New York gegründete jiddische Tageszeitung Forverts, die sich nach der vorläufig noch bestehenden Parteizeitung der deutschen SPD benannte, stellt bereits ihre Druckausgabe ein. Die ersten Redakteure kamen aus Europa, waren in der jiddischen Sprache verwurzelt und stramme, aber unabhängige Sozialisten. Das 1912 errichtete Verlagsgebäude zierten die Köpfe von Karl Marx und Friedrich Engels. Die Auswandererwellen oder vielmehr die Pogrome in Osteuropa sorgten für ein stetig nachwachsendes Publikum, das sich in der neuen Welt in der jiddischen Sprache verständigen konnte. In seiner besten Zeit, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, verkaufte der Forverts (oder später auf Englisch: Forward) täglich mehr als eine Viertelmillion Exemplare, nicht wesentlich weniger als die New York Times. Das Blatt war das Hausorgan beispielsweise des Exilanten Leo Trotzki und bot einem Erzähler wie Isaac Bashevis Singer ein verlässliches Forum, lange ehe das Nobelpreiskomitee auf seine Geschichten über Leute aus dem Schtetl aufmerksam wurde. Später erschienen Arbeiten von Elie Wiesel und Art Spiegelman. Mehr als fünfzig Jahre lang herrschte Abraham Cahan als Chefredakteur, verbrüderte sich mit den Gewerkschaften, propagierte und finanzierte Streiks und scheute nie den Gang zum Boulevard. Die Zeitung verwendete sich für die Rechte der Frau, gab aber auch wichtige Lebenshilfe in Angelegenheiten des Alltags. Legendär war die Galerie flüchtiger Männer, die von den verlassenen Ehefrauen regelmäßig nachbestückt wurde.

Selbstverständlich unterstützte der Forward den New Deal von Präsident Franklin Roosevelt und trug mit dazu bei, dass Juden in den USA allmählich als gleichwertige Bürger akzeptiert wurden. Schon deshalb sank die Auflage stetig. Anfang der Sechzigerjahre kam eine englische Version dazu, die jiddische schrumpfte zur Wochenzeitung. Der Kapitalismus war doch stärker, das Verlagsgebäude musste verkauft werden; zuletzt betrugen die Verluste fünf Millionen Dollar pro Jahr. Jetzt, nach 121 Jahren, verschwindet die gedruckte Ausgabe des ehrwürdigen Forward, 40 Prozent der Belegschaft soll ihre Jobs verlieren. Digital soll er weiter erscheinen, auf Jiddisch und Englisch, und vor allem junge Leser erreichen und so halblinks bleiben, wie es Amerika noch eben verträgt.

Die Diät von Schauspieler Chris Pratt ist am Buch Daniel orientiert

Online erscheint derzeit die Komikerin Sarah Silverman und äußert sich zu dem für Samstag geplanten Women's March. In einer Rubrik mit dem schönen Titel "Schmooze" wird ein bisexueller Rockmusiker vorgestellt und von dem Schauspieler Chris Pratt gemeldet, dass seine Diät sich am Buch Daniel orientiert. In einem Interview, natürlich mit dem Forward, hat der Schriftsteller Gary Shteyngart gerade beklagt, dass in Manhattan niemand mehr lebe, der nicht im Finanzsektor beschäftigt sei. "Die kreative Klasse ist ins Hudson Valley, nach Berlin (ausgerechnet!) oder sonst wohin gezogen."