Medienfavoriten 2012 – "Ossietzky"

"Kein Hochglanzpapier, kein Farbdruck, keine Bilder. Die Überschriften sind nicht größer als der Text." So werben die Herausgeber für die Zweiwochenschrift Ossietzky und zeigen damit, dass sie hoffnungslos altmodisch sind. Das macht Ossietzky zum Igel unter den Hasen, die seit der Finanzkrise wiederentdecken, was man in der Redaktion schon immer gewusst hat: dass soziale Gerechtigkeit wichtig ist.

Die Autoren lieben das Widersprüchliche: Warum wirbt die Bundeswehr auf einer Antidrogenveranstaltung um neue Soldaten, wo sie doch mit ihrem Einsatz in Afghanistan zur Steigerung der Mohnproduktion beigetragen habe? Warum bespitzele der Bremer Verfassungsschutz Moscheegemeinden, während er gleichzeitig Dialog-Veranstaltungen mit Muslimen ausrichtet? Warum gelten deutsche Länderverfassungen weniger als das Grundgesetz, obwohl sie anders als dieses vom Volk verabschiedet wurden? Und warum bleibe von Peter Sloterdijks Inszenierung der Oper Babylon nur hängen, dass wir den Babyloniern die Sieben-Tage-Woche verdanken?

Die Ossietzky ist übrigens auch im Internet vertreten und fürs konservative Bürgertum geeignet. Ganz ohne Farbe kommt man nämlich nicht aus: Das wie die Weltbühne aufgemachte rote Heft ziert jeden Coffeetable.

Franziska Augstein

31. Dezember 2012, 17:522012-12-31 17:52:21 © SZ vom 31.12.2012/mike