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Medienethik:"Geschmacklos"

Ein Redakteur der "Berliner Morgenpost" hat kurz nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz dort live gefilmt. Das Video wurde später durch einen Zusammenschnitt ersetzt. Ein DJV-Sprecher sieht den Pressekodex verletzt.

Die Redaktion der Berliner Morgenpost hat ihren Sitz unweit des Berliner Breitscheidplatzes. Keine Hexerei also, dass ein Redakteur der Funke-Regionalzeitung während des Anschlags auf den dortigen Weihnachtsmarkt am Montagabend "zufällig vor Ort" war, wie es in einem Statement der Mediengruppe heißt. Und was tat der Mann? Er nutzte seinen Vorsprung und filmte mit dem Handy drauflos.

Kritik erntete er damit nicht nur von Passanten vor Ort, sondern auch durch den Journalistenverband DJV: In einem Blogeintrag nannte Sprecher Hendrik Zörner das Video mit Blick auf gefilmte Verletzte "wahnsinnig geschmacklos" und einen Verstoß gegen den Pressekodex. Auf Nachfrage erklärte er, er habe es "in Ausschnitten" gesehen und seine "persönliche Kritik", die "keine Verbandspressemitteilung" sei, richte sich nur gegen die Ursprungsversion, welche die Zeitung später durch einen zehnminütigen Zusammenschnitt ersetzte. In diesem bemüht sich der Reporter, keine Opfer zu zeigen, und thematisiert dies auch in seinem Kommentar. Zu den Motiven, das Video auszutauschen, äußerte sich Funke auf Nachfrage nicht.

Etwa ein Dutzend Beschwerden gegen das längere Video seien bisher eingegangen, sagte eine Sprecherin des Presserats, der Prüfung durch den Beschwerdeausschuss will sie nicht vorgreifen. Kurz nach einer Tat live zu filmen, sei aber nicht per se verwerflich - solange die Persönlichkeitsrechte der Opfer gewahrt werden. Ähnlich äußerte sich DJV-Sprecher Zörner. "Völlig drauf verzichten? Natürlich nicht", sagte er. "Journalisten haben einen Informationsauftrag." Was wäre also die Alternative gewesen? "Am besten wäre das Video nie live gesendet worden, sondern erst nach Bearbeitung." Der Vorsprung der Morgenpost wäre dann wohl dahingewesen. Das Gebot der Schnelligkeit darf keine journalistischen Standards aushebeln. Doch in einer solchen Ausnahmesituation ist diese Abwägung besonders schwierig.

Die Frage, was man in diesen Tagen zeigen kann, haben die Tatort-Verantwortlichen für sich geklärt: die Wiederholung einer Weihnachtsmarktfolge lieber nicht, den geplanten Neujahrs -Tatort, in dem Islamisten einen Lieferwagen als Waffe nutzen, hingegen schon.