Medien und Meinung "Wir können nicht nur über Mord und Totschlag berichten"

Wollte Wogen glätten: Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

In Dresden diskutierten die Chefredakteure von ARD aktuell und ZDF mit AfD-Mitgliedern über die Kritik an den öffentlich-rechtlichen Medien. Über einen Abend in der Defensive.

Von Ulrike Nimz

Dass die Veranstaltung ein Erfolg ist, zumindest aus der Sicht der AfD, ist klar, bevor nur ein Wort ausgetauscht ist. Immerhin haben sich 70 Journalisten angemeldet zur Podiumsdiskussion mit dem Titel "Medien und Meinung". Das Konzept: Die Chefredakteure von ARD aktuell und ZDF im geordneten Disput mit Kritikern der öffentlich-rechtlichen Medien.

So finden sich Kai Gniffke und Peter Frey also im Saal "Hamburg" der Dresdener Messe ein, vor einem hellblauen Banner mit dem Slogan "Mut zur Wahrheit". Mit ihnen auf dem Podium an diesem Donnerstagabend: Nicolaus Fest, früher bei Bild am Sonntag, heute im Berliner Landesverband der AfD, und Michael Klonovsky, früher beim Focus und Berater von Frauke Petry, heute Redenschreiber von Alexander Gauland.

Die Parteienvertreter präsentieren ihre Argumente für eine vermeintliche Unausgewogenheit der Berichterstattung, der Umgang mit Donald Trump stößt ihnen auf und dass nach Mordfällen in Freiburg und Offenburg - die Verdächtigen waren Asylbewerber - gar nicht oder zu spät berichtet worden sei. Chefredakteur Gniffke entgegnet, die Tagesschau berichte selten bis nie über einzelne Kriminalfälle, die Herkunft des mutmaßlichen Täters habe keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt. Als weiteres Beispiel nennt er den Fall Mitja aus Leipzig. Der Neunjährige war 2007 ermordet worden. Das Verbrechen sorgte in Sachsen für Entsetzen, die Tagesschau berichtete nicht. "Es gefällt mir auch nicht, so einen Fall auf Relevanz abzuklopfen", sagt Gniffke. Die Tagesschau müsse sich aber stets fragen, was fürs Land wichtig sei. "Wir können nicht nur über Mord und Totschlag berichten."

Gniffke und Frey haben die Einladung der AfD auch angenommen, weil sie den Gebührenzahlern ihre Arbeit und ihr Selbstverständnis transparenter machen wollen. Frey verweist auf die Korrekturen-Rubrik auf der Webseite des Heute-Journals, wo Fehler dokumentiert werden: "Ein Handwerk ohne Fehler gibt es nicht."

Die gegnerische Seite und das Publikum überzeugt all das nicht. Ein paar Hundert Menschen sitzen im Saal, viele AfD- und Pegida-Sympathisanten. Gab es bei der Vorstellung noch höflichen Applaus, rollt nun höhnisches Gelächter durch die Reihen. Das Verhältnis von Medien und seiner Partei habe sich auf "unschöne Weise verkantet", sagt AfDler Fest. Der Mann, der auf seiner Webseite die Kanzlerin als "Raute der Zerstörung" bezeichnet, kritisiert die Heute-Show, die den Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen in einem satirischen Beitrag "Schädling" genannt hatte. "Mit dem Unterschied, dass Herr Welke sich entschuldigt hat", sagt ZDF-Chef Frey. "Von Herrn Gauland habe ich so etwas noch nie gehört."

Gniffke und Frey sind in der Defensive, das hat auch mit der Besetzung des Podiums zu tun. Neben Klonovsky und Fest sitzen dort als Moderatoren Andreas Lombard, Chefredakteur des rechtskonservativen Cato-Magazins, und Klaus Kelle, CDU-Mitglied und Medienunternehmer. Beide wahren über weite Strecken einen sachlichen Ton, neutral sind sie jedoch nicht. Wiederholt greifen sie Journalisten der Sender in ihren Fragen an, wie den Rechtsextremismus-Experten Patrick Gensing oder die Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga. Konservative würden sich im Programm der Öffentlich-Rechtlichen nicht wiederfinden, klagen sie. "Kein einziger Tatort-Kommissar kommt aus einer normalen Vater-Mutter-Kind-Familie."

Es gebe keine Vorgaben in der Berichterstattung, sagt Frey. Im Gegenteil: Talkshowauftritte von AfD-Hardlinern hätten die Partei erst groß gemacht. Es sei nicht die Absicht des Senders zu erziehen. Das harsch kritisierte Heute-Journal sei ein Angebot zur Meinungsbildung. "Sie haben die Freiheit abzuschalten", sagt er. "Aber zahlen müssen wir!", schallt es zurück.

Gniffke kann Dissens offenbar schwerer aushalten als sein Kollege. Er versucht, Wogen zu glätten, räumt ein, dass die Berichterstattung über Pegida anfangs zu pauschalisierend gewesen sei, bekennt, dass auch er die 17,50 Euro Rundfunkbeitrag nicht gern zahle. Er lässt sich zu Basta-sätzen hinreißen wie: "Wer bei uns Trennung von Meinung und Bericht nicht beherrscht, fliegt raus." Frey wirkt besonnener, aber zwei Stunden Gegenwind gehen auch an ihm nicht spurlos vorbei. "Bedrückend" nennt er die Stimmung im Saal. Als er die Grenze zwischen rechts und rechtsextrem definieren soll, reicht es ihm: "Wenn Sie zur bürgerlichen Mitte gehören wollen, müssen Sie Ihr Verhältnis zum rechten Rand klären, nicht wir." Aus der Tiefe des Raumes ruft eine Frau: "Wir sind die bürgerliche Mitte!"

Am Ende gibt es kaum Annäherung, aber sächsischen Wein. Und das nüchterne Fazit des ZDF-Chefredakteurs: "Wir haben uns nicht gekloppt, insofern bin ich zufrieden."