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Magazine:Ein eher angespanntes Feeling

"Neon", einst eine der erfolgreichsten deutschen Zeitschriftengründungen, steckt in der Krise. Jetzt hat die umstrittene Chefredakteurin Nicole Zepter das Heft überarbeitet.

Die Februarausgabe der Zeitschrift Neon trug den Titel "Finde dein Glück", und im Heft fand sich ein Interview der Chefredakteurin Nicole Zepter, das man leicht als Therapiegespräch deuten konnte. Zepter sprach mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Anja Förster darüber, wie "man sich berufliche Ziele richtig steckt", und wollte zum Beispiel wissen: "Was kann man tun, um herauszufinden, ob man einen Traumjob hat oder sich doch anderweitig umschauen sollte?"

Seit knapp einem Jahr ist Nicole Zepter Chefredakteurin von Neon, und seitdem sind aus Hamburg vor allem Nachrichten zu vernehmen, die sich mehr nach Krisenbewältigung denn nach Traumjob anhörten. Etliche Mitarbeiter haben die Redaktion verlassen, darunter ihre Stellvertreter und die Art-Direktorin; die ohnehin schon bröckelnde Auflage rauschte in den vergangen Monaten rasant nach unten. Mitarbeiter erzählen von mieser Stimmung und von mangelnder Organisation. Zu guter Letzt fasste ein großer Medienfachdienst all das in einem Artikel zusammen, der in den vergangenen Wochen nicht ganz hämefrei durch die Branche gereicht wurde.

Das ist die Lage, wenn man Nicole Zepter am vergangenen Donnerstag bei Gruner + Jahr am Baumwall trifft, am Tisch des Neon-Konferenzraumes, an dem außerdem Stern-Herausgeber Andreas Petzold Platz genommen hat. Petzold ist auch Herausgeber von Neon und derzeit im Verlag als Relaunch-Berater sehr gefragt; bei der ebenfalls kriselnden Gala war er auch gerade zugange. An diesem Montag nun erscheint die neue Neon, Nicole Zepters lange angekündigter Relaunch, und dessen Bedeutung für die Zukunft von Neon (und der von Nicole Zepter) kann man kaum überschätzen.

Nicole Zepter hat Neon überarbeitet und sich bei der Titelseite "auf die Anfänge" besonnen. Seit sie im Amt ist, sinkt die Auflage dramatisch.

(Foto: oh)

Um die Fallhöhe dieser Geschichte zu verstehen, muss man noch einmal ein paar Jahre zurückgehen, und zwar an den Anfang dieses Jahrtausends. Damals entwickelten Timm Klotzek und Michael Ebert, heute Chefs des SZ-Magazins, bei Gruner + Jahr ein Heft, das eine der größten Erfolgsgeschichten des Verlags werden sollte. Neon, die Zeitschrift für Leser zwischen 20 und 35 Jahren, gelang es, den richtigen Ton für den Mainstream zu finden.

2013 verkündete G + J, dass die Neon-Redaktion von München nach Hamburg umziehen müsse. Die Chefredakteure Patrick Bauer und Vera Schroeder machten den Umzug nicht mit. Der Verlag betonte damals, dass mit ihrem Nachfolger Oliver Stolle, einem langjährigen Neon-Mitarbeiter, die DNA des Magazins gesichert sei.

Umso erstaunlicher war, dass Stolle 2015 von einem Tag auf den anderen abgesägt wurde, um Platz für eine Neue von außen zu machen, für Nicole Zepter, heute 39. Die hatte zuvor das unabhängige Zeitgeistmagazin The Germans gegründet, das ein Welt-Kritiker als politisch-pointierte Antwort auf die "unbedarfte" Neon interpretierte, das aber natürlich auch nur einen Bruchteil der Leser hatte; 2013 erklärte The Germans, aus finanziellen Gründen pausieren zu müssen. Was auch immer G + J sich letztlich von Zepters Verpflichtung versprach, man darf annehmen, dass es den Verantwortlichen imponierte, mit welch beschränkten Ressourcen sie The Germans produzierte. Viel Heft für wenig Geld. Mit dem neuen Job, sagen aktuelle und ehemalige Mitarbeiter, habe sie dagegen schnell überfordert gewirkt.

Neon verkaufte in seinen besten Zeiten mehr als 230 000 Exemplare. Heute sind es noch 120 000, 30 000 weniger als noch Anfang 2015. G + J verdient mit Neon zweifellos noch Geld, im Heft sind viele Anzeigen, und die Redaktion ist heute kleiner und günstiger. Trotzdem: Zufrieden kann der Verlag damit nicht sein.

Jetzt also der Relaunch, und natürlich ist Nicole Zepter daran gelegen, anhand des Hefts eine Geschichte des Aufbruchs zu erzählen. Spricht man sie an auf all die Kritik, die Kündigungen, sagt sie: "Es ist doch klar, dass das anfangs schwierig war, ich war die erste Neon-Chefin, die komplett von außen kam. Außerdem hatte ich vom Team gleich ein eher angespanntes Feeling, das war keine entspannte Redaktion. Ich wusste von Beginn an, dass da was auf uns zukommt." Bei ein paar Kollegen stellte sich im Laufe der Monate dann eben heraus: Wir kommen nicht weiter. "Und ein paar Kollegen sind ja dann auch gegangen. Aber das ist ein normaler Prozess." Die Neue im angespannten Umfeld - das mag aus ihrer Sicht so gewesen sein; andere, die man fragt, sehen es anders. Entscheidend ist aber ja vor allem: Was kommt jetzt?

NEON Magazin

Menschlich in Ordnung, fachlich umstritten: Nicole Zepter.

(Foto: Tanja Hirner)

Wenn Zepter ihren Relaunch vorführt, erfährt man mehr Abstraktes über die Welt als Konkretes über das Heft. Sie sagt: "Die Generation unser Leser, die zwischen 20- und 30-Jährigen, hatte es noch nie so schwer wie heute. Es ist eine verunsicherte, jedoch gleichzeitig sehr selbstbewusste Generation." Aufgabe von Neon sei es, dem Leser Mut zu machen, ihn zu "enablen".

Egal ob man ihr in dieser Wahrnehmung zustimmt oder nicht, es fällt beim Zuhören nicht ganz leicht zu verstehen, wie sich dieser theoretische Überbau in konkreten Geschichten wiederfindet. Zepter will "mehr Haltung, mehr klare direkte Ansprache, die Dinge werden konkreter", und will man ganz konkret wissen, woran genau im Heft man das sehen kann, sagt sie: "Zum Beispiel heißt das Ressort jetzt konkret Politik und nicht mehr Sehen. Das Ressort Fühlen heißt jetzt Liebe, weil ich glaube: Liebe ist immer ein Kernmoment." Wer will da schon widersprechen?

Das Relaunch-Heft, das soll an dieser Stelle deutlich gesagt sein, ist kein Flop. Es finden sich einige schöne Reportagen darin, und es sieht schick aus. Zepter hat einige alte Rubriken abgeschafft, was ihr gutes Recht als Chefredakteurin ist, und ein paar neue erfunden, die sich in Ausgabe eins aber noch nicht alle so richtig erklären.

Das Geheimnis von Neon aber war immer, dass alle damit gemeint waren; Neon war nie zu cool für den Studenten aus Oldenburg. Mit cool verkauft man keine Hefte. Blättert man durch die Ausgaben der vergangenen Monate, hat man schnell den Eindruck, Nicole Zepter könnte das anders sehen. Die Protagonisten im Blatt, die vorgestellten Bands, alles ist stärker orientiert an der Medienmacher- und Hipsterblase; im aktuellen Heft zum Beispiel zeigt Alexis Zurflüh, Art-Direktor der gerade wiedergeborenen Zeitschrift Allegra, sein Atelier.

Zepter sagt: "Ich glaube, der Oldenburger Student ist mittlerweile schneller genauso hip wie der Berliner Hipster, durch das Internet, durch Twitter, Facebook und Co. gibt es den Unterschied zwischen Mainstream und Hipstern nicht mehr so stark wie noch vor zehn Jahren. Coolness ist heute Mainstream, ich habe zum Beispiel gerade von einem coolen Kochblog aus Schleswig-Holstein gelesen."

Aber stimmt das? Oder neigen Journalisten nicht vielleicht dazu, ihre eigene Lebenswelt über ihre Leser zu stülpen? Es ist jedenfalls einer der wenigen Momente, in denen sich Andreas Petzold von seinem Eck des Tisches zu Wort meldet. Es sei, sagt er, wichtig, dass wir thematisch breit bleiben "und uns das Leben nicht unnötig schwer machen." Und das klingt fast schon wie ein erfolgreicher Neon-Titel.