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Lieblingsserie: Mad Men:Zurück zu den Spitztüten-BHs

Mad Men führt uns in eine Werbeagentur der sechziger Jahre: Karrieren starten von denselben Abschussrampen wie die ersten Raketen. Doch heil ist diese schöne Welt keinesfalls.

Der Vorspann zur Serie Mad Men ist mindestens so preiswürdig wie die Serie selber. Aus ästhetischen wie aus inhaltlichen Gründen. Denn er malt in 37 Sekunden aus, worum sich die inzwischen in der dritten Staffel laufende Serie mit jeder Folge dreht: Das Scheitern auf allerhöchstem Niveau. Man sieht in diesem Trailer einen Geschäftsmann im Scherenschnitt, dessen aufgeräumte Business-Welt in sich zusammengefallen ist, noch bevor er die Aktentasche abgestellt hat.

Mad Men

Scheitern auf allerhöchstem Niveau: Die Herrschaften aus der preisgekrönten Serie

Mad Men

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(Foto: Foto: AMC)

Man sieht also, wie sein Büro zerbröselt: Jalousien stürzen, Lampen kippen, Bilder fallen - und dann fällt er selber. Ein Sturz in Zeitlupe vom Dach eines Hochhauses. Doch er fällt nicht bloß an blanken Fensterfronten vorbei, sondern an den haushohen Reklamebildern der sechziger Jahre. Vorbei also an einer damals noch ungebrochen heilen Welt der Verheißungen, dem naiven Glauben an die Einlösung aller Versprechen und der unschuldigen Idee des großen käuflichen Glücks. Und damit sind wir mitten im Plot der Serie.

Denn Mad Men spielt im New York der sechziger Jahre, in der fiktiven Werbeagentur "Sterling Cooper" an der Madison Avenue. Der Serientitel ist eine Abkürzung dieser Adresse. "Mad Men" nennen sich die Herrschaften denn auch selber. "Mad": verrückt, toll sind sie berufsmäßig. Und es sind tatsächlich im Wesentlichen Herrschaften.

Zeitalter des Aufbruchs und der Spitztüten-BHs

Im Zentrum der Männerrunde steht Don Draper, ein blitzgescheiter Kopf und Heimkehrer aus dem Koreakrieg, der, das erfährt man erst später, nach seiner Entlassung aus der Armee eine falsche Identität angenommen hat. Draper ist verheiratet mit der umwerfenden Vorzeigeblondine Betty, einem Traum von einem " girl next door."

Betty entwickelt von Folge zu Folge mehr Persönlichkeit und Freiheitswillen. Was Draper, der zeitweise mehrere Geliebte gleichzeitig hat, indes völlig entgeht und dementsprechend spät in einer schwerer Ehekrise mündet. Dagegen schießt seine Karriere so unaufhaltsam steil nach oben, dass den zuschauenden Menschen des 21. Jahrhunderts schwindelig wird. Wir kennen das aus eigener Erfahrung nicht mehr.

Doch im Zeitalter des Werbe-Aufbruchs und der Raumfahrt-Experimente, der Spitztüten-BHs und knitterfreien Plastik-Hemden schien ein solcher Lebensverlauf selbstverständlich: Männer werden reich, Frauen bekommen Kinder und bewachen die immer größer werdenden Häuser in den Suburbs. Der Himmel ist das Limit. Möchte man man so gerne meinen.

Denn natürlich ist auch diese Welt gefährdet, sogar im höchsten Maße: Anfang der sechziger Jahre scheint aus dem Kalten Krieg ein heißer werden zu können. Jedenfalls rückt die atomare Bedrohung der Sowjets vor bis auf Kuba, unmittelbar also vor die amerikanische Haustür.

Die Serie dokumentiert diese politischen Ereignisse getreu - man sieht etwa die Original-Ansprachen Kennedys im Schwarzweißfernsehen - und sie entwickelt in der Historien-Schilderung dieselbe Liebe zum Detail, die auch den Bühnenbau und Ausstattung der Folgen kennzeichnet: Original-Anzüge, Original-Möbel und, ja, auch Original-Werbekampagnen, die hier allesamt von "Sterling Cooper" konzipiert und umgesetzt werden. Das vorzügliche Blog Footnotes of Mad Men listet die Ursprünge jeweils auf.

Überhaupt: Freud!

Allein für die Akribie bei der Gestaltung des Sets hagelte es schon viele Preise. Zuletzt neun Emmys und in Folge Golden Globes.

Ein Meisterstück der Rhetorik dann die Folge, in der Draper erläutert, warum der neue Diaprojektor von Kodak "Carousel" genannt werden wird: "This is not a spaceship, it's a time machine," sagt er. "It takes us to a place where we ache to go again." Dieses "ache" kann hier beides bedeuten: "Das Carousel bringt uns zurück, wohin wir unbedingt wollen." Und auch: "Das Carousel bringt uns dorthin zurück, wo es schmerzhaft wird hinzugehen." Man denke dabei nur an Drapers unverarbeitete Vergangenheit. Ambivalenz aller Valeurs ist das Kennzeichen der Serie. Überhaupt: Freud! Obwohl der erkennbar traumatisierte Draper die Behandlung so dringend benötigt, schickt er seine Frau auf die Couch - und bespricht ihre Sitzungen heimlich mit dem Psychiater.

An der Oberfläche dieser Alles-ist-möglich-Welt herrschen die unhinterfragten Selbstverständlichkeiten und geselligen Stereotypien der Sixties: Es wird nahezu immer geraucht und Hochprozentiges getrunken, schon bei den Morgenmeetings. In jedem Büro steht eine Minibar mit dem Booze, aus dem die gepflegten Räusche sind. Einmal stürmt Drapers Chef morgens in dessen Büro mit den Worten: "Es heißt, dass man Alkoholiker ist, wenn man allein trinkt. Also komme ich zu dir" - und trinkt schweigend neben Drapers Schreibtisch.

Farbige kommen in dieser Welt nur als Aufzugboys vor. Frauen als Subalterne im Job: Sekretärinnen, Stenotypistinnen, Telefonvermittlerinnen und Bürobotinnen. Ansonsten sind sie Freiwild - und das trotz der obligatorischen Suburb-Villen-Gattinnen und putzigen Kinderschar. Um die unehelichen Kinder kümmern sich die damit gesegneten Geliebten - wie im Fall von Peggy Olsen, der einzigen Frau übrigens, der es hier gelingt, gegen alle Widrigkeiten selber so etwas wie eine eigene Karriere zu machen.

Eine, die aus diesem Beutepool besonders hervorsticht, ist Joan Halloway. Eine Art Büro-Schichtführerin, die den Begriff des "Vollweibs" in ganz neue Dimensionen hebt und die sehr genau weiß, wie lange eine Halskette mit Anhänger sein muss, um Blicke zielführend zu lenken. Holloway ist trotz ihrer beeindruckenden Präsenz tatsächlich nahezu unfassbar, sie hat sprichwörtlich keine Vergangenheit, ist mit einem der Agenturgründer seitensprünglich liiert und formuliert kluge Sentenzen für die weiblichen Neuankömmlinge: "In Ihrem Beruf dürfen Sie natürlich keinen Fehler machen", dann zeigt sie auf einen der Texter und spricht weiter: "wie etwa den da."

Diese rothaarige Frühdreißigerin spielt mit ihrer Wirkung. Bei einem Produkttest für Kosmetika sitzt die komplette Männerriege hinter einer halbverspiegelten Scheibe und ergötzt sich an den sich schminkenden Probandinnen. Holloway, die als Einzige von der Observierung weiß, bringt sich vor der Scheibe so in Stellung, dass einer der Voyeure aufsteht und ausruft: "Ich salutiere vor diesem Anblick", was dann auch alle tun.

Unverhohlener Sexismus

Mit anderen Worten: Der unverhohlene Sexismus bei gleichzeitiger Homophobie, ein nicht versteckter Rassismus und Antisemitismus, offener Alkoholismus, überbordender Zigaretten-, dann auch Haschischkonsum machen die Serie auch zu einer Dokumentation politisch inkorrekter Übertretungen - aus heutiger Sicht. Für den historischen Kontext überzeugt hingegen die unmittelbar spürbare Brüchigkeit der gelebten Entwürfe. Jede Folge belegt die Grundaussage des Vorspanns: Das scheinbar gelingende Leben ist ein Sturz aus großer Höhe.

Die Serie, deren Darsteller in Rollenoutfits hinreißend von Annie Leibovitz fotografiert wurden, ist unmittelbar zeitgemäß, und das obwohl sie ihr Sujet 50 Jahre vor unserer Gegenwart ansiedelt. Wirklich bitter macht aber die Tatsache, dass unsere öffentlich-rechtlichen Oldtimer-Bespaßungs- und Musikantenstadl-Sender so etwas niemals, niemals, niemals hinkriegen würden.

Die 1. Staffel (von drei abgeschlossenen!) ist gerade mit deutschen Untertiteln auf DVD erschienen. Der Pay-TV-Sender Fox - unter anderem über die Pay-TV-Plattformen Sky, Unity Media und arenaSat zu sehen - bringt die Serie zu unterschiedlichen Zeiten, jeweils sonntags.

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