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Journalismus in Frankreich:Darf's noch eine Tageszeitung sein?

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Die "Le Monde"-Zentrale in Paris.

(Foto: Miguel Medina/AFP)
  • Nach wiederholten wirtschaftlichen Krisen stiegen drei neue Finanziers bei der französischen Tageszeitung Le Monde ein.
  • Im Oktober 2018 stellte sich heraus, dass einer von ihnen einen Teil seiner Aktien hinter dem Rücken der Redaktion an Daniel Křetinský verkauft hatte, einen tschechischen Unternehmer.
  • Französische Intellektuelle und Künstler äußern sich in einer Solidaritätserklärung besorgt.

Von Joseph Hanimann, Paris

Unten auf der Treppe drängele das Kapital und warte nur drauf, heraufgelassen zu werden, sagte der Herausgeber von Le Monde, Hubert Beuve-Méry, manchmal zu Besuchern in seinem Büro. Und der strenge Zeitungsgründer ließ das Kapital selten herauf.

Er achtete argwöhnisch darauf, sein Blatt gegenüber der Finanzwelt auf Distanz zu halten. Eine "Société des rédacteurs" aus hauseigenen Journalisten, die sich später auch auf andere Angestellte und Abonnenten ausweitete, verfügte mit einem Aktienanteil von rund einem Viertel über eine Sperrminderheit in entscheidenden Fragen. Mit dieser Konstruktion wurde das Abendblatt zu einem Vorbild in der französischen Nachkriegszeit. Nach den Pressekonferenzen des Staatspräsidenten de Gaulle wartete das ganze Land jeweils auf Beuve-Mérys Leitkommentar dazu.

Einen Teil dieses Ansehens hat Le Monde bis heute bewahrt. Mit dem Vetorecht der Redaktion gegenüber den Investoren hingegen ist es vorbei.

Nach wiederholten wirtschaftlichen Krisen stieg 2010 eine Riege aus drei neuen Financiers ins Unternehmen ein: der Unternehmer Xavier Niel, der Bankier Matthieu Pigasse und der inzwischen verstorbene Manager und Mäzen Pierre Bergé. Sie hatten sich zur Gesellschaft "Le Monde libre" (LML) zusammengeschlossen und übernahmen als Mehrheitsaktionäre gemeinsam die Führung von Le Monde und deren Filialen.

Zunächst segelte das Haus stolz der Zukunft entgegen

Als Minderheitsaktionär kam mit 20 Prozent der spanische Prisa-Konzern hinzu. Die redaktionelle Unabhängigkeit bleibe gewährleistet, versicherten die neuen Teilhaber, dafür garantiere der "pôle d'indépendance", ein Gremium aus Redakteuren, Angestellten und Lesern mit einem eigenen Aktienanteil und einer Sperrminorität bei wichtigen Entscheidungen. So segelte das Haus stolz der Zukunft entgegen: Die Redaktion wurde auf knapp 500 Journalisten ausgebaut. Im Oktober 2018 allerdings stellte sich heraus, dass Matthieu Pigasse, einer der drei Hauptaktionäre, 49 Prozent seines 25 Prozent aller Aktien ausmachenden Anteils hinter dem Rücken der Redaktion an den tschechischen Unternehmer Daniel Křetínský verkauft hatte. Vor genau solchen verborgenen Transaktionen hatte man sich sicher geglaubt.

Kauft Kohlekraftwerke und Magazine: Der tschechische Unternehmer Daniel Křetinský.

(Foto: Tolga Akmen/AFP)

Das Auftauchen des tschechischen Milliardärs, der im Energiesektor groß geworden war, unlängst bei der Handelskette Metro einstieg und in Frankreich schon mehrere Medien (wie die Magazine Elle und Marianne) gekauft hat, weckte bei Le Monde Besorgnis. Als im Sommer herauskam, dass Pigasse wohl im Einvernehmen mit Křetínský Verhandlungen mit dem spanischen Konzern Prisa zur Übernahme von dessen Anteilen in der Holding LML führe, brach Alarm aus: Hier wurde offenbar hintenrum an der Eigentümerstruktur der Zeitung gerüttelt. Manche sahen Křetínský schon als künftigen Haupteigentümer.

Pigasse aber beteuerte, er wolle sich nicht zurückziehen und behalte den Rest seines Anteils. Auch hatten Niel und Pigasse dem Unabhängigkeitsgremium im vergangenen Herbst, als die Nachricht vom Einstieg Křetínskýs kam, ein Billigungsrecht bei entscheidenden Veränderungen in der Aktionärsstruktur angeboten. Um die genauen Bestimmungen wird seither gerungen. Es sieht vor, dass das Gremium Einspruch gegen neue potenzielle Hauptaktionäre erheben und Gegenkandidaten vorschlagen kann. Strittig war vor allem die Frage, wie hoch der Preis für diese Alternativlösung dann sein darf.

Pigasse, der seit 2010 angeblich 57 Millionen Euro in die Zeitung investiert hat, bestand darauf, dass der Gegenkandidat mindestens den von seinem eigenen Kandidaten gebotenen Preis zahlen müsse. Das Gremium aber wollte den Preis der Transaktion von einem unabhängigen Experten schätzen lassen. Eine Einigung hat man in der vergangenen Woche gefunden: Pigasse bekam die Zusicherung, dass ihm seine bisherige Investition in die Zeitung dank eines Schwellenverkaufspreises garantiert sei, und unterzeichnete das Billigungsrecht für die Redaktion, genau wie sein Partner Xavier Niel. Bleibt die Frage, was mit dem von Prisa abgestoßenen Aktienanteil passiert.

Der umtriebige Kapital- und Ideenbeweger Niel regt an, diese Anteile zusammen mit Pigasse zu erwerben und dem Unabhängigkeitsgremium zu vermachen, um dessen finanzielle Teilhabe am Unternehmen zu stärken. Überdies schlägt er vor, die 75 Prozent Aktienanteile, die er, Pigasse und die Erben Pierre Bergés zusammen in der "Le Monde"-Holding LML haben, in eine Stiftung zu überführen und damit vor spekulativen Zugriffen zu schützen. Die Redaktion reagierte freudig überrascht, mit einem Hauch Ungläubigkeit: Das wär's! Nur Pigasse hat dazu noch nicht sein letztes Wort gesprochen.

500 Intellektuelle und Künstler haben eine Solidaritätserklärung für die Zeitung unterschrieben

Das Prinzip der redaktionellen Unabhängigkeit dürfe dem Eigentumsrecht nicht in die Quere kommen, mahnte der Bankier bislang. Doch das Umgekehrte darf auch nicht der Fall sein. Zu diesem Dauerdilemma der Presse führt Le Monde gerade ein Parabelstück vor. Das Stiftungsmodell für eine Zeitung ist anderen Ländern nicht neu. In Frankreich, wo man seit dem Krieg keine großen Medienkonzerne aufkommen ließ und weite Teile der Presse in den Händen der Luxus- und der Waffenindustrie liegen, ist es jedoch ungewohnt. Die Machtmittel von Eigentümern und Journalisten sind ungleich: Notorietät gegen Kapital.

Bei Le Monde wusste man sich Ersterer gut zu bedienen. "Wir sind nicht immer einverstanden mit den Standpunkten dieser Zeitung", schrieben gerade 500 Intellektuelle und Künstler, vom Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa über die Schauspielerin Isabelle Huppert bis zu den Schriftstellern Salman Rushdie und Naomi Klein, in einer Solidaritätserklärung für das Blatt. In einer Welt, wo selbst offensichtliche Fakten angezweifelt würden, aber sei die Unabhängigkeit der Medien entscheidend. Bei Le Monde ist der Kampf noch nicht ausgefochten.

© SZ vom 24.09.2019/tmh
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