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Collage: SZ-Grafik

Datingshows versprechen "wahre Liebe" und "echte Emotionen". Dabei war die TV-Partnersuche nie weiter davon entfernt. Über ein heißgelaufenes Genre.

Man stecke elf gut aussehende Menschen drei Wochen lang in ein Haus und schaue, was passiert. Die Männer finden Spanierin Elena heiß, und am Ende ist es der braungebrannte Mike, der sie für sich gewinnt, während seine Verehrerin erst eifersüchtig zurückbleibt und sich dann doch anderweitig unter den Mitbewohnern umsieht.

Eigentlich ein spannendes Experiment. Zu beobachten, wie Zeit und Nähe oberflächliche Attribute übertünchen und stattdessen ungeahnte Gefühle heraufbeschwören. Das ist die Idee der Datingshow Love Island, die im Sommer 2017 bei RTL 2 startete. Das Versprechen: "heiße Flirts und wahre Liebe", und das in einer Villa auf Mallorca bei solider 30-Grad-Hitze, die es den Kandidatinnen und Kandidaten unmöglich macht, mehr zu tragen als Bikini und Badeshorts. Aktuell läuft der Castingaufruf zur dritten Staffel, und wieder werden "körperbewusste Männer und Frauen" zwischen 18 und 35 gesucht, um sich von Kameras dabei beobachten zu lassen, wie das denn so funktioniert, das, nun ja, Verlieben. Auch sonst kommt man im aktuellen Fernsehprogramm kaum um Datingshows herum: Matchmakers - Heimlich verkuppelt (Freunde suchen Single-Freunden einen Partner), Match Factor (Single-Mann kürt in fünf Spielrunden eine Auserwählte aus 14 Kandidatinnen), First Dates - Ein Tisch für zwei (Blind-Dates in kameraüberwachtem Restaurant), der Bachelor (Mann verteilt Rosen an schrumpfende Frauenschar, bis nur noch eine Dame übrig bleibt) oder die Bachelorette (Frau verteilt Rosen). Und das sind längst nicht alle.

Beharrlich beschwören Reality-TV-Kuppelshows die Idee der romantischen Liebe - und inszenieren die Suche danach als rasanten Wettbewerb. Dabei werden die Spielregeln immer extremer. In Adam sucht Eva - Gestrandet im Paradies (RTL) lernen sich die teils halbprominenten Teilnehmer splitternackt auf einer einsamen Insel kennen.

Am Anfang all dessen stand der zunächst recht unschuldige mediale Anspruch, ein Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit zu stillen, ganz ohne Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus- oder bloßzustellen: Der WDR wagte 1974 mit Spätere Heirat nicht ausgeschlossen den Schritt in die Vermittlung Alleinstehender.

Möglichst unspektakulär sollte das sein, so seriös wie möglich, ohne "Psycho-Spielchen", wie der verantwortliche WDR-Redakteur Rolf Spinrads zu Protokoll gab. Heißt: wenig Schnitte, keine Wettkämpfe, nicht einmal ein Studiopublikum. Moderator Reinhard Münchenhagen plauderte in jeder Folge mit drei Heiratswilligen über ihr Leben, ihre Interessen, ihren Beruf und ihre Vorstellung von dem idealen Partner, den sie durch ihren Auftritt zu erreichen erhofften. Die Sendung lief bis 1981, sechs Jahre später katapultierte die ARD Herzblatt in den Quotenhimmel. Jene Sendung, in der sich je drei Kandidatinnen oder Kandidaten hinter einer blickdichten Wand den kessen Fragen eines Beziehungssuchenden stellen ("Ich habe eine sehr dominante Mutter und 15 hübsche Mitarbeiterinnen. Kandidatin eins, wie setzt du dich gegen sie durch?"). Je origineller die Antwort, desto wahrscheinlicher das Liebesglück ("Wenn du bisher mit deinen 16 Frauen so gut ausgekommen bist, sollte eine mehr doch gar nicht mehr schocken"). Nach drei Fragerunden säuselte Off-Stimme Susi ihre Zusammenfassung.

Mit Herzblatt begann der kommerzielle Erfolg des TV-Datings, das in den Neunzigern boomte. Und mit wachsender Konkurrenz nahmen die Formate perfidere Formen an. Während RTL in Tutti Frutti Normalos strippen ließ, beriet Dr. Lüstern in der WDR-Produktion Lustfaktor 10 Jugendliche bei der Partnerwahl. Selbstironie durchtränkte spätere Titel wie Sommer sucht Sprosse (Sat 1, 1996), Grünschnäbel (ARD, 1996) oder Bzzz - Singles am Drücker (Sat 1, 1997).

"Beziehungen werden in Datingshows inszeniert und nicht realisiert", sagt Joan Bleicher, Professorin für Medienwissenschaften an der Universität Hamburg. "Skurrile Kandidatinnen und Kandidaten oder witzige Formulierungen etwa in den Off-Kommentaren zählten schon früh mehr als die tatsächliche Liebe." Weil die Liebe "ein menschliches Urgefühl" sei, finde sie sich über alle Genres hinweg im Unterhaltungsangebot. In Serien, Filmen - und eben auch Shows.

Warum aber erschöpft sich das immer gleiche Spiel nicht? Für Bleicher gibt es aus Sicht des Publikums zwei Gründe. Erstens: das dramaturgische Prinzip des offenen Ausgangs. "Zuschauer wollen wissen, wer das Paarungscasting erfolgreich durchläuft." Zweitens, und hier wird's gemein, liege der Unterhaltungswert darin, bei den Teilnehmern eine Kluft zwischen strategischer Selbstinszenierung und tatsächlicher Außenwirkung festzustellen. Also: Werden die Mikes und Elenas durch ihre Auftritte in Villen und auf FKK-Inseln tatsächlich so berühmt und beliebt, wie sie es sich versprechen? Oder doch nur beschmunzelt?

Stellt sich folglich die Frage: Warum lassen sich diesem Risiko zum Trotz mehr Menschen denn je vor laufenden Kameras verkuppeln? Shona Fraser ist Leiterin der RTL 2-Redaktion Entertainment & Development und verantwortlich für Love Island und Naked Attraction, beides Shows, in denen leicht- bis unbekleidete Leute verkuppelt werden. "Jeder sehnt sich in seinem Leben nach der großen Liebe", sagt Fraser. "Kandidaten, die sich in einer TV-Sendung auf die Suche begeben, können fest davon ausgehen, dass sie auf Personen mit ähnlichen Interessen und Einstellungen treffen."

Na ja, zunächst wäre da mal das Geld. Die in der Regel bezahlten Gagen sowie die meist ausgelobten Gewinnsummen oder Reisen für das verkuppelte Paar. Außerdem kann viel Geld fließen, wenn sich die Liebesgeschichten aus dem TV im Internet fortsetzen: Instagram-Reichweiten von Kandidaten explodieren, die Abonnentenzahl liegt schlagartig im fünf- oder sechsstelligen Bereich, Werbeverträge und Influencerkarrieren winken. Aber davon mal abgesehen: Hat RTL 2-Romantikerin Fraser recht? Darf man als Teilnehmer wirklich auch mit der Liebe rechnen?

Klar, es gibt sie, die Vorzeigepaare wie Elena Miras und Mike Heiter, die sich bei Love Island kennengelernt haben, Eltern wurden und ihr Liebes- und Familienleben auf Instagram teilen. Auch das jüngste Bachelor-Paar Andrej Mangold und Jennifer Lange bekundet öffentlich große Gefühle - wie viele andere auch. Helen und Antonio Majic sind verheiratet und Eltern - dabei war er Rosenaspirant bei der Bachelorette, sie Rosenaspirantin beim Bachelor; letztlich wählten sie einander.

Wer sich im TV kennenlernt, bestimmen Dritte je nach TV-Tauglichkeit. Wer sieht gut aus? Wer spricht verständlich? Oder: Wer macht sich quotenträchtig zum Deppen? Das Publikum hat sich längst an die arrangierten Bedingungen und das künstliche Setting (melodramatische Musik, Reisekatalogkulisse, produktplatzierte Getränke) gewöhnt. Der Spielcharakter ist erkannt, das Publikum in seinem voyeuristischen Begehren ertappt, aber auch befriedigt. Nur: Was soll noch kommen?

Die Kuppelshow-Maschinerie ist so heißgelaufen, dass die Rückkehr zu einem dokumentarischen Datingformat wie der jungfräulichen WDR-Idee der Siebziger eine willkommene Abwechslung wäre. Kennenlernen, vollbekleidet und frei von Affekt und Effekt. Wow.