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Ksenia Sobtschak:Fürs Erste

Als Ksenia Sobtschak 2018 bei der Präsidentenwahl antrat, galt sie vielen als ideale Besetzung in einem laschen Wahlkampf. Sie erhielt 1,7 Prozent.

(Foto: Alexander Nemenov/AFP)

Die Moderatorin kennt in Russland jeder. Obwohl sie nach dem Besuch von Protestveranstaltungen aus dem Fernsehprogramm verbannt wurde. Jetzt ist sie zurück. Ein Triumph?

Es ist Sonntagabend, 22.30 Uhr, Kamera läuft. Ksenia Sobtschak spaziert bei der Anmoderation gewandt und zielstrebig durch das neue Studio. Sie trägt ein langes schwarzes Kleid, etwas, das man sonst selten an ihr sieht. Aber es ist an diesem Abend sehr angemessen. Es geht um den tragischen Fall dreier russischer Schwestern, die ihren gewalttätigen Vater nach langer Tyrannei getötet haben. Ein großes Thema in Russland, wenngleich nicht neu. Sobtschak sagt, das Studiopublikum im Rücken: "Ich heiße Ksenia Sobtschak und ich möchte Ihnen ein ganz neues Format vorstellen."

Das "Ich heiße Ksenia Sobtschak" ist eine große Untertreibung. Jeder in Russland weiß, wer sie ist. Das "ganz neue Format" wird hinterher von Zuschauern und Kritikern zerpflückt, weil es ihnen doch nicht so innovativ erscheint wie angepriesen. "Dok Tok", also Doc Talk, ist immerhin neu im Programm, eine Doku-Talkshow, mit Einspielern, Interviews, Debatten. Das große Ereignis aber ist: Ksenia Sobtschak ist zurück im nationalen russischen Fernsehen. Und das im Ersten Kanal. Empfangbar von der Ostsee bis zum Japanischen Meer. Nach Triumphen und einer inoffiziellen Verbannung ist es eine Art staatlich geprüfte Rehabilitierung. Eine mediale Versöhnung vor den Augen einer Nation. Oder zumindest mal die jüngste Windung einer spektakulären Karriere. Die Internetzeitung fontanka.ru schreibt von einer "Odyssee", von einem "langen Weg" ins Erste.

Manche klebten ihr das Label "russische Paris Hilton" auf

Ksenia Sobtschak ist 38, und wer weiß, ob Wladimir Wladimirowitsch Putin jemals Russlands Präsident geworden wäre ohne ihren Vater. Anatolij Sobtschak war nach dem sowjetischen Kollaps einer der Reformer der ersten Stunde. Ein geschätzter Liberaler, Bürgermeister in Sankt Petersburg und Putins großer politischer Förderer. Sein Chef in Petersburg. Als Sobtschak 2000 starb, war Putin Präsident, und Tochter Ksenia 19. Bevor sie zu einem gesamtgesellschaftlichen Ereignis wurde, zu Russlands bekanntester Celebrity, manche klebten ihr das Label "russische Paris Hilton" auf, bevor sie also auf einer Woge des Erfolgs schwamm, studierte sie internationale Politik an der angesehenen Kaderschmiede MGIMO. Sie promovierte, ging dann zum Fernsehen, und niemand wunderte sich.

Ksenia Sobtschak standen alle Wege offen, und sie nutzte sie. Sobtschaks Moderation der russischen Big-Brother-Variante Haus 2 wurde ein so großer Erfolg, dass ihr alles weitere offenstand: eine Sendung namens Blondine in Schokolade, Zirkus mit Stars (im Ersten Kanal), sie moderierte die Millionärsshow, Russia's next Topmodel und wurde zunehmend sichtbar auf allen Kanälen. Mühelos pendelte Ksenia Sobtschak zwischen Polittalk, Tanzshow und Glamour-Formaten, intelligent und telegen, charmant und ernst, maximal variantenreich einsetzbar in allen Genres der Unterhaltungsindustrie. Nebenher schrieb sie Bücher wie jenes über das Alphabet der Schönheit. Dann änderte sich ihre schöne Welt.

Russlands bekannteste Fernsehmoderatorin ging auf eine Protestveranstaltung. Sie war nicht die Einzige, es begann die Zeit der Massendemonstrationen, im Protestwinter 2011/12, aber dass nun Ksenia Sobtschak, bekannt aus Funk und Fernsehen, das Wort gegen die Führung ergriff, irritierte sogar die Demonstranten. Sie wurde ausgepfiffen. Sie selber ließ sich davon nicht irritieren, ging monatelang zu jedem der großen Proteste und erregte sehr großes Aufsehen, als sie auf "MTV Russland" mit einer Reihe von Oppositionellen debattierte. Sobtschaks Karriere kippte.

Sie verlor nicht nur den Zugang zu den großen landesweiten Sendern, sondern auch erst mal eine Stange Geld. Als Ermittler wegen der Protestunruhen ihre Wohnung durchsuchten, fanden sie etwa eine Million Euro und stellten sie sicher. Das Geld bekam sie später zurück, nicht aber die herrlichen Sendeplätze. Staatliche Gunst oder Missgunst, der Weg ins reichweitenstarke Fernsehen frei oder versperrt - in Russland hängt all das besonders eng zusammen. Selbst Ksenia Sobtschak, die sich immer wieder mit Präsident Putin traf, immer dann, wenn sich der Todestag ihres Vaters jährte, bekam das zu spüren. Als sie für MTV den Oppositionsführer Alexej Nawalny einladen wollte, wurde ihre Sendung abgesetzt, Ksenia Sobtschak musste ausweichen ins regierungskritische Nischenfernsehen.

Eine seltsame Metamorphose war das im russischen Fernsehen: Sobtschak, jahrelang getragen von einem Netz aus allerbesten Beziehungen, nun also beim respektablen, aber doch kleinen Internetsender Doschd (Regen) und bei Youtube.

Plötzlich ist sie im beliebten, einflussreichen halbstaatlichen ersten Kanal zu sehen

Angeblich spielte sie vor ein paar Jahren sogar mit dem Gedanken, aus Angst um ihr Leben das Land zu verlassen. Sie dementierte, dass ein mit Wein angereichertes Fest eine Abschiedsparty gewesen sei. Schwer zu sagen, wann und weshalb genau Sobtschak wieder national salonfähig wurde. Bei einer live übertragenen großen Pressekonferenz hatte sie, aufgerufen von Putin, die Chuzpe, ihn zu fragen, warum es bei den Wahlen keine Konkurrenz gebe, ob "die Staatsmacht wirklich so viel Angst vor einem ehrlichen Wettbewerb" habe. Sie trat dann 2018 selber bei der Präsidentenwahl an, und schon da spekulierte man üppig darüber, Ksenia Sobtschak sei für den Kreml die perfekte und sehr viel Aufmerksamkeit bindende Besetzung in einem laschen Wahlkampf. Eine ideale Ersatz-Kandidatin für den nicht zugelassenen Nawalny. Das mit der Aufmerksamkeit hat funktioniert. Viele Stimmen zog sie nicht auf sich. Sobtschak erhielt 1,7 Prozent.

Vermutlich war alles nur Symbolik. Und jetzt ist sie ja auch zurück. Im landesweit beliebten, einflussreichen halbstaatlichen Fernsehen. Wieso genau, gehört zu den vielen Rätseln, die Ksenia Sobtschak umgeben. Sie hat im vergangenen Sommer wieder geheiratet, den Theaterregisseur Konstantin Bogomolow, der wiederum als Unterstützer des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin gilt.

Der Erfolg ist jedenfalls zurück. Fürs Erste zumindest. Sicher ist er natürlich trotzdem nicht. Viele Kritiken bewegten sich zwischen schlecht und sehr schlecht. "Schade um die Zeit", war eine der Bemerkungen, doch das bitterste Fazit zog die Internetzeitung fontanka.ru. Sie spielte auf den Produzenten der Sendung an und schrieb: "Wenn Konstantin Ernst die Kommentare liest, kann man die Show schließen." Schlicht unpopulär - auch so unpolitisch einfach könnte man in Russland aus dem Programm fallen.

© SZ vom 13.02.2020
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