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Krimidrama:Ohnmacht auf allen Seiten

Vermisst in Berlin

Judith Volkmann (Jördis Triebel) forscht nach Djamal (Lilien Batman).

(Foto: ZDF)

In dem Fernsehfilm "Vermisst in Berlin" gelingt es den Machern, das kaum erträgliche Thema der Kinderprostitution dezent und einnehmend zugleich zu thematisieren.

Judith Volkmann war mal Kommissarin. Wahrscheinlich eine gute, man kann das nur vermuten, sie ist auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Warum genau, bleibt im ZDF-Krimidrama Vermisst in Berlin unklar. In dem Etablissement, in dem sie nun kellnert, wird Hummer serviert, und in die Slips der Pole-Tänzerinnen werden Hunderter gesteckt. Doch Polizistin zu sein, gibt man nicht auf, sobald man Waffe und Marke abgibt. Während sie Champagner nachschenkt, entgeht ihr nichts: weder die koksenden Drogenclanchefs noch ihre Begleiterin mit dem schlecht überschminkten blauen Auge. Volkmann, fantastisch gespielt von Jördis Triebel, lässt es passieren. Erst als ihr nach einer Schicht ein kleiner Junge vors Auto läuft und in die Nacht verschwindet, ist sie sofort wieder Ermittlerin. Der Junge, der sich allein in der Stadt herumtreibt, muss ein Flüchtlingskind sein, vermutet sie. Um ihn zu suchen, will sie zunächst die Kollegen von früher einspannen.

Die Rahmenbedingungen von Vermisst in Berlin sind realer als man gerne glauben will. In Deutschland werden Tausende unbegleitete Flüchtlinge vermisst, hunderte sind jünger als 14. Die Ohnmacht auf allen Seiten wollten die Drehbuchautorinnen Frauke Hunfeld und Silke Zertz in dem Film verarbeiten. Sie haben mit Flüchtlingen, Helfern und Beamten gesprochen, über Drogen- und Menschenhandel und den Flüchtlingsstrich im Tiergarten.

Volkmanns frühere Kollegen haben längst resigniert. "Wenn es ein deutsches Kind gewesen wäre, hättet ihr ne Riesen-Soko gebildet", sagt sie zu ihrem alten Vorgesetzten Deniz Kovačević, dargestellt von Edin Hasanovic. Also sucht sie allein nach Djamal, irgendwann hat sie wenigstens einen Namen, dabei begegnen ihr noch mehr Kinder wie er. Eines hat in einer Kirche biwakiert, in der Not einen Igel gegrillt und gegessen. Auf seiner Matratze findet Volkmann Blut und andere DNA. Immer wieder sieht man Männer, die im Park Jungs ansprechen und mitnehmen. Ein Junge wird tot in einem Keller gefunden.

Vermisst in Berlin bemüht keine Klischees, Hunfeld und Zertz erzählen sorgfältig und lassen erfrischend wenig Platz für schwierige Privatleben, wie sie heute bei Fernsehermittlern Standard sind. Einzig Volkmanns überforderte Schwester und deren Tochter leben bei ihr, und der korrekte Chef Kovačević kämpft damit, dass er noch so erfolgreich sein kann und für die Kollegen, sagt er, immer "der Kanake" bleibe.

Die Regisseurin Sherry Hormann hat mit dem Kinofilm Wüstenblume, der Natascha-Kampusch-Verfilmung 3096 Tage und Jagdgesellschaft, der Fortsetzung von Operation Zucker über einen Kinderprostitutionsring, bereits kaum erträgliche Themen dezent und einnehmend zugleich umgesetzt. Das gelingt ihr auch in diesem Film, den vor allem Jördis Triebels wahrhaftiges, wütendes Spiel trägt, besonders wenn sie auf die Kontrahentin (Natalia Wörner) trifft: Evelyn Kraft, Ex-Hure, Clanboss-Geliebte und Geschäftsführerin mehrerer Flüchtlingsunterkünfte. Eine undurchsichtige Frau, die geflohene Jugendliche, wohl auch Kinder, in die Prostitution vermittelt, und denkt, dass sie damit Gutes tut. In diesem Film wird schnell klar: Hier kann es nur Verlierer geben.

Vermisst in Berlin, ZDF, 20.15 Uhr.