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Konstruktiver Journalismus:"Man wirbt immer"

Maren Urner, 34, promovierte in Kognitions- und Neurowissenschaften 2016 gründete sie Perspective Daily mit, ein Online-Magazin für Konstruktiven Journalismus. Seit April 2019 ist sie Dozentin in Köln.

(Foto: Privat)

Positiver Perspektivwechsel oder Kuschelkurs? Sender setzen auf lösungsorientierte Formate. Ein Gespräch mit Wissenschaftlerin Maren Urner.

Die Tagesschau zeigt jetzt ein Format namens #Lösungsfinder, das es sich zum Ziel gesetzt hat, nicht nur von Problemen zu berichten, sondern auch Auswege aufzuzeigen. Wohnungsmangel, Pflegekrise, Hebammennotstand. Auch das ZDF will mit der Dokureihe Plan B einen "lösungsorientierten Blick auf aktuelle Probleme" werfen. Europa, Umweltschutz und nachhaltiges Grillen. Der konstruktive Journalismus treibt immer neue Blüten, jenes Konzept aus Skandinavien, das Problemberichterstattung durch lösungsorientierte Ansätze korrigieren will. Kritiker sprechen von "Zuckerwatten-Journalismus" und beanstanden, dass zu einfache Lösungen für komplexe Probleme vorgeschlagen würden oder Beiträge zu werblich gerieten. Maren Urner hingegen ist eine der größten Verfechterinnen.

SZ: Frau Urner, Sie haben als Journalistin gearbeitet, sich dann aber für Neurowissenschaften entschieden. Wie arbeiten Journalisten im Vergleich zu Empirikern?

Maren Urner: Auf keinen Fall neutral oder objektiv.

Wie dann?

Journalisten informieren andere Menschen darüber, was in der Welt passiert.

Und Sie sagen, die können das gar nicht richtig.

Ja, sie informieren die Leute leider nicht realistisch.

Journalisten können ihren Job nicht?

Wissenschaftler haben empirisch bewiesen, dass das Weltbild von Journalisten noch negativer ist als das Weltbild der Gesamtbevölkerung. Wie sollen sie dann die Welt richtig darstellen?

Worauf stützen Sie sich?

Am besten fasst Hans Rosling, der Gründer der Gapminder-Stiftung, diese Erkenntnisse zusammen. Das deckt sich auch mit meinem Eindruck. Bei meinen Vorträgen und Workshops mache ich mit den Leuten den Ignoranztest von Rosling, mit dem man messen kann, wie realistisch das eigene Wissen über den Zustand der Welt ist. Und ich merke: Die Menschen haben ein zu negatives Weltbild. Die Mehrheit der Deutschen schätzt zum Beispiel die Alphabetisierungsrate weltweit zwischen 40 und 60 Prozent ein, sie liegt tatsächlich aber bei 86 Prozent. Ähnlich sieht es bei Fragen nach Kindersterblichkeit oder Toten bei Naturkatastrophen aus.

Ich hatte noch nie so ein schlechtes Bild vom Journalismus wie nach der Lektüre Ihres Buches. Sie schreiben von "regelrechter Bombardierung" mit negativen Nachrichten, und dass das den Hormonhaushalt durcheinanderbringen, depressiv machen, Infarkte verursachen könne.

Das stimmt mich nachdenklich. Ich will den Journalismus eigentlich nicht schlechtmachen.

Was soll das überhaupt sein, "negative Berichterstattung"?

Wissenschaftler bestimmen das so: Sie nehmen aus einem Artikel bestimmte Begriffe oder Aussagen, die sie als negativ einstufen, und zählen, wie oft sie vorkommen. Grundsätzlich kann man sagen, eine Nachricht ist negativ, wenn sie nach der Problembeschreibung aufhört. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Erde erhitzt sich, Kriegsverbrechen, solche Dinge. Und dann werden die Menschen damit allein gelassen.

Bleiben wir bei der Empirie. Eine große Tageszeitung titelt: "Verluste für Union und SPD bei Europawahl". Ist das schon negativ wegen des Worts "Verluste"?

Man hätte genauso gut titeln können "Grüne verdoppeln das Ergebnis" oder "hohe Wahlbeteiligung". Dann hätten die Menschen schon mit einer anderen Grundeinstellung angefangen, diesen Artikel zu lesen. Jetzt kommt aber das Fiese unseres Gehirns dazu: Wahrscheinlich werden mehr Menschen diesen Artikel lesen, wenn die Überschrift negativ formuliert ist. Denn wir alle haben die Tendenz, auf Negatives schneller anzuspringen als auf Positives.

Aber damit ginge die Kernaussage flöten. Und geht es denn nicht auch um Aufmerksamkeit?

Das Gegenteil von negativer Berichterstattung ist nicht positive Berichterstattung. Sondern konstruktive. Journalisten sollten sich beim Berichten eine konstruktive Brille aufsetzen.

Ein Beispiel, bitte.

Cathrine Gyldensted hat 2008 über die Finanzkrise berichtet. Sie ist zu den Leuten gegangen, die alles verloren haben und hat sie gefragt: Wie schlecht geht es euch, wen macht ihr für diese Misere verantwortlich? Danach hat sie aber andere Fragen gestellt, wie: Was hat dir geholfen, wer hat dich unterstützt, was hättest du gebraucht, damit es dir besser geht? Sie hat gemerkt, dass dabei ein anderer Artikel rauskommt. Und er löst auch bei den Rezipienten ein anderes Denken aus. Eins, das nach vorne gerichtet ist, mit der Aussicht auf Besserung.

Konstruktiver Journalismus will Einordnung, Wissen und die Frage "Wie geht es weiter?". Klingt höchstens nach einer Erweiterung des Qualitätsjournalismus.

Ja, ist es in vielerlei Hinsicht auch.

Warum halten Sie dann an dem Begriff des konstruktiven Journalismus fest?

Es gab schon immer konstruktiven Journalismus. Da steht nur nicht immer dieses Label drauf. Aber wir haben noch nicht genug davon. Wir müssen uns gerade im Online-Journalismus fragen, wie wir Menschen überhaupt noch informieren können. Wie wir sie über eine schockierende Schlagzeile hinaus erreichen können. Es gibt viele, die durchaus an politischen Zusammenhängen interessiert sind, sich aber von klassischen Medien abwenden. Es überfordert, stimmt negativ, macht passiv.

Ist es denn Aufgabe der Medien, den Menschen ein gutes Gefühl zu vermitteln?

Nein. Aber es gibt Studien, die zeigen, dass Arbeitnehmer, die morgens Nachrichten gucken, weniger effizient arbeiten.

Es ist nicht Aufgabe des Journalisten, dass Menschen effizienter arbeiten. Er will, dass sie informierter zur Arbeit gehen.

Aber dabei beeinflusst er sie. Diese Verantwortung liegt auch beim Journalisten. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen: Jede Nachricht verändert etwas in den Köpfen der Menschen. Allein dadurch, dass ich bestimmte Wörter verwende, wie beim Framing, ist es schon Beeinflussung. Stellen Sie sich vor, es gibt immer noch Journalisten, die behaupten, dass es objektiven Journalismus gibt.

Was ist verkehrt an Objektivität?

Sie ist eine Illusion. Zugespitzt gesagt, ist jede Information, die ich in die Welt setze, Aktivismus. Man wirbt immer für irgendwas.

Was ist denn mit Fakten?

Die meisten Menschen denken, dass das, was sie wahrnehmen, ungefähr der Realität entspricht. Dabei ist Wahrnehmung immer subjektiv und selbst beim Einzelnen von so vielen Faktoren abhängig, egal ob es Müdigkeit, Kaffeekonsum oder schlechte Laune ist. Was nicht heißt, dass es keine Fakten auf dieser Welt gibt. Konstruktiver Journalismus will einfach, dass die Journalisten sich darüber bewusst werden, welchen Einfluss sie haben.

Ihr Buch heißt "Schluss mit dem täglichen Weltuntergang - Wie wir uns gegen die Vermüllung unserer Gehirne wehren". Sie haben selbst mal gesagt, Sie seien eigentlich ein pessimistischer Mensch.

Stimmt. Als ich zum ersten Mal den Ignoranztest gemacht habe, war ich viel zu negativ. Das Buch ist auch so etwas wie Eigentherapie. Und ich kann definitiv erste therapeutische Erfolge beobachten.

© SZ vom 07.06.2019
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