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Attacke in Washington:"Wir müssen leider abbrechen"

Trümmer der vierten Gewalt: Zerstörte Kameras vor dem Kapitol.

(Foto: CAMILLE CAMDESSUS/AFP)

Der Sturm auf das Kapitol war auch ein Angriff auf die Presse. Was die Medien und ihr Publikum daraus lernen können.

Von Georg Mascolo

Nicht nur eine, sondern zwei Institutionen, ohne die Demokratie nicht sein kann, sind am vergangenen Mittwoch in den USA angegriffen worden. Ein Mob aus Anhängern eines abgewählten Präsidenten stürmte nicht nur das Kapitol, jenen Ort, vor dem Donald Trump 1448 Tage zuvor einen Meineid ablegte. Er hatte versprochen, die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika zu schützen und zu verteidigen.

Die Demonstranten attackierten auch die Journalistinnen und Journalisten, die über diesen Angriff berichteten. Das Publikum war live dabei, als sich die deutsche Korrespondentin Claudia Buckenmaier in einer Schalte mit den Tagesthemen in Sicherheit bringen musste: "Wir müssen leider abbrechen." Elmar Theveßen vom ZDF ergriff ebenfalls die Flucht, als Trump-Anhänger an der Ostseite des Parlaments eine Absperrung durchbrachen und mit dem Ruf "Fake News, Fake News" auf ihn zukamen. Es blieb nicht bei verbalen Attacken, schließlich griffen sich die Trump-Anhänger Fernsehkameras und Stative, türmten sie auf und zertrampelten das Equipment mit ihren Füßen. Immerhin die Kamera hatte Theveßens Team retten können, zurück blieb allerdings ein Handy, mit den eingespeicherten Nummern der Redaktion des heute journals. So sandte ein Trump-Anhänger Schmähungen und Beleidigungen auch gleich noch direkt nach Mainz.

Man kann am Beispiel der USA ganz gut sehen, was passiert, wenn Medien den Verstand verlieren

Was für ein Symbol. Kein Report über den ohnehin beklagenswerten Zustand der weltweiten Pressefreiheit wird in den nächsten Jahren ohne diese Bilder erscheinen können. Auch weil sie nicht aus China, Russland oder Belarus stammen, sondern aus einem Land, das sich historisch wie kein anderes um die Meinungsfreiheit verdient gemacht hat. Auf einer Tür des Kapitols blieb diese Aufschrift zurück: "Murder the media". Tötet die Medien.

Die beiden Ereignisse dieses 6. Januar sind untrennbar miteinander verbunden. Die Attacke auf das Parlament hatte Trump herbeigeführt, indem er seit Wochen behauptete, die Wahl sei ein Betrug. Er habe gewonnen. Die Grundlage für die Gewalt gegenüber den Journalistinnen und Journalisten hat noch eine längere Vorgeschichte. Seit Jahren schon bezeichnet Trump sie wahlweise als Fälscher, als krank, als Abschaum oder Feinde des Volkes. "Wir haben es mit jemandem zu tun, der uns auf eine Art und Weise angreift, die es nie zuvor gab", warnte früh der Chefredakteur der New York Times, Dean Baquet. Und gemeinsam mit seinem Kollegen Marty Baron, dem Chefredakteur der Washington Post, sorgte er sich im um die Sicherheit der Auslandskorrespondentinnen und Auslandskorrespondenten der beiden Blätter. Könnten sich Regime in aller Welt nicht geradezu ermuntert fühlen, gegen Journalistinnen und Journalisten vorzugehen, wenn der US-Präsident einen solchen Ton vorgibt?

Die Prophezeiung war richtig, nur der Ort war falsch. Es geschah in Washington D.C. Gewalt beginnt immer mit Worten.

Das Geschäftsmodell der Polarisierung funktioniert viel zu gut

Auf die Liste der Schuldigen für beide Ereignisse gehören aber nicht Trump und weite Teile der republikanischen Partei allein. Sie wäre unvollständig, würde man nicht auch einen Teil der US-Medien nennen, allen voran Fernsehsender wie Fox News. Die USA sind auch im Bereich der Medien ein Land schwer zu erklärender Widersprüche. Aus dem Land kommt der beste und der schlechteste Journalismus der Welt - der Grund, stolz auf diesen Beruf zu sein, oder sich dafür zu schämen. Da sind Blätter wie die New York Times, die sich um Faktentreue, Fairness und eine strikte Trennung von Nachricht und Kommentierung bemühen. Und Fox und all die anderen, die sich für Handwerk, Professionalität und Integrität überhaupt nicht interessieren. Sie haben kein Interesse daran, Argument und Gegenargument abzubilden, oder Fakten von Fiktion und Verschwörung zu trennen. Ihre Methode ist ein hämmernder Ton der Daueranklage. Über Fox News sagte Barack Obama einmal diesen Satz: Wenn er sich das anschauen würde, "dann würde ich mich auch nicht wählen". Das großartige Recht auf eine eigene Meinung ist etwas anderes als das Recht auf eigene Fakten. Informieren heißt nicht missionieren.

Nach der verlorenen Wahl wandte sich Fox News langsam von Trump ab. Die gleichen Leute, die den Ton voll aufgedreht hatten, wollen ihn jetzt abdrehen, eine späte Absetzbewegung, die nun auch bei Twitter oder Facebook zu beobachten ist. Aber das Geschäftsmodell der nackten Polarisierung, der Filterblase, funktioniert viel zu gut, die nächste Garde steht schon bereit. Noch an diesem 6. Januar legte der Sender One America News Network nahe, dass es sich bei der Menge vor dem Capitol um Mitglieder der linken Antifa handele. Man kann am Beispiel der USA ganz gut sehen, was passiert, wenn Medien den Verstand verlieren. Einige von ihnen haben Hand in Hand mit Trump die Demokratie von innen heraus attackiert und ihr großen Schaden zugefügt. Sie haben übrigens damit bereits schon lange vor Trump begonnen und sie werden weitermachen. Vielleicht tut er es auch selbst. Die Spekulationen über einen Fernsehsender namens TNN, Trump News Network, gibt es lange, sie sind nie verstummt. Leider findet sich die Tendenz, journalistische Grundtugenden aufzugeben, nicht nur im rechten Lager, wenn auch nicht in diesem Ausmaß.

Gedanklich entsicherte Typen finden sich auf beiden Seiten des Atlantiks

Am Tag danach meldete sich in Berlin ein erschrockener Bundespräsident zu Wort. Frank-Walter Steinmeier erinnerte dabei auch an "jene Bilder, als Gegner der Demokratie die Stufen unseres Reichstags besetzten". Von amerikanischen Verhältnissen sind wir weit entfernt. Aber nur, was das Ausmaß des Irrsinns angeht, nicht die Methode. Wer glaubt, was der AfD-Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller bei einer späteren Anti-Corona-Demonstration an Verschwörungsmythen verbreitete, der muss einen Sturm auf den Reichstag als Bürgerpflicht verstehen.

Anhänger der stark wachsenden QAnon-Bewegung waren in Berlin und in Washington dabei, Querdenker, "Reichsbürger" und Trump-Anhänger würden schnell zueinanderfinden mit ihren Überzeugungen: Der Staat und seine Eliten belügt uns, die Medien sind korrupt, dunkle Mächte sind am Werk. Wir müssen uns unser Parlament zurückerobern. Ein vertraulicher Bericht des Verfassungsschutzes beschrieb das Phänomen im November so: Ein "ausgeprägter Glaube an Verschwörungstheorien" könne "die Bereitschaft zu kriminellen Handlungen fördern". Ihren Anhängern lieferten sie "Rechtfertigungsansätze", so würden dann etwa "Angriffe auf Regierungseinrichtungen" als Akte der "Selbstverteidigung" begriffen. Gedanklich entsicherte Typen finden sich auf beiden Seiten des Atlantiks.

Über die Stufen des Reichstags ging es in diesem August in Berlin nicht hinaus, die Türen waren verschlossen und zumindest auch von innen bewacht. Und nirgendwo in diesem Land gab es jemals Bilder wie jene der erbeuteten und zusammengetretenen Kameras. Es gibt kritische Fragen an Medien, die oft notwendig oder sogar überfällig sind. Sie kommen auch immer wieder von jenen, die Qualitätsmedien grundsätzlich vertrauen und vertrauen wollen - guten Tageszeitungen, Magazinen oder den öffentlich-rechtlichen Sendern. Und es gibt eine laute Minderheit - ihr Schlagwort für das, was Trump "Feinde des Volkes" nennt, heißt Lügenpresse. Es gibt Bedrohungen, Beschimpfungen, verbale und reale Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten. Im Oktober hing in Minden an einer Brücke über der Weser eine unbekleidete männliche Schaufensterpuppe. Ein Seil war um den Hals geschlungen, die Füße schwebten über dem Boden. Das Bild einer Hinrichtung. Vor dem Bauch hing ein Pappschild mit der Aufschrift "Covid-Presse".

Manchmal ist etwas nur deshalb undenkbar, weil man nicht wahrhaben will, wie weit es schon gekommen ist.

© SZ/tyc
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