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Diversität in Medien:Sag es einfach

Mediengeschichte von Marija Barisic

Gemeinsame Arbeit, mit und ohne Behinderung: Autorin Luise Jäger mit Gründerin Katharina Kropshofer.

(Foto: Clara Porak)

Für das neue Medienprojekt "Andererseits" recherchieren und schreiben Menschen mit und ohne Behinderung. Sie wollen den Journalismus diverser machen und ihm eine andere Perspektive geben.

Von Marija Barišić

Es ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um etwas Neues zu starten, als Clara Porak beschließt, es trotzdem zu tun. Ende März 2020, Österreich ist gerade mitten im Corona-Lockdown, verfasst die freie Journalistin aus Wien einen Online-Aufruf auf Twitter:

Hallo Twitter-Menschen! Ich möchte ein Projekt im Journalismus für #Inklusion beginnen. Gerne teilen, noch lieber mitmachen! Infos in leichter Sprache im Thread! #wildezeitenwildeideen.

Die Idee: Menschen mit intellektueller Behinderung sollen Journalismus machen, also: recherchieren, schreiben, fotografieren, Interviews führen. Und Journalisten ohne Behinderung sollen sie dabei unterstützen. Kurz nach ihrem Posting fragt Porak zwei Freundinnen, ob sie Lust hätten mitzumachen: Katharina Kropshofer und Katharina Brunner, beide arbeiten als freie Journalistinnen in Wien. Ihnen gefällt die Idee, sie wollen Teil davon sein. Eine Redaktion für Menschen mit und ohne Behinderung? Eine radikale Idee, die es so im Journalismus nicht gibt.

Und so ist die Geschichte über das neue österreichische Online-Medium Andererseits auch eine über die Möglichkeiten, den Journalismus zu bereichern.

Clara Porak ist 22 Jahre alt und trägt ein luftiges, buntes Sommerkleid. Wenn sie im Café Kafka in Wien die Beine im Schneidersitz übereinanderlegt, wenn sie mit den Fingern durch ihre langen, blonden Haare streicht und dabei immer wieder verlegen lacht, sieht sie auch genauso aus: wie eine 22-Jährige.

Als Porak zwei Jahre alt ist, kommt ihr kleiner Bruder Matthias auf die Welt. Matthias hat Trisomie 21 - eine genetische Mutation, die bei den Betroffenen eine leichte Lernbehinderung, aber auch eine schwere intellektuelle Behinderung verursachen kann.

Später, als Journalistin, wird Porak Texte darüber schreiben, wie es ist, mit einem Bruder mit Behinderung aufzuwachsen. Sie wird schreiben, dass die Gesellschaft Menschen wie ihren Bruder bemitleidet, dass sie sich manchmal selbst dabei ertappt, und: dass sie sich am liebsten dafür ohrfeigen würde. Weil ihr kleiner Bruder nicht nur hilflos und arm ist, sondern auch jemand, von dem man etwas lernen kann.

Viele Entscheidungen, die Porak im Laufe ihres Lebens getroffen hat, haben mit Matthias und dem Umgang der Gesellschaft mit seiner Behinderung zu tun. Wie etwa die, nach der Schule Bildungswissenschaften zu studieren und sich mit Inklusion zu beschäftigen. Oder eben die, ein inklusives Medienprojekt mitzugründen.

Denn seit sie vor zwei Jahren begonnen hat, als Journalistin zu arbeiten, ärgert sich Porak regelmäßig darüber, wie "katastrophal" die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung ist: "Weil man sie sofort in dieses Mitleidseck stellt, und das finde ich einfach grauslich." Ende März will sie sich nicht mehr länger ärgern, sondern etwas ändern: Sie verfasst den Online-Aufruf.

Es ist der Beginn von Andererseits.

Knapp vier Monate danach zieht Porak ihre Sandalen aus und setzt sich auf den Stuhl an einen großen, runden Tisch. An diesem Dienstag im Juli findet die dritte Redaktionssitzung von Andererseits statt. Neun Personen haben sich dafür gemeinsam mit Porak und den anderen beiden Gründerinnen im vierten Stock der ehemaligen Wirtschaftsuniversität in Wien versammelt. Hier besprechen sie Themen, die sie künftig in ihren Texten behandeln wollen.

"Wir haben letztes Mal über Rassismus gesprochen. Kann sich jemand erinnern, was Rassismus ist?", fragt Porak.

"Viele werden - nur weil sie schwarz sind oder unsere Sprache nicht können - beschimpft. Das ist zum Beispiel rassistisch", antwortet Sebastian Gruber, einer der Redakteure am Tisch.

Mediengeschichte von Marija Barisic

Manche Begriffe werden bei Redaktionssitzungen von Andererseits in einfache Sprache übersetzt, "Rasissmus" etwa. Oder "roter Faden".

(Foto: Clara Porak)

Sebastian Gruber ist 28 Jahre alt. Er hat braune, kurze Haare und redet gern und viel. Während der Redaktionssitzung schaut Gruber allerdings die meiste Zeit auf seinen Laptop, der aufgeklappt vor ihm steht, und macht sich Notizen. Hin und wieder schaut er hoch und sagt etwas, das die anderen zum Lachen bringt. Kurz nach seiner Geburt haben die Ärzte eine Kleinhirnatrophie bei ihm festgestellt, eine Verkleinerung des Kleinhirns, die vor allem seine Motorik und sein Sprechverhalten, aber auch sein Denkvermögen beeinträchtigt. Und obwohl man alles problemlos versteht, was Gruber sagt, hören sich manche Wörter und Sätze ein bisschen angestrengter, lauter an als bei Menschen ohne Kleinhirnatrophie. "Kurz nach meiner Geburt haben die zu meinen Eltern gesagt: Ihr Sohn wird nie sprechen und gehen lernen. Ja, und seit meinem siebten Lebensjahr kann ich gehen und sprechen", sagt er und lacht laut. Es ist eine von vielen Geschichten aus seinem Leben, in denen es darum geht, dass irgendjemand ihm etwas nicht zugetraut und er das Gegenteil bewiesen hat. Er erzählt sie stolz.

Menschen mit intellektueller Behinderung könnten alles verstehen, findet Porak - wenn man es ihnen nur richtig erklärt

Auch Luise Jäger, die neben ihm sitzt und die meiste Zeit an ihrer Himbeerschorle nippt, oder Matthias Porak, der Bruder der Gründerin, haben eine stärker oder schwächer ausgeprägte Form einer intellektuellen Behinderung. Sie brauchen während der Redaktionssitzung Menschen, die ihnen hin und wieder bestimmte Begriffe in einfacher Sprache übersetzen, wie das Wort "Rassismus". Oder "roter Faden". Wenn Clara Porak mit einem der Redakteure spricht, die eine Behinderung haben, fragt sie oft nach: "Was meinst du damit? Kannst du das noch mal erklären? Hast du das verstanden?"

Später im Café erklärt sie: "Ich weiß, dass sehr, sehr viele Menschen mit Behinderung im Laufe ihres Lebens sehr, sehr gut darin geworden sind, so zu tun, als hätten sie etwas verstanden, was sie nicht verstanden haben." Warum? "Stell dir vor, du bist im Ausland, du kannst die Sprache nicht so gut, aber alle um dich herum tun so, als könntest du die Sprache, und niemand bemerkt so richtig, dass du sie nicht verstehst."

Das ist es, was die Gesellschaft ihrer Meinung nach seit Jahrzehnten im Umgang mit behinderten Menschen macht. Oder wie Porak sagt: falsch macht. Sie zwingt diese, sich anzupassen, auch wenn sie das nicht können, statt ihre Sprache teilweise an sie anzupassen. Und wenn Menschen mit Behinderung gefragt werden, ob sie alles verstanden hätten, sagen sie irgendwann eben lieber Ja als Nein.

Porak findet: Das müsste nicht so sein. Menschen mit intellektueller Behinderung könnten alles verstehen, wenn man es ihnen nur richtig erklärt.

Früher habe sie das selbst nicht ganz geglaubt. Manche Sachen seien zu komplex, um sie in einfache Worte zu verpacken. Seit sie Menschen wie Luise Jäger oder ihren Bruder Matthias bei der Recherche begleitet, weiß sie aber, dass das nicht stimmt. Dass der Universitätsprofessor, der von Matthias zu Umweltthemen befragt wird, nicht unbedingt von "Energieerzeugung" sprechen muss, sondern auch erklären kann, "wie wir Energie machen": Man muss ihn eben nur dazu bringen.

Warum sollte man diese kurzen, einfachen Sätze lesen?

Für Porak ist genau das die Idee von Inklusion: Sie stellt Fragen ans System und nicht an den Menschen. Nicht Matthias ist gezwungen, den Professor zu verstehen, der Professor ist gezwungen, sich für Matthias verständlich auszudrücken. Und so ist Andererseits nicht nur ein Medien-, sondern vor allem ein Inklusionsprojekt. "Eines, das der Journalismus viel dringender braucht als Menschen mit Behinderungen", sagt Porak.

Liest man die Texte von Matthias Porak, Luise Jäger und Sebastian Gruber, hat man allerdings nicht unbedingt den Eindruck, dass diese Überlegung zutrifft. Sie zeichnen sich vor allem durch ihre einfache, konkrete Sprache aus. So schreibt Jäger in einem Auszug ihres Artikels über die Wiener Künstlerin Sigrid Horn:

Die Ideen für ihre Lieder kommen von Gefühlen. Wenn sie glücklich ist, dann funktioniert das mit dem Liederschreiben, aber auch wenn sie traurig ist. Also, wenn sie etwas fühlt.

Die Frage ist: Warum sollte man diese kurzen, einfachen Sätze über eine Künstlerin lesen, wenn es andere, anspruchsvollere Texte über sie gibt?

"Genau deswegen", findet Porak. "Weil sie ein Andererseits zum großen Einerseits bieten. Wir haben ganz viele Journalisten, die in 40 000 Zeichen und sehr anspruchsvoll über Musik schreiben können - und das ist auch okay so. Aber es geht eben auch in vier Sätzen."

Mediengeschichte von Marija Barisic

Redakteurin Luise Jäger diktiert ihre Ideen, Clara Porak schreibt.

(Foto: Marija Barisic)

Aber: Stimmt das? Steht nicht gerade die Kunst für das Komplizierte, Schwere im Leben, das eine differenzierte Auseinandersetzung verlangt? Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass Texte wie jene von Jäger diesem Anspruch jemals gerecht werden könnten.

Für Porak müssen sie das aber gar nicht. Denn Jägers Text sei eben "eine andere Version von richtig", sagt sie. Eine, die die Mehrheitsgesellschaft mit einer neuen Lebensrealität konfrontiert, mit Luises Lebensrealität zum Beispiel.

Im Moment schreiben rund zehn Personen für Andererseits, etwa fünf davon haben eine intellektuelle Behinderung. Einige von ihnen schreiben ihre Texte selbst und schicken sie zum Redigieren an die Gründerinnen. Andere schreiben die Texte nicht selbst, sondern diktieren ihre Ideen und lassen Clara Porak für sie tippen.

Keiner der Redakteure wird derzeit für seine Texte bezahlt. Um das zu ändern, plant das Gründungsteam von Andererseits aktuell ein Crowdfunding und könnte sich vorstellen, Kooperationen mit anderen, größeren Medienhäusern einzugehen.

Was sich Porak für die Zukunft von Andererseits wünscht? "Dass die Leute unsere Texte lesen und sich denken: Wow. Guter Text. Und zwar nicht, weil ihn eine Person mit Behinderung geschrieben hat, sondern weil es einfach ein guter Text ist."

© SZ/ebri/hy
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