Jakob Augstein "Eine beeindruckende Gestalt"

Jakob Augstein, 49, ist seit 2013 Chefredakteur der 2008 von ihm gekauften und verlegten Wochenzeitung Der Freitag. Außerdem gehören ihm als Erbe von Rudolf Augstein Anteile am Nachrichtenmagazin Der Spiegel.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Der umstrittene Publizist Jürgen Todenhöfer ist jetzt Herausgeber des "Freitag". Chefredakteur Jakob Augstein erklärt, warum.

Interview von Evelyn Roll

Seit Januar ist Jürgen Todenhöfer Herausgeber des Freitag - eine umstrittene Personalie; Todenhöfer geriet schon häufig in die Kritik, etwa als er recht zahm den syrischen Diktator Baschar al-Assad interviewte oder später einen IS-Kämpfer in Mossul.

SZ: Jürgen Todenhöfer ist ein umstrittener Mann. Aber er hat 700 000 Fans auf Facebook. Haben Sie ihn deswegen zum Herausgeber des Freitag gemacht?

Jakob Augstein: Jürgen Todenhöfer ist jetzt in seinem dritten Leben. Er war CDU-Politiker. Dann war er Medienmanager. Jetzt ist er eine Art Ein-Mann-Außenpolitik-Taskforce. Er ist - das finde ich sehr ungewöhnlich - auf eigene Rechnung im Nahen Osten unterwegs und schreibt darüber. Sie sagen, er sei umstritten. Das ist doch interessant - dem arrivierten Medienbetrieb ist ausgerechnet ein Mann suspekt, der nicht vom Schreibtisch aus urteilt, sondern sich selbst ein Bild macht. Eine sonderbare Umkehrung. Die meisten von uns haben ihre Informationen aus dem Netz oder aus dem Fernsehen und verlassen sich blind darauf. Aber jemand, der es selber wissen will, der sich Mühen und Gefahren der Reise und der Recherche aussetzt, der ist uns verdächtig. Das ist doch verrückt. Todenhöfer verfügt bei den normalen Lesern über eine ungeheuer große Glaubwürdigkeit, Skepsis schlägt ihm nur vom journalistischen Establishment entgegen. Das macht ihn mir eher sympathisch.

Und deshalb ist er jetzt Ihr Herausgeber?

Ich habe ihn gebeten, Herausgeber des Freitag zu werden, weil er ein überzeugender Antikriegsaktivist ist, in Wahrheit ein Pazifist, auch wenn er das selber nicht so sagt. Pazifisten sind übrigens fast immer und fast überall im Verdacht. Weil eben die meisten Leute Krieg ablehnen - außer in jenen Fällen, die sie selber für richtig halten. Übrigens ist Todenhöfer ein unglaublich charmanter und gewinnender Mann. Eine beeindruckende Gestalt. Einer der wenigen Männer, die ich kenne, die im Alter jugendlich geblieben sind, neugierig.

Und er weiß, wie Facebook funktioniert.

Damit kommen wir jetzt zum Internet. 700 000 Fans bei Facebook ist eine kolossale Zahl. Wenn Todenhöfer ein Posting macht, erreicht er vermutlich ähnliche viele Menschen, wie die Süddeutsche Zeitung mit einem Leitartikel - wenn nicht mehr. Ein Mann alleine, ohne institutionellen Hintergrund! Und das in seinem Alter.

Wie alt ist er eigentlich?

Er ist jetzt 76. Es ist übrigens auch formal spannend, was er im Netz macht. Neben regelrechten Artikeln handelt es sich oft um Pamphlet-Publizistik, Plakat-Publizistik, kurze, eindringliche Texte, Aufrufe, die grafisch aufgearbeitet werden. Das sind mediale Mittel, die es von Anfang an gab, gleich nach der Erfindung des Buchdrucks, in der Französischen Revolution, und dann wieder in der 68er-Zeit. Er hat damit großen Erfolg. Ich suche als Journalist und als Verleger nach Wegen, unseren Beruf in eine neue Zeit zu retten. Todenhöfer gibt ein spannendes Beispiel dafür, was heute möglich ist: Er hat seine Leser ohne Zeitung eingesammelt, ohne Markennamen, ohne Verlag, ohne Werbung. Seine Leser folgen ihm, weil sie ihn schätzen - nicht, weil sie schon immer Abonnenten einer Zeitung waren. Es sind Leser von heute - nicht von gestern.

Aber sie bezahlen nichts.

Richtig. Es geht also um die Frage: Gibt es einen Weg, einen Teil dieser Leser zu zahlenden Kunden eines stetigen, professionellen Produktes zu machen? Wenn die Antwort "Nein" lautet, dann hat die gesamte Branche ein noch viel größeres Problem, als uns klar ist.

Todenhöfer ging juristisch gegen den Spiegel vor wegen eines Artikels zu seinem Buch "Inside IS" - hat das bei Ihrer Entscheidung auch eine Rolle gespielt?

Todenhöfer und ich waren schon vor dieser Geschichte im Gespräch. Der Spiegel hat den Fall vor Gericht nicht gewonnen. Damit war das Thema für mich erledigt.

Und was tut Todenhöfer als Herausgeber des Freitag, außer dass er vielleicht seine Follower bringt?

Er schreibt hin und wieder Texte. Und wir beginnen jetzt, über die Kooperation mit seiner Seite nachzudenken. Ich weiß selber noch nicht, wie das aussehen wird.

Stecken Sie immer noch Monat für Monat Geld in den Freitag?

Nein. Der Freitag macht keine Verluste mehr. Wir machen das ja immerhin seit Anfang 2009. Nach den buchstäblichen sieben mageren Jahren sind jetzt noch nicht die fetten angebrochen - aber immerhin gibt es uns noch. Das ist nicht selbstverständlich. Wir wachsen langsam aber stetig, im vergangenen Quartal ist unsere Auflage um zwölf Prozent gestiegen. Das freut mich sehr.

Es gab offenbar Leute in der Redaktion, die sagten: Wenn Todenhöfer kommt, gehe ich.

In einer selbstbewussten Redaktion wird jede wegweisende Entscheidung der Chef-redaktion oder der Geschäftsführung hef-tig diskutiert. Zum Glück ist das so. Aber in der Redaktion hat niemand gesagt, er wolle gehen und es ist auch keiner gegangen. Die Entscheidung, Jürgen Todenhöfer zum Herausgeber zu machen, hat uns Ende des vergangenen Jahres dazu gebracht, noch einmal gemeinsam darüber zu reden und zu streiten, was der Freitag eigentlich ist, warum es ihn gibt. Ich hatte vollkommen vergessen, wie wichtig eine solche Selbstbestimmung für uns ist. Auch unsere Redaktion bleibt ohne Rückbesinnungen nicht von der Gefahr verschont, die allen Redaktionen droht.

Welche ist das?

Es ist das Risiko der Mitte. Wenn man die Leute in Ruhe lässt, streben sie auf Dauer automatisch in die Mitte, in Richtung eines bequemen, bürgerlichen schwarz-grünen Konsens. Aber das ist nicht unsere Identität. Wir sind eine linke Zeitung. Wir müssen und wir wollen uns von den anderen unterscheiden. Aber das unabhängige Denken ist anstrengend. Es verlernt sich schnell.

Macht Ihnen diese Anstrengung noch Spaß oder denken Sie manchmal: Habe ich eigentlich lebenslänglich?

Das denke ich als Journalist dauernd. Aber nicht wegen des Freitag.